Ganz egal, ob Schwarz, ob Weiß (1)

1. Tischtennispensionisten (die Akazienkriege)

Der Donaupark der 80iger Jahre – ein Eldorado für das gelangweilte transdanubische Arbeiterkind. Stundenlang lassen Lumpi Lamprecht und ich die Frisbeescheibe zwischen uns fliegen. Wir hetzen einander in der sommerlichen Gluthitze über die öffentlichen Asphalttennisplätze und schlagen uns beim Minigolf beinah die Schädel ein. Im Schatten gewaltiger Kastanien wird stundenlang darüber diskutiert, welche Hälfte des Twinnies nun die bessere ist (die grüne!). Unsere Mütter sind selig. In der Früh drücken sie uns einen Zwanziger in die Hand, Trinkflaschen werden eilig in Rucksäcke gestopft, und im Wissen, man wird uns erst wieder nach Einbruch der Dunkelheit zu Gesicht bekommen, werden wir mit zärtlicher Gewalt bei der Tür hinausgeschoben.

Lumpi heißt eigentlich Lambert und ist mein bester Freund. Im Gym gehen wir in dieselbe Klasse, und er wohnt nur zwei Stiegen weiter. Den Donaupark suchen wir täglich heim, auch an den Wochenenden. Es geschieht in der zweiten Julihälfte, dass wir auf einer unserer ausgedehnten Fahrradpatrouillen durch den Park auf die Tischtennistische stoßen. Es sind nur die Tische, ein Netz muss man selbst mitbringen. Angefixt von dem Gedanken, es diesem Arsch Gerry Weber auf der nächsten Landschulwoche beim Ping-Pong so richtig heimzahlen zu können, gehe ich meiner Mutter so lange auf die Nerven, und drohe keinen Fuß mehr vor die Tür zu setzen, bis sie mit einer Finanzspritze herausrückt, ausreichend, um in der Sportabteilung vom Großkonsum an der Mitterhofergasse eine entsprechende Investition zu tätigen.

Grob lassen sich die Tischtennistische im Donaupark in zwei Kategorien einteilen: sehr super und sehr g‘schissn. Dazwischen gibt es nichts. Die super Tische sind in tadellosem Zustand, gut beschattet und windgeschützt. Die g‘schissenen liegen ab neun Uhr in der prallen Sonne. Entsprechend angewittert sind sie, und abgenudelt, und beim kleinsten Windhauch kannst du den Tischtennisball in den Akazien suchen gehen. Lumpi und ich lernen schnell: die Akazie ist kein freundlicher Strauch.

Auf der Jagd nach den super Tischen erkennen wir sehr rasch den natürlichen Feind: den Tischtennispensionisten. Es wächst in uns die Überzeugung, dass dieser Menschenschlag hier irgendwo im Donaupark heimisch sein muss. Völlig egal, wann wir kommen, der Tischtennispensionist hat sich bereits alle super Tische unter den Nagel gerissen, und Lumpi und ich dürfen in den Akazien herumturnen.

Wir lernen das frühe Aufstehen auf die harte Tour, um auch nur so etwas Ähnliches wie Chancengleichheit herzustellen. Als wir das erste Mal einen guten Tisch ergattern (den besten!), ist es halb sieben in der Früh. Trotzdem sind wir euphorisch und spannen unser Netz auf, wie anno seinerzeit der Amerikaner die Flagge auf Iwo Jima. Es vergehen keine drei Minuten, da nähert sich schon das erste Tischtennispensionistenrudel. Überraschung macht sich auf den wettergegerbten Gesichtern breit, als sie unserer ansichtig werden. Eine Weile schauen sie uns zu, stumm und abschätzig – Tischtennisprofis sind wir beide nicht. Dann verziehen sie sich schulterzuckend auf einen anderen (auch ziemlich superen) Tisch, und Lumpi reckt triumphierend die Faust in die Höhe: „Yes!“ Wir spielen bis die Sonne weg ist und wir den Ball nicht mehr gescheit sehen können.

Am nächsten Tag sind wir wieder um halb sieben gestellt. Unser Tisch ist bereits besetzt. Alle anderen übrigens auch. Wie es aussieht, hat sich die Nachricht über unseren gestrigen Anschlag auf die natürliche Ordnung wie ein Lauffeuer in der Tischtennispensionistenszene herumgesprochen, und heute haben sich alle zusammengerottet, um es uns heimzuzahlen. Die Alten machen den Eindruck, als wären sie schon seit Stunden hier. Eine Tischtennispensionistin hat sogar die Frechheit uns lächelnd zuzuwinken. Die Schmerzen, die uns der Muskelkater bereitet, den wir heute mit uns herumschleppen, sind nichts im Vergleich mit dieser Demütigung. Später beim Minigolf, wir haben heute keine Lust auf Akazienrumgekraxel, sagt Lumpi grimmig: „Kann nicht sein, dass uns die Pensln so meier machen.“

Nächster Tag. Fünf Uhr. Von der Sonne sieht man noch nicht viel, als wir uns mit schlafverquollenen Augen in den Donaupark schleppen. „Geh, leck“, knirscht Lumpi. Auf der Parkbank neben dem besten aller super Tischtennistische sitzt schon ein Tischtennispensionist, schlürft Kaffee aus der Thermoskanne und liest die Krone. Wir beschließen, ihn einfach zu ignorieren. Aber kaum, dass ich anfange das Netz festzuschrauben, da tönt es schon: „Der ist reserviert!“ Darauf Lumpi, definitiv der Goscherte von uns beiden: „Sowieso. Für uns!“

Der nachfolgende Abtausch an Verbalinjurien ist unerfreulich. Erhitzte Wortspenden wie „Rotzpipp‘n“, „Ohrwaschlkaktus“, „oida Schneebrunzer“ und „Hosenscheißer“ fliegen wie Tischtennisbälle hin und her. Lumpi pfeift sich da relativ wenig. Erst als der kaffeesaufende Tischtennispensionist Verstärkung aus der eigenen Sippe bekommt, kapituliert er. Zornig kickt er seine Adidas-Tasche ein paar Meter weit weg und verzieht sich in den nächstbesten Schatten, wo er trotzig und gänzlich unlustig in einem Lustigen Taschenbuch zu blättern beginnt. „Das ist mir sowas von wurscht“, zischt er mich an, als ich ihn frage, ob wir nicht mit einem von den g‘schissenen Tischen Vorlieb nehmen wollen. Lumpi kann richtig stur sein.

Aber allzu stur dann gottseidank auch wieder nicht, denn als uns eine der Tischtennispensionistinnen nach ein paar Stunden des trotzigen Brütens fragt, ob wir vielleicht auch gern ein kaltes Schnitzerl und einen selbstgemachten Erdäpfelsalat möchten, da löst sich die Trotzigkeit vom Lumpi ganz schnell in Luft auf. Die Schnitzel sind richtig gut und der Salat ist mit Mayo und Gurkerln abgeschmeckt, und in Lumpi steigt so eine arge Friedfertigkeit auf, dass er sich bei dem einen Tischtennispensionisten für den „alten Schneebrunzer“ entschuldigt. Dem taugt das auch total, und er lädt uns dann sogar ein, dass wir bei ihnen für den Rest des Tages mitspielen dürfen, und weil das halt einfach wirklich der beste von den guten Tischtennistischen ist, sagen wir auch ja. Und dass wir zwei Ohrwaschlkaktusse beim Spielen gegen keinen einzigen der Tischtennispensionisten auch nur den Hauch einer Chance haben, soll auch nicht verschwiegen werden.

(Fortsetzung folgt)

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