Ganz egal, ob Schwarz, ob Weiß (4)

4. Ein Liebling sein

Darf ein Wurm vom Himmel träumen? Die Rolle des bloßen Zuschauers bei den Schachspielern im Donaupark nagt an meiner dreizehnjährigen Seele wie der zwar versprochene, aber niemals stattgefundene Zungenkuss mit Kathi Dvorak aus der Parallelklasse. Das Problem: obwohl ich die Regeln des Spiels so halbwegs intus habe, begreife ich intuitiv, dass ich dennoch keine Ahnung habe. Schach ist eines der Spiele, bei denen man nach den zwanzig Minuten, die man zum Erlernen der Regeln aufzuwenden hat, mit Fug und Recht sagen kann: „Danke, jetzt weiß ich nichts!“ Und als armes Würstchen, das eine Springergabel nicht von einem Läuferfianchetto, und das abgelehnte Damengambit nicht von der Französischen Verteidigung unterscheiden kann, hast du bei den Kapazundern im Donaupark ausgeschissen.

Immerhin lerne ich beim Zuschauen eine ganze Menge dazu. Das wenigste davon ist geeignet, meinen Schachhorizont zu erweitern. Die Donaupark-Kapazunder kennen einander alle schon mindestens seit dem Höllenkessel vor Stalingrad, und jeder von ihnen hat einen Namen, einen nom de guerre, unter dem er in der Szene bekannt ist. „Der lange Böhm“, etwa, oder „der Tankwart“, „der Herr Professor“, oder „der Husterer“. Und es gibt „den Liebling“. Ich bin überzeugt, dass der Liebling bestimmt schon mit Kaiser Franz Joseph Schach gespielt hat, und jeden Tag, an dem er angeschlurft kommt, vollzieht sich das gleiche Ritual. „Wo sind denn alle meine Lieblinge?“, ruft er zur Begrüßung schon von weitem. Was für gewöhnlich folgt, ist ein kollektives Kapazunderknurren, dem ganz und gar nichts Liebliches anhaftet.

Der Liebling lässt sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Von Spieler zu Spieler wackelt er, und von Kiebitz zu Kiebitz. „Da ist ja mein Liebling!“, und so schüttelt er jede noch so unwillige Hand. Mich ignoriert er komplett. Auf der einen Seite bin ich darüber ziemlich froh, auf der anderen Seite aber auch irgendwie angefressen. Mit jedem Tag, an dem ich dem Ritual des Lieblings beiwohne, wird mir immer klarer: ich möchte auch einer seiner Lieblinge sein.

Und so heißt es, die Zähne zusammen zu beißen, und alles, was um mich herum in dieser Schachkommune vor sich geht, in mich aufzusaugen. Ein stummer Schwamm. Ein zentrales Werkzeug, dessen Beherrschung auf dem Weg zur Schachmeisterschaft unentbehrlich ist, ist der trash talk. Den Gegner durch möglichst sinnloses Geplapper aus dem Konzept zu bringen, ist mindestens so wichtig, wie das Auswendiglernen der Eröffnungszüge. Also höre ich genau zu. Besonders ergiebig sind die Schlachten, die der Herr Professor mit dem Tankwart schlägt. Wie Sperrfeuer aus Maschinengewehren fliegen die Wortsalven hin und her.

„Herr Professor spielen heute wie ein Schatten meiner selbst!“
„Schachuzi, Krawutzi, sie werden schon sehen!“
„Oj, jetzt will er meine Dame nach Syrien entführien!“
„Sie dürfen gern zwei Züge machen, sonst krieg ich wieder Ärger mit der Menschenrechtskommission.“
„Ihr Königsflügel schaut aus, wie der Hund vom Husterer. Ein hässliches Bastardl.“
„Mehr Luft, Clavigo!“
„Wo der Narr ein Schach sieht, gibt er es!“
„Dolche will ich nur reden, keine brauchen!“
„Hat Herr Professor sich schon einmal mit ‚Mensch, ärgere dich nicht‘ beschäftigt? Das wär was für ihn.“
„Ich fordere Satisfaktion!“
„Ha, ha, dieser Springer springt nicht mehr!“
„Tierquäler, Haderlump!“
„Und ein Schach noch obendrauf!“
„Oweh, oweh, touché, juchhe! Kontra, sag ich!“
„Matt, das ist mein letztes Wort!“
„Halb zog er mich, halb sank ich hin …“
„Revanche! Aber nur weil Sie es sind.“
„Da sagt der Scheich zum Emir: jetzt zahlen wir noch, dann gehen wir …“
„Und der Emir sagt zum Scheich: Zahlen wir nicht, spielen wir gleich!“

Fortsetzung folgt

Teil 1: Tischtennispensionisten

Teil 2: Ein Hund brunzt

Teil 3: Der Unberührbare

Teil 4: Ein Liebling sein

Teil 5: Gefahr aus dem Süden

Teil 6: Die Ehre alter Männer

Teil 7: Das Slibowitzgambit

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3 Antworten

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