Ganz egal, ob Schwarz, ob Weiß (5)

Gefahr aus dem Süden

Die letzte Augustwoche zieht ins Land, als das Wunder passiert. Ich komme spät in den Donaupark, denn auf halbem Weg springt mir die Fahrradkette heraus, was mich locker eine halbe Stunde kostet. Als ich mich endlich völlig verdreckt und verschwitzt und vorsichtig in die Pedale tretend der Schachspielerenklave nähere, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Die Kapazunder sind vollständig anwesend. Der Professor, der Liebling, der lange Böhm, der Husterer und der Tankwart. Sie haben sich ein gutes Stück abseits vom Freiluftschach im Kreis zusammengerottet. Gesten und Wortfetzen, die ich aufschnappe, lassen eine gereizte Aufgeregtheit erkennen, die sich der ganzen Gruppe bemächtigt hat.

„Ein Skandal!“
„Was glauben die, wer sie sind?“
„Was erwartest dir denn von den Tschuschn?“
„Böhm, ich bitt dich, reiß dich ein bissl zamm!“
„Pah!“

Ich lasse mein Fahrrad ins Gras sinken und mein Blick fällt auf die Männer, die sich um das große Freiluftschachbrett eingefunden haben. Es ist eine Gruppe alter Jugoslawen, sechs Herren, lachend, schwatzend, heftig gestikulierend in ihr Spiel vertieft.
Schachspieler.

Der lange Böhm fährt den Husterer an. „Das ist alles deine Schuld!“
„Meine?“
„Du bist immer als erster da!“
„Ich wurde das Opfer eines Flankenangriffs im Morgengrauen“, verteidigt sich der Husterer, „Was hätt ich machen sollen? Eine Rauferei anzetteln?“
Die anderen Kapazunder starren ihn schweigend an, und ihre Blicke sagen: Ja, hättest du.

„Wir sollten gegen sie spielen!“
Kaum ist mir dieser Satz rausgerutscht, bereue ich ihn auch schon. Die Kapazunder drehen sich langsam zu mir um. Keiner von ihnen hat bis jetzt auch nur die geringste Notiz von mir genommen. Ich fühle mich irgendwie klein und wertlos, als ich hier plötzlich im Zentrum der geballten Aufmerksamkeit stehe. Eine Zeitlang sagt keiner etwas. Nach einer gefühlten Ewigkeit lässt sich der Professor vernehmen: „Er hat recht!“
„Wie bitte?“, sagt der lange Böhm.
„Wir sollten wirklich gegen sie spielen“, der Professor lächelt jetzt breit, „Ein Mannschaftsmatch um das Freiluftschach. Mann gegen Mann. Sehr ehrenhaft, wie ich finde.“
Die anderen sind nicht überzeugt. Schließlich bringt der Liebling das Killerargument.
„Es geht sich nicht aus. Die sind zu sechst und wir sind nur fünf.“
Aber der Professor hat offenkundig auch diesen Gedanken schon zu Ende gedacht, denn er sagt zum Liebling: „Ich glaub, du solltest noch einmal durchzählen.“

Fortsetzung folgt

Teil 1: Tischtennispensionisten

Teil 2: Ein Hund brunzt

Teil 3: Der Unberührbare

Teil 4: Ein Liebling sein

Teil 5: Gefahr aus dem Süden

Teil 6: Die Ehre alter Männer

Teil 7: Das Slibowitzgambit

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