Luftikus

In der Alsbachprinzessin verwehrt man sich seit jeher allem was modern sein könnte. Im Grunde ist das auch gut so und wird von der traditionsbewussten Stammdranglermannschaft begrüßt. Zieht jedoch der Sommer ins Land, regt sich sogar in der Prinzessin ein gewisser Unmut im Volke. “Oida”, so hört man dann, “wieso hobts’n es ka Klimaaunlog?”

“Hoid’s die Papp’n”, kontert an dieser Stelle Lieblingskellner Frantisek die aufkeimende Renitenz, “wir brauch’n do herinnen kan Klimawandel!”, und schaut dabei bedeutungsvoll zum einzigen Deckenventilator hoch, der in der Gaststube mit gefühlten zwei Umdrehungen pro Stunde seit Urzeiten seinen trostlosen Dienst versieht. Der solcherart belehrte Gast sieht sich nun vor die Wahl gestellt, die Alsbachprinzessin hitzebedingt zu fliehen, was die Lage nur rudimentär bessern würde, oder sich die herrschenden Backofentemperaturen einfach schön zu saufen. Ein Fernet mit Eis hilft für gewöhnlich, den so entstandenen Gewissenskonflikt zeitnah und effizient aufzulösen.

Aber was lehrt uns die Geschichte? In jeder schlampig geführten Diktatur ist’s irgendwann Schluss mit lustig. Es darf also nicht verwundern, dass sich letzte Woche eine dreiköpfige Stammgästedelegation mit Groll im Herzen und Schweiß auf der Stirn vor Frantisek aufbaute. “Frantisek”, so sprach der Ingenieur Penz, der allem Anschein nach zum Revolutionsführer bestimmt worden war, mit kaum zitternder Stimme, “wenn sich hier klimatisch nix ändert, dann gehen wir ab jetzt in die Schwarze Katz!” Frantisek, eben noch vertieft, aus der vorgestrigen Krone einen Sonnenhut zu falten, erstarrte. Langsam, sehr langsam legte er die Zeitung zur Seite und richtete sich zu voller Größe auf. Rein optisch, so schien es mir von meinem sicheren Beobachtungsposten an der Schank, schrumpften die drei wackeren Helden zeitgleich etwa auf Gartenzwergniveau. Neben dem Ingenieur Penz waren noch der Obmann vom Sparverein und der Schnapserkönig angetreten, ihr Leben für die gute Sache zu lassen. “Und wer, ihr Waschln”, schrie Frantisek nun mit Donnergrollen in der Stimme, “soll des zahlen? Ha?”

“Wir haben zammg’legt!”, quiekte da der Obmann des Sparvereins und wachelte mit einem Kuvert vor Frantiseks Nase herum. An dieser Stelle fühlte sich der Lieblingskellner wohl bereits etwas in die Defensive gedrängt: “Ja bittschön, dann geht’s halt und kauft’s a Klima.”, sagte er trotzig, “ICH hab für sowas aber ka Zeit!” Betretenes Schweigen trat ein, hatte doch keiner der Akteure den bisherigen Gesprächsverlauf so vorausgesehen. “Also ich kann auch nicht”, sprach der Ingenieur Penz schließlich mit unsicherem Blick durchs Fenster, vor dem sich der Sommer gerade anschickte das vierzigste Grad auf Hernals runterzuprügeln. Auch die anderen Herrschaften wirkten tendenziell demotiviert, die relative Sicherheit der Alsbachprinzessin aufzugeben.

Blöde G’schicht, dachte ich amüsiert und nahm einen genuss- aber vor allem geräuschvollen Schluck von meinem Krügerl. Ein Fehler, denn solcherart auf mich aufmerksam geworden, wandten sich nun vier Augenpaare in meine Richtung. “Das könnt’s gleich vergessen”, sagte ich noch, aber es sind wohl immer diejenigen mit den jüngsten Beinen und die, die sich mit dem Technikklumpert halt am Besten auskennen, die am Ende immer die sprichwörtliche Krod fressen dürfen.

Eine halbe Stunde später fand ich mich jedenfalls dem klimatechnisch überwältigenden Sortiment beim Elektro-Vavra ausgeliefert, drei Querstraßen von der Alsbachprinzessin entfernt. “Ein Klimagerät für die Gastro? Warten’s Zwickel, da hab ich was Fesches”, sprach der alte Vavra und verschwand im Lager, aus dem er kurze Zeit später mit einem Riesenkarton auf einem Rollwagerl wiederkehrte. “Das da”, schnaufte er, “ist der PubCooler XL. Den hab ich aus einer Insolvenz. Spottbillig!”

“Wieviel?”, sagte ich. Vavra nannte einen Preis und ich tat einen ersten Blick ins Stammgästekuvert, das ich mitbekommen hatte. Danach brach ich in schallendes Gelächter aus.

Kurz danach in der Alsbachprinzessin, wo ich einem hechelnden, schwitzenden Publikum, das mit erwartungsvollen Blicken an meinen Lippen hing, meine Anschaffung mit großer Geste präsentierte. “Das, meine Herren”, ich stellte ein nicht wahnsinnig großes Plastiksackerl auf den Tisch, “ist das Ende all unserer Klimasorgen. Ich sag nur”, und hier enthüllte ich, was ich mitgebracht hatte, “zieht’s Euch warm an!”

Die Stille, die eintrat, war schwer zu deuten. Augenbrauen hoben sich, Mundwinkel taten gegenteiliges, ehe der Ingenieur Penz irritiert versuchte, die Situation für sich auf den Punkt zu bringen: “Zwickel, bist deppert word’n?” Heftiges, zustimmendes Nicken vom Obmann des Sparvereins, der Schnapserkönig schnappte nach Luft.

“Hochverehrtes Publikum”, ich war nun ganz in meinem Element, “was sie hier sehen, ist der LUFTIKUS 2000, das derzeit letzte Wort am Kleinklimasektor. Gewissermaßen die technologische Speerspitze im Bereich der Mikroluftverwirbelung, und damit das allerbeste, das man heutzutage im Preissegment bis fünfzehn Euro kriegen kann!”

Ich ließ meine Worte wirken, während von der Schank her Frantiseks hämisches Kichern zu hören war. Ich kann es ihm nicht verdenken, denn der LUFTIKUS 2000 wirkte auf den ersten Blick nur mäßig beeindruckend. In dunklem Aquamarin gehalten überragte der Tischventilator kaum ein Seidlglas. Die Gesichter meiner drei Patienten hatten inzwischen eine tiefe Schamesröte angenommen. “Ich hab dir gleich g’sagt, dass des nix wird”, zischte der Ingenieur Penz den Obmann des Sparvereins an. “Ja, was hätt ich machen sollen, wenn wir erst letzte Woche Auszahlung g’habt haben?” Der Schnapserkönig hingegen rief: “Geh Zwickel, dann schalt das, äh, Dings da halt einmal ein, in Gott’s Nam!”

“Ich habe mir erlaubt, die Bereicherung des Alsbachprinzessinnenklimas durch die Anschaffung zweier nicht im Lieferumfang des LUFTIKUS 2000 enthaltenen Batterien zu unterstützen”, rief ich fröhlich und drückte den Ein-Schalter. In der ersten Sekunde passierte erst mal gar nichts, dann beschloss der kleine Luftikus aber doch noch, vorsichtig flappend den Dienst aufzunehmen. Der Ingenieur Penz sprang auf und ging mit seinem Gesicht nahe an den Ventilator heran. Sehr nahe.

“Aaah, des is herrlich!”

”Geh Penz, lass mi auch amoi!”, drängelte der Obman des Sparvereins, “Pfau, sehr super!”

”Jetzt bin ich aber dran”, rief der Schnapserkönig.

Den restlichen Nachmittag und Abend konnte man nun beobachten, wie die drei aus allernächster Nähe dem LUFTIKUS 2000 huldigten. Drängelnd, keppelnd, stöhnend und nach kühler Luft gierend. Bis zur Sperrstunde musste noch dreimal geknobelt werden, wer als nächster neue Batterien beim Elektro-Vavra holen geht.

“Wir schauen halt auf unsere Stammgäst!”, grinste mich Frantisek an, als ich den Heimweg antrat. Die Temperatur in der Prinzessin lag zu diesem Zeitpunkt bei 37 Grad, was mich aber nicht kümmerte. Immerhin erwartete mich daheim schon mein neuer Liebling. Der PubCooler XL.

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