If I could turn back Time

„Guten Morgen, Kompanie“, brüllt der Herausgeber an diesem Morgen beim Betreten der in ganz neuem Gewande erstrahlenden Redaktion des Hernalser Morgenpostillons. Mit einer Hand wirft er einen zackig-militärisch anmutenden Gruß in die Runde während er mit der zweiten angestrengt einer jungen und in feinsten Businesszwirn gehüllten Dame – ein durch und durch ehrbares Mitglieder der Generation Y, wie ich mit fachmännischem Blick sofort erkenne – die noch etwas streng eingestellte Sicherheitstür aufhält, die das Redaktionsgesinde von der Außenwelt trennt. Mit der dritten Hand wedelt er in meine Richtung. „Zwickel, kommen’s!“

Er stellt uns einander vor. „Das ist die Kollegin Holder aus dem Controlling unserer deutschen Muttergesellschaft, die sich über unsere Fortschritte bei der Durchführung der Operation „Barbarossa“ informieren möchte.“ Die junge Dame – sie hat lange schwarze Haare, wie Anno Tobak Karin Dor als Ribanna im Winnetou – schaut, pardon, kuckt ein wenig verwirrt. „Barbarossa“, so erklärt ihr der Herausgeber, ihr nachdenkliches Stirnfältchen bemerkend, „ist unser internes Codewort für das Projekt.“ Ach ja, fällt mir da wieder ein. Das Projekt.

Ein kurzer Exkurs.

Ich nehme an, sein Name ist Hans-Dieter. Oder Magnus. Aber wahrscheinlich doch Hans-Dieter. Wie auch immer: Hans-Dieter sitzt den lieben langen Tag in seinem Officeloft im 45. Stock des Frankfurter Rundschau Towers, blinzelt verträumt in seine Tageslichtlampe, streichelt dabei zärtlich über die Fair-Trade-Sofaüberzüge, die ihm seine Frau für die Wildpferdledercouchgarnitur in seinem Büro gehäkelt hat, und hat den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als sich neue Konzernrichtlinien und Produktivitätssteigerungsmaßnahmen auszudenken, mit denen er seinen lieben Mitkollegen aber mal so richtig auf die Eier gehen kann. Der Name seines neuesten diabolischen Meisterwerks: AGIL. „Handelst du nicht agil, kommst du nicht ans Ziel!“, mit diesem, an Peppigkeit nicht mehr zu überbietenden Slogan ist es Hans-Dieter gelungen, die komplette Vorstandsetage in einen maximal-erregten Veitstanz zu versetzen. Und das bereits 75 Jahre nachdem sich Mitsubishi das erste Kanban-Board in die Werkshalle gestellt hat. Kernpunkt der agilen Arbeitsmethode ist es, eine Arbeit, ein Projekt, was auch immer, so lange in so kleine und kleinste Teilstücke zu zerteilen und auf eine infinite Menge an zufällig Herumstehenden zu verteilen, dass es im Nachgang unmöglich ist festzustellen, wer eigentlich daran schuld ist, dass „dieser Scheißdreck“ nicht funktioniert. Danach macht man ein sog. „Lessons Learned“-Meeting, dokumentiert die hier erworbenen Erkenntnisse, packt die hier anfallenden 8 Kubikmeter feinsten Druckerpapiers in massive Holzkisten, die man nach Neu-Guinea verschifft, und fängt wieder von vorne an. Als Grundvoraussetzung der agilen Arbeitsmethode gilt gemeinhin das „Schaffen neuer Kreativräume“, oder anders formuliert: existierende Büroinfrastrukturen gilt es, so lange und auf so liebevolle Weise umzugestalten und zu verbessern, bis beim Betreten des – ach, du geile Scheiße! – neuen Büros bei allen Betroffenen Blut aus den Augenwinkeln quillt und in ihren Hirnen nur noch positive Bilder entstehen, wie etwa die Landung der Alliierten in der Normandie.

Ende Exkurs.

„Hallöchen, ich bin die Cher“, in bester Hipstermanier wirft mich die kleine Deutsche vor die Duz-Lokomotive und hält mir ihr zierliches Händchen hin. Einen Augenblick lang bin ich versucht zu sagen: „Grüß Gott, und ich bin der Magister Zwickel!“, will aber schließlich doch nicht als vertrockneter alter Sack vor ihr dastehen. Stattdessen sage ich: „Ähm, Cher?“ Sie strahlt. „Meine Mutti ist ein RIESENFAN!“, jauchzt sie, und es hat den Anschein, dass in ihrer Welt „RIESENFAN einer mittlerweile zu 80 Prozent aus Plastik bestehenden alternden Pop-Diva sein“ und „ein Heilmittel für Krebs gefunden haben“ in etwa den gleichen Stellenwert haben dürften. Und ich kann es mir an dieser Stelle nicht verkneifen. „Du heißt Cher Holder?“ Chers linkes Augenlid beginnt nervös zu flattern. Gut möglich, dass ich nicht der erste bin, dem da etwas aufgefallen ist. „Wir führen Sie jetzt ein bissl herum, Frau, ähm, Holder, ähm Cher. Ja!“, wirft sich der Herausgeber tapfer vor ihren eben anfahren wollenden Zug der bösen Erinnerungen.

Gekonnt überspringt er den fetten Reimann, der sich in der Welcome Zone in Embryohaltung auf dem nagelneuen Spannteppich zusammengerollt hat, und unablässig an seinem Daumen lutschend sein neu gefundenes Mantra wiederholt: „Wir haben alle Platz, keiner muss stehen, wir haben alle Platz, keiner muss stehen, wir haben alle Platz …“ „Was hat denn der Kollege?“, will Cher wissen. „Ah nix“, sage ich, „Der war heut nur ein bisserl zu spät dran. Weißt du, ab halb sechs kann‘s schon ein bissl knapp werden mit den Schreibtischen.“ Ich grinse vergnügt. „Wollen Sie, – äh, haha, pardon – willst DU vielleicht meine Storage Area sehen?“ Cher macht große Augen. „Uiii“, quietscht sie aufgeregt, „supergern!“ Ich führe sie, vorbei an Frau Rössler von der Anzeigenverwaltung, die ihren vier Kindern gerade demonstriert, wie aufregend so ein stufenlos höhenverstellbarer Schreibtisch sein kann (huiiii!), in den hinteren Bereich der Redaktion. Zu meiner „Storage Area“ hätte mein Onkel Leopold – Gott hab ihn selig – seinerzeit höchstwahrscheinlich „Spind“ gesagt, oder eher „Scheißspind“, denn so richtig Platz findet man hier nicht Jedenfalls nicht, wenn man – so wie ich – großen Wert auf die fachgerechte Unterbringung von dreihundert Teilen „Lustige Taschenbücher“ legt. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Bis zu meinem Spind kommen wir sowieso nicht. Eine aufgebrachte Menschenmenge versperrt uns den Weg. „Was‘n hier los?“, möchte Cher wissen. „Kein Grund zur Aufregung“, beschwichtige ich, „als Teil unserer kooperativen Identitätsfindung haben wir unsere Toiletten auf ‚unisex‘ umgestellt – im Gegenzug haben wir aber nur noch eine im ganzen Haus! Da kann es schon hin und wieder zu kleinen, ähm …“, verzweifelt krame ich in meinem Hirn nach dem richtigen Ausdruck, „daily Sprints kommen!“ Gerade noch die Kurve gekriegt! „Meinst du nicht doch etwa daily standups?“, Chers Indianeraugen durchbohren mich prüfend. „Verbrecher, stehengeblieben“, brülle ich in diesem Moment los und stürme in Richtung Online-Redaktion, wo ich unserem Praktikanten mit Gewalt eine seiner seltenen Orchideenzüchtungen aus den Fingern winde. „Privatpflanzen haben in unserem agilen Kreativwertschöpfungszusammenarbeitsdingens nichts verloren, du MONSTRUM!“. Der Praktikant bricht in Tränen aus.

Leicht betreten schauen sowohl Herausgeber als auch Cher Holder in die Gegend. Schließlich sagt Cher: „Wo kann ich denn hier eben mal eine rauchen gehen?“ Darauf zückt der Herausgeber sein Handy: „Warten’s, kein Problem, ich ruf ihnen gleich ein Uber!“

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