Zwei wie Hund und Katz

„Tschüss, ihr Wappler!“, so sprach der fette Reimann, seines Zeichens Gesamtleiter Sportressort beim Hernalser Morgenpostillon, und blieb – wie üblich – in der Drehtür stecken. Anders als sonst vermochte es dieses Hoppala diesmal jedoch nicht, ihm das Hutschpferdgrinsen aus dem Gesicht zu wischen.

„Da ist aber einer gut drauf“, schnappte ihm Kollegin Natalie nach. „Ja, sicher“, Reimann befreite sich mühselig, „ab jetzt könnts ihr Hübschen euch nämlich gegenseitig mobben. Habe die Ehre und geht’s scheißen!“. Diese Wortwahl ließ mich dann doch aufhorchen, und der Verdacht, der an dieser Stelle in mir zu keimen begann, wurde durch den zeitgleichen Auftritt des Chefredakteurs mit den Worten „Kinder, ganz kurz mal – jetzt liegt’s an Euch!“ zum Blühen gebracht. „Der Kollege Reimann“, so fuhr er fort, „steht dem Morgenpostillon ab heute nur noch bedingt, also quasi inoffiziell, oder eher beratend, oder, extra für Euch kleinkarierte Erbsenzähler, gar nicht mehr zur Verfügung“.

„So ein Schas“, sagte Natalie, „so einen Volltrottel für den Sportteil find ma nie wieder“. Hier blieb der stahlgraue Blick des Chefredakteurs an mir hängen, und ich dachte mir nur „Oje“. Und Natalie brachte es mit der Eloquenz einer Vollblutjournalistin auch gleich auf den Punkt: „Oje“.

Als Mann der Tat hatte ich nach lediglich zwanzig Minuten das Reimann’sche Erbe geordnet: ich würde künftig die Berichterstattung für die Hernalser Damencurlingmeisterschaften übernehmen, Natalie selbst hatte ich überredet, sich der Wuzlerturniere anzunehmen, die anderen Randsportarten delegierte ich via E-Mail an unseren slowakischen Limerickschreiber. Damit verlieh ich meiner alten Maxime Ausdruck, derzufolge ein guter Sportteil das Herzstück jeder großen Zeitung ist. Mit dem abschließenden Segen des Chefredakteurs wähnte ich damit die Causa „Judas Reimann“ erledigt, und tatsächlich, in den nächsten beiden Tagen lief das Sportressort wie am Schnürchen. Dann kam der Montag.

„Zwickel, zu mir!“, brüllte der Chefredakteur, als ich frühmorgens um halb zwölf die Redaktion betrat. „Beschwerden, Panik, Chaos, Wahnsinn greift um sich!“, kreischte er, kaum dass ich die Tür geschlossen hatte, „Zwickel, wie konnte das passieren?“
„Wie konnte WAS passieren?“, fragte ich.
„In der Wochenendbeilage waren keine Katzerln! Meine Mutter hat mir zwei Tag lang die Hölle heiß gemacht!“
„Katzerln?“, maunzte ich, „welche Katzerln?“
„Jedes Wochenend“, tobte der Chefredakteur, „verwöhnen wir unsere Stammleserschaft mit dem ‚Samtpfoterl von Frau Roberta'“, und die hat diesmal gefehlt. Diese Kolumne ist DIE finanzielle Tragsäule des Morgenpostillons, verstehen Sie den Ernst der Lage?“
„Ist mir eigentlich wurscht, was sagt denn die Frau Roberta dazu?“
„Sie Depp, es gibt keine Frau Roberta, das hat doch alles immer der fette Reimann geschrieben!“

„Oje“, dachte ich mir und fühlte mich irgendwie verkatert. Das wurde auch nicht besser, als ich kurz darauf vom Reiman eine SMS erhielt: „Miau? ;-)“. Diese Arschnase. Eine panisch von mir durchgeführte Recherche in den Samtpfoterln der letzten paar Monate zeigte mir dann auch noch das ganze Ausmaß der Tragödie. Verglichen mit dem Sport hatte Reimann bei den Katzen wirklich was drauf. Ich startete einen verzweifelten Versuch beim Chefredakteur von den Katzen auf Hunde umzusatteln, denn dort würde ich mich als langjähriger Mitarbeiter des Vereinsblatts der Wiener Dachshundzüchter wesentlich besser auskennen, scheiterte aber mit einem Verweis auf die Mutter des Chefredakteurs, die mit Hundsviechern so überhaupt nichts anfangen könne. Den Rest des Tages verbrachte ich semikatatonisch damit, mir auf netflix vierzig, fünfzig Folgen von Tom und Jerry reinzuziehen. Besser wurde dadurch aber leider gar nichts. „Judas arbeitet jetzt übrigens beim Ottakringer Abendanzeiger“, informierte mich Natalie irgendwann, aber ich hörte ihr nur mit halbem Ohr zu, mein Leben war völlig am Arsch, am Katzenarsch.

Aber das Universum hatte mich nicht vergessen. So erfuhr ich am Abend am Stammtisch der Alsbachprinzessin endlich, warum der Reimann tatsächlich beim Morgenpostillon gekündigt hatte. Der Ottakringer Abendanzeiger hatte ihn ganz dreist und frech einfach abgeworben. Und warum? Er hätte ja so ein unglaublich lexikalisches Tier-know-how, und die allwöchentliche Hundekolumne vom Abendanzeiger ist ja weit über die Bezirksgrenzen bekannt. Die sollte der Reimann übernehmen. Was da noch keiner gewusst hatte: außer mit Katzen kennt sich der Reimann leider Gottes mit überhaupt keinen Viechern aus. Dementsprechend war auch das Echo auf die letzte Hundekolumne eher subeuphorisch. Ich bin ja kein gehässiger Mensch, konnte mir an dieser Stelle jedoch eine SMS an den Reiman „Wuff? ;-)“ nicht verkneifen. Zehn Minuten später: „Zwickel, wir müssen reden!!“

Wochen später …

Das Café Susi in Gersthof, zwei Uhr dreißig nachts. Ich warte an der Theke, so wie jeden Donnerstag. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen bestelle ich den vierzehnten Zirbenschnaps. mein schwarzes Köfferchen presse ich ängstlich an mich. Jetzt nur keinen Fehler machen. Der Schnaps kommt und mit ihm setzt sich ein sehr dicker, als Indianer verkleideter Mann neben mich. Lächerlich wie immer, denke ich bei mir, und richte mir kokett den Sheriffstern meines Cowboykostüms. Der Dicke bestellt: „Bitte einen Cafe Latte mit laktosefreier Milch.“ Das ist mein Stichwort.

„It never rains in southern California“, sage ich.
„But in Ottakring it always rains cats and dogs at this time of year“, antwortet der Dicke.

Der Indianer hat ebenfalls ein schwarzes Köfferchen bei sich, dem meinen nicht ganz unähnlich. Im Bruchteil einer Sekunde wechseln die Koffer den Besitzer, der Indianer flüchtet, der Cafe Latte geht auf mich.

Dreißig Minuten später habe ich das Material gesichtet. Eine SMS kommt: „Miau?“. Ich antworte: „Wuff!“

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