Leserrezeption

Ein fetzengeiler Nationalherbstfeiernachmittag für den Kolumnisten Ihres Vertrauens: Ich lungere auf meiner eingebildeten Dachterrasse, die Oktobersonne streichelt sanft mein aufgeschwemmtes Gesicht, und während die eingebildete 19-jährige Nymphomanin mit der Miniplifrisur nackt auf meinem Schoß sitzt, trinke ich ein nichteingebildetes Fass Bier, das mich innert kürzester Zeit mit einem ebenso wenig eingebildeten Vollrausch beschenkt. Mit der einhergehenden Sinnesentgleisung, die stets in weinerlichem Angerührtsein und undurchschaubaren, emotionalen Affekthandlungen kulminiert,  überfallen den hart arbeitenden Bohémien plötzlich allerlei höchst unbegründete Selbstzweifel. Die folgende Assoziationskette sei beispielhaft wie folgt skizziert:

a)      „Warum schaffe ich heute nicht mehr Bier als sonst?“ (Leeres Bierglas starrt mich mit glasigen Augen vorwurfsvoll an. Wenn Blicke flöten könnten …)

b)      „Du nichtswürdiger Schmieranski, außer dem ziemlich gelungenen Werbeslogan ‚Putzi-Schnuller. Mehr als ein Staubsauger‘ hast du die literarische Welt nur vor den Kopf gestoßen“ (Persönlicher Teufel von links: Genau. Persönlicher Engel auf der anderen Schulter: Genau.)

c)       „Hosengröße xyz?? Du fettes, ungustiöses Schwein!“ (Teufel/Engel: Ja.)

d)      „Ja du bist ein Schwein. Deine Leser hassen dich“ (Hyperventilation)

e)      „Ich brauch noch ein Bier“ (Diesen fünf folgt sodann der endgültige Zusammenbruch)

f)       „Meiheeine Leseeer hom‘ mi nimma liiiieeeeeb“ (Weinkrampf, durchsetzt von unverständlichen gutturalen Lauten. Teufel/Engel: Auch besoffen.)

So weit, so gut: Die beschriebene Situation ist im Leben eines unter dem Drucke des angestrengten Müßiggangs beinahe zusammenbrechenden, umschwärmten und hochbezahlten Starautors freilich nichts Besonderes.

In meinem auch nicht, wenn ich mir die Sache recht überlege.

Meist erwache ich nach solchen Nachmittagen, von unruhigen Träumen gequält, gar nicht, da ich niemals eingeschlafen war. Wenn doch, dann in Boxershorts und in stabiler Seitenlage zwischen Vorzimmer und Küche, während mir der geöffnete Eiskasten schamlos von oben sein grelles Licht zwischen die verklebten Augenlider wirft.

Siedendheiß wird mir in Momenten wie diesen bewusst: Ich brauche Bestätigung für mein Schaffen und erinnere mich dumpf an die Punkte d) (00:12 Sprachnotiz am iPhone) und f) (03:34 WhatsApp-Nachricht an Lieblingskellner Frantisek).

Es gibt keinen anderen Ausweg: Ich muss die Wirkung meiner scharf geschliffenen, humoristischen Texte am lebenden Objekt, direkt vor Ort studieren. Wie nimmt mich der Leser wirklich wahr – außer jenen Schleimern, die mir Geld schulden? Oder den Fuffis, die nur wegen meines pinken VW Käfer Cabrios mit mir ins Bett wollen? Damit ich ihnen vor dem Einschlafen einen meiner Texte vorlese. Halten die zarten Bande zwischen mir und meinen geschätzten Lesern noch das, was sie mir vor Jahren einmal aus dem Spiegel der Alsbachprinzessin heraus versprachen („Zwickel, Zwickel, sag‘ mir doch: Wer ist der beste Kolumnist im ganzen Land?“), oder ist meine Komik längst in Ungnade gefallen, noch bevor sie zu tatsächlicher Höchstform auflaufen konnte?

Zwei Stunden später hänge ich, getarnt als Lieblingskellner Frantisek, am Kronleuchter in „Brandauer’s Schloßbräu“  auf Pirsch– ausgerüstet mit einem Feldstecher der Marke „Omegon Blackstar“ (eine Empfehlung von Daniel Glattauer). Die neue Kolumne im „Bierigen Blatt’l“ ist noch keine drei Tage alt, das ist neu, das ist aufregend, ich erwarte mir brüllendes Gelächter allenthalben, Menschen, die vor Lachen kaum noch atmen können, stehende Ovationen und Lobeshymnen auf den einzigen Grund, warum das „Bierige Blatt’l“ wirklich lesenswert ist: Der Magister Zwickel auf Seite 6, Stammplatz im Herzen jedes echten Connaisseurs zeitgenössischer, satirischer Literatur. Zumindest satirischer Literatur in Wien. Oder in manchen Bezirken. In Hietzing. Am Schloßplatz. Im Schloßbräu. Am Zwickel-Fanclub-Stammhocker? Sei’s drum!

Lieblingskellner Frantisek hat sich mit einem gemischten Salat, einem kleinen Gemischten und ebensolchen Gefühlen unauffällig unter das gemischte Publikum gemischt und erwartet, getarnt als Magister Zwickel, meine Anweisungen über Funk. Nach einer Stunde wird es spannend: Man kann förmlich beobachten, wie hastig einzelne Gäste das Essen verschlingen, ungeduldig die auf den Tischen ausgelegte Ausgabe des „Blatt’ls“ im Visier, in meinem Visier wiederum ihre Gesichter, in denen ich vermeine zu lesen: „Dieser verdammte Schweinsbraten, ich will endlich den Zwickel lesen. Der einzige Grund, warum ich überhaupt da bin“. Ich bin voll der Hoffnung. Auf Tisch 11 zeichnet sich ein Ende des großen Fressens ab. Mein Kennerblick sagt: Ein greiser Akademiker, vermutlich Obermedizinalrat oder pensionierter Philosophieprofessor,  Feingeist, hochgebildet, gutes Bankkonto, mit Sinn für die schönen Dinge des Lebens, Literatur ist sein tägliches Beiwagerl, niveauvolle Unterhaltung sein Steckenpferd. Gepflegte Erscheinung, Zähne wie gemalt. Lieblingsfarben Beige, Ockerpastell und Steinlausgrau. Mit dem lässt sich arbeiten. Zur Sicherheit bringe ich eine Lasermarkierung an, schließlich will ich ihn nicht aus den Augen verlieren.

„Frantisek: Tisch 11. Der höchst sympathische Professor. Aufgepasst!“ (chr-chr-chr)

„Wilco Magister!“ (chr-chr-chr)

Aber es passiert nichts. Ausdruckslos lurt der alte sture Depp durch die Gegend, mit einem Zahnstocher die dreckstrotzenden Zahnzwischenräume in seinem ekelhaften Fischmaul bearbeitend, und weiß nicht, welche Stilblüten der abendländischen Kultur ihm da direkt vor seiner versoffenen Rhinozerosnase entgehen. Er bekommt noch eine Melange. Und dann noch eine. Ohne dass er das vor ihm wie am Präsentierteller verlockend aufgebreitete „Bierige Blatt’l“ auch nur eines Blickes würdigt. Da! Jetzt. Die rechte Pranke dieses vierschrötigen finsteren Gesellen bewegt sich langsam Richtung Zeitung. Nein. Im letzten Moment ändert er die Richtung drei Zentimeter nach links. Griff zum Tabaksbeutel. Sakra! Stopft sich eine Pfeife. Raucht drei Stunden Pfeife, diese Pfeife. Mir tut das Kreuz weh. Der ignorante Spinner, der meine Zeit beim Rauchen und Melangetrinken vergeudet, geht mir langsam auf die Nerven. Meine Kolibriblase verlangt nach ihrem Recht. Ich glaube, ich habe Fieber. Oder Bakterienruhr. Dann, wie beiläufig, die Pfeife zwischen den ruinösen Vampirzähnen, das Monokel im Ohr, greift er doch zum Blatt’l. Braver Bub! Intelligenter Bursche! Ich wusste ja, dass dieses Bild von einem kulturell interessierten Akademiker nicht an anspruchsvoller Lektüre vorbeikommen würde. Ich bin alarmiert, denn jetzt gilts: Entweda oda, Oasch oda Goda! Bedächtig nur kommt der Professor ins Lesen. Blättert einmal beliebig durch- ich zähle mit: Seite 2 und 3, 4 und 5 … 8 und 9. Legt die Zeitung weg. Ich wurde glatt überblättert und fühle mich gedemütigt wie Josef Bucher nach der letzten Nationalratswahl.

Es ist höchste Zeit für den Publikumsjoker:

„Frantisek, dein Einsatz, flott!“ (chr-chr-chr)

„Rodscha, verstanden Magister“ (chr-chr-chr).

Frantisek erhebt sich von seinem Tisch und tritt mit einem charmanten, einnehmenden Lächeln an den Professor heran. Per Funk höre ich mit:

„Gestatten Herr Professor, dass ich Sie so stör, aber ich konnt ned umhin …“

„Ja?“

„… ja also ich konnt ned umhin zu beobachten, dass Sie das Bierige Blatt’l gl’esen ham. “

„Oh. Ja. Hatte gerade nichts Besseres zur Hand. Kindle Paperwhite zuhause vergessen“

„Werter Professor, und jetzt komm ich ned umhin Eana zu sagen, dass Sie ned um Seite 6 umhin kommen, weil da Zwickel grad ned hinkommt zu Ihnen. Ich les im Blatt’l immer nur Seite 6.“

„Aha, naja, wenn’s meinen. Aber warum sagen’s immer Professor zu …“

„Lesen’s einfach Herr Professor!“. Schiebt ihm die aufgeschlagenen Seiten 6 und 7 unter. Sein Gesichtsausdruck sagt: „Keine Widerrede, sonst …links und rechts!“. Frantisek dreht sich in meine Richtung und signalisiert „Thumbs up!“. Die blitzenden Äuglein scheinen zu fragen: „Na, hab ich das nicht gut g’macht Magister?“.

Hast du Frantisek, hast du. Der Professor liest. Now we are talking! Durch den Feldstecher beobachte ich angespannt, wie sich während der Lektüre der besten Kolumne aller Zeiten die starren Mundwinkel des Professors von einem kaum merkbaren Zucken langsam aber sicher zu einem veritablen Schmunzeln auswachsen. Er schmunzelt. Guter Mann. Und schmunzelt. Bravo. Schmunzelt weiter. Sicher, hätte mich auch gewundert bei so einem geistreichen Herren. Aber wo bleibt der Lachkrampf? Müsste längst da sein. Dreißig Sekunden: der Teil mit der lavendelfarbenen, sprechenden Krawatte – normale Lesegeschwindigkeit vorausgesetzt. Nichts. Schnödes Schmunzeln. Friert sogar geringfügig ein. Fünfzig Sekunden: das besoffene Eichhörnchen beim Merkur. Wieder nichts. Schließlich entfährt ihm doch tatsächlich so was wie ein Lachen. Eines. Aber immerhin. Ich bin zufrieden. Nicht ganz das, was ich erwartet hätte, aber es gibt eben Menschen, die keinen Humor haben.

Dieser blödsinnige, senile, perverse Kretin mit seinem Superpipifeinenorschlochkindle gehört wohl dazu. Ein unsympathischer, literarischer Rohrkrepierer vor dem Herrn, der mir gestohlen bleiben kann. Mein Kennerblick sagt: Außer Mahnungen nie was gelesen, an sich und seinem Leben gescheitert, Hilfsarbeiter, Provinzanalphabet, Massenvergewaltiger, oder noch schlimmer: gewerbsmäßiger Radfahrer.

Durch den Funk höre ich dann noch:

„Gell Professor, schee isser der Zwickel. Richtig angenehm zum Lesen und voll komisch“. Im Feldstecher verklärte Augen und ein kleines Tränerl in Frantiseks rechtem Augenwinkel.

„Zwickel? Was meinens denn? Ich hab zuerst die von Wikipedia zusammenkopierte Philosophieecke rechts und dann die Todesanzeige von diesem Kellner darunter gelesen. So schöne Worte hat der Herr Brandauer für seinen verstorbenen Mitarbeiter gefunden. Und an Witz hat es auch nicht gefehlt. Aber nicht pietätlos. Gerade richtig. Das ist das wichtigste beim Sterben“.

(chr – chr -chr)

Ich kann nur hoffen, dass Thomas Brandauer für mich auch so schöne Worte finden wird. Im nächsten „Bierigen Blatt’l“. Wenn er von meinem Tode berichten darf, von mir aus auch so pietätlos wie er möchte. Der tödliche Sturz aus einem Kronleuchter hat sicher Komik. Aber komisch find ich die nicht, die Komik. Und jetzt geht meine Leiche auf ein Bier. Das Leben muss weitergehen …

Kunden die das lasen, haben auch gelesen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

css.php