Besoffen mit Aussicht auf Wien

Ich liebe Wien. Diese Stadt der beinahe unbegrenzten Möglichkeiten ist manchmal das reinste Irrenhaus. Oft schlendere ich einfach nur die Straßen entlang und beobachte allerlei Mögliches und Unmögliches: weil es mir Spaß macht. Betrunkene haben es mir besonders angetan. Ihre Skurrilität, so mag es mir vorkommen, ist ein wesentlicher und nicht wegzudenkender Charakterbestandteil dieser unserer Heimatstadt. „Wien ist anders“. Gerne formuliere ich treffender: „Wien ist besoffen“. Aus dieser allgegenwärtigen Trunkenheit entsteht oft unverhofft Großes.

Heute frühmorgens, ich ging um die Gratiszeitung, hatte ich wieder eines dieser bezeichnenden Erlebnisse: im Ekazent am Elterleinplatz schlägt mir plötzlich intensiver, frischer Kotgeruch entgegen. Zunächst denke ich freilich an die Lieferanten, die geschäftig ihre Waren  abladen, erkenne meinen Irrtum aber sogleich.  Weder dem Supermarkt, noch dem Fleischgeschäft ist der Geruch nach warmen Exkrementen realistischerweise  zuzuordnen. Ich lure um die Ecke und weiß sofort Bescheid: da hockt doch tatsächlich einer beim Mülleimer mit heruntergelassener Hose und protzt tüchtig ab. Unsere Blicke treffen sich nur kurz: der Freiluftscheisser glotzt mir ungeniert mit ausdrucksloser Miene ins Gesicht und seufzt dann erleichtert als hätte er soeben große Anstrengungen hinter sich gelassen. Auch er hat sich geschickterweise eine Gratiszeitung besorgt und bringt sein Geschäft zu Ende. Ich bin natürlich einigermaßen erstaunt, nicke dem Mann anerkennend zu und mache, nach einer Schrecksekunde, dass ich spornstreichs an ihm vorbeikomme.  Im Abgehen höre ich ihn vorwurfsvoll lallen: „Heast Oida, kann man heutzutage nicht mal mehr in Ruhe scheissen? Ich habs eh schon eilig, meine Ordination macht bald auf!“. Ich entschuldige mich hastig, murmle irgendetwas wie „wollte Ihre Privatsphäre nicht stören, Herr Doktor“ und schaue, dass ich weiterkomme. Nach 10 Uhr ist der Gratiszeitungsständer nämlich meist leer.

Zwei Stunden später sitze ich im gerammelt vollen 9er. Da möchte ein Betrunkener in die Bim torkeln: „Oh, Verzeihung sehr verehrte Herrschaften, der Salon ist überbelegt“, säuselt er höflich und kippt, einen ihm alle Ehre machenden Bierdunst in der Garnitur hinterlassend, rücklings auf den Gehsteig zurück. Bevor die Türen schließen beteuert er, dass er ohnehin auf den 49er gewartet und noch ein Vorstellungsgespräch hätte. Er würde einfach auf den nächsten 9er warten, in diesen auch nicht einsteigen, vielleicht aber dann, so ein Plätzchen für ihn zur Verfügung stünde, in den 49er. Er gibt die Fahrt mit einem „Herr Kapitän, legen Sie ab!“ an den Fahrer frei und wir sind entlassen. „Ein Seemann, der sich bei der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft beworben hat“, vermute ich. Wahrscheinlich fährt er schon in einer Woche Steinkohle und Weinflaschen die Donau hinunter. Ein glücklicher Mensch!

Ermuntert von diesen Erlebnissen, neue Kraft für meine eigene Zukunft schöpfend, kehre ich in meine 64m² Hernals zurück und nehme mir vor, heute mal so richtig an der Schank Gas zu geben. Mit dem ein oder anderen Bier in den Venen greift nämlich plötzlich meine künstlerische Ader Raum. Man kennt das ja: mit entsprechendem Pegel steigen auch Kreativität und künstlerische Fähigkeiten in ungeahnte Höhen. Besonders gesanglich gewinnt man deutlich an Profil, und speziell öffentliche Verkehrsmittel scheinen auf dem Weg zum Durchbruch die ideale Bühne für die eigenen, schlummernden Talente zu sein. Ich habe mir sagen lassen, dass schon viele Schlager- und Opernsänger auf diese Weise in Straßen- und U-Bahnen entdeckt wurden. Wenn Sie meiner dann bald einmal in der Wiener Staatsoper oder im Musikantenstadl ansichtig werden wissen Sie, dass es am Bier gelegen hat. Und an dieser wundervollen Stadt Wien, die mich immer wieder zu Großem inspiriert (oder sich zumindest redlich darum bemüht).

 

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