{"id":975,"date":"2017-05-29T19:04:38","date_gmt":"2017-05-29T17:04:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=975"},"modified":"2017-05-29T19:04:38","modified_gmt":"2017-05-29T17:04:38","slug":"wie-man-keinen-beststeller-schreibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2017\/05\/29\/wie-man-keinen-beststeller-schreibt\/","title":{"rendered":"Wie man keinen Beststeller schreibt"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe es geschafft. Nach jahrelangen, jahrzehntelangen, mittlerweile zwei Jahrtausende \u00fcberspannenden Bem\u00fchungen, habe ich mir selbst und meiner Umwelt bewiesen, dass es ein Kinderspiel ist, keinen Bestseller zu schreiben.<\/p>\n<p>Die Chronologie dieser letztlich in mir gefestigten und mich tagt\u00e4glich aufs neue befl\u00fcgelnden Erkenntnis liest sich wie jene uns allen bekannten Erfolgsgeschichten von Menschen, die an allem, vor allem aber an sich selbst, in grandioser Manier gescheitert sind und darob gr\u00f6\u00dfte Freude empfinden:<\/p>\n<p><strong>1986:<\/strong> Erster Platz f\u00fcr das Essay \u201eUwe der Igel\u201c beim Osterschreibwettbewerb der Klasse 3B, Volkschule H\u00f6rbranz, Vorarlberg. Meinen Preis \u2013 eine Tafel Milka Vollmilch \u2013 habe ich, ma\u00dflos wie ich bin und bar jeder Vernunft am selben Abend verspeist. Dieses linde Aufblitzen meiner Sorglosigkeit &#8211; man k\u00f6nnte auch formulieren: \u201eDiese schrecklich peinliche Carpe-Diem-Mentalit\u00e4t\u201c \u2013 sollte Richtschnur f\u00fcr mein weiteres Scheitern werden. Als Zeichen meines Erfolgs sind Pelikan-F\u00fcllfeder und Tintenkiller, mit denen dieses Meisterwerk auf liniertes A4-Papier gebannt wurde, auch heute noch, in L\u00e4rchenholz gerahmt und hinter Glas, auf meinem Klo zu finden. Der Originaltext ist w\u00e4hrend diverser Umzugswirren abhandengekommen, wurde aber vermutlich schon von einem findigen Tr\u00f6dler auf irgendeinem Flohmarkt um viele tausend Euro verklopft. Ich habe mir noch nicht die M\u00fche gemacht, in der Nationalbibliothek zu recherchieren, bin aber \u00fcberzeugt, dass dort noch eine Rezension von Marcel Reich-Vranitzky, oder wie der hei\u00dft, zu finden ist.<\/p>\n<p><strong>1989: <\/strong>Der erste Zweier auf eine Deutsch-Schularbeit, der erste Zweier \u00fcberhaupt. Ort des Scheiterns: BG und BRG Baden Frauengasse, Nieder\u00f6sterreich. Ich ziehe mich, zutiefst getroffen, mit einem Six-Pack \u201eDreh &amp; Trink\u201c und einer Gro\u00dfpackung \u201eCasali Rumkugeln\u201c ins einsame Unterholz des Badener Kurparks zur\u00fcck, lecke meine Wunden und erfresse mir zum ersten Mal einen gepflegten Frustrausch. Die ersten R\u00e4nkespiele um Macht, literarische Kompetenz und Beistrichsetzung beginnen mit dem Neid dieser in Gestalt meiner Deutschprofessorin aus der H\u00f6lle gestiegenen alten Hexe, die in mir nat\u00fcrlich sofort einen aufkommenden Stern der Literaturszene erkennt und sich f\u00fcr ihr eigenes fehlendes Talent mit Zweiern und schnippischen Kommentaren wie \u201eNa an dir ist auch ein kleiner Karl May verlorengegangen\u201c an mir r\u00e4cht.<\/p>\n<p><strong>1991: <\/strong>Wir schreiben Sch\u00fclerzeitung. Die erste Ausgabe wird direkt in der Schulaula vom Schulwart beschlagnahmt. Frau Hofrat H. behauptet, wir h\u00e4tten die erforderliche Genehmigung zum Verkauf vorab nicht eingeholt, ich mutma\u00dfe allerdings die bewusste Beschneidung der Pressefreiheit, werden doch in einem der aufsehenerregendsten Artikel, die jemals an dieser Schule ver\u00f6ffentlicht wurden, die skandal\u00f6sen gastronomischen Zust\u00e4nde am Skikurs der zweiten Klassen im Schuljahr 89\/90 aufgearbeitet. Meine Rezension des lustigen Taschenbuchs Nr. 51 \u201eK\u00f6nig Drachoberts Dukaten\u201c indes findet einiges Lob bei der Schulbibliothekarin und der Buffetverk\u00e4uferin. Sonja D., mein Schwarm, damaliger Grund f\u00fcr alle literarischen Aktivit\u00e4ten und Muse meiner Tr\u00e4ume, die ich an der elektrischen Schreibmaschine zu erobern gedachte, liegt am Erscheinungstag krank im Bett und bekommt von meinen minnes\u00e4ngerischen Aktivit\u00e4ten nichts mit.<\/p>\n<p><strong>1993:<\/strong> Ich habe meinen ersten PC bekommen und kann nun virtuos die Tasten auf einem mechanischen Keyboard schwingen. Mechanische und elektrische Schreibmaschine werden eingemottet, schlie\u00dflich habe ich jetzt Word. Ich wei\u00df, dass nun alles besser wird. Klappt es mit der Kreativit\u00e4t nicht \u2013 und sonst auch nicht \u2013 hilft es bekanntlich immer, die verwendeten Tools zu tauschen. Jetzt schreibe ich den Roman des ausgehenden 20. Jahrhunderts und pfeife schon bald auf Matheschularbeiten und Physiktests. Und tats\u00e4chlich: Titel (\u201eIm Zwielicht\u201c) und ein Teil des ersten Satzes (\u201ePeter erwachte. Sofort darauf\u2026\u201c) gehen mir spielend von der Hand, bis ich beschlie\u00dfe, dass der Plot, den ich mir noch gar nicht ausgedacht habe, einfach zu d\u00fcnn f\u00fcr etwas wirklich Gro\u00dfes ist. Und allein schon der Name f\u00fcr den Protagonisten: Einfach zu gew\u00f6hnlich. Wenn schon, dann m\u00f6chte ich mit Pauken und Trompeten re\u00fcssieren. Lieber noch ein paar J\u00e4hrchen auf leere Seiten starren, irgendwann kommt der Durchbruch. Mein Talent ist schlie\u00dflich unschlagbar. Sonja D. geht mittlerweile mit Armin B. aus der 6. Ich g\u00f6nne ihnen ihr Gl\u00fcck, w\u00fcnsche mir aber insgeheim, Sonja m\u00f6ge sich eines Tages in den Hintern bei\u00dfen, wenn sie mich bei der Nobelpreisverleihung in Stockholm im Fernsehen sieht. Das Manuskript dieser tragischen Liebesgeschichte wird zwar verlegt, aber niemals wiedergefunden.<\/p>\n<p><strong>1994: <\/strong>Mit der infamen L\u00fcge, ich w\u00fcrde an einem landesweiten Schreibwettbewerb teilnehmen, lockt mich meine Chemieprofessorin nach Wiener Neustadt zur Nieder\u00f6sterreichischen Chemieolympiade. Ich titriere die Wasserh\u00e4rte, bestimme ein paar Kat- und Anionen, lese aus meinem Gedichtband \u201eSonja D. du dumme Kuh\u201c und werde f\u00fcnfter von achtundneunzig Teilnehmern.<\/p>\n<p><strong>1999: <\/strong>Beruf hin, Beruf her: Es geht doch um die Berufung. Ideen f\u00fcr mehrere Wahnsinnsmanuskripte schwirren in meinem Kopf herum, aber sie wollen nicht zu Papier gebracht werden. Ich \u00fcbe auch keinen Druck auf die Ideen aus, schlie\u00dflich bin ich kein autorit\u00e4rer Mensch. Von Sonja D. wurde mir erz\u00e4hlt, sie habe Armin B. jetzt geheiratet. Armin B. schreibt unter dem Pseudonym \u201eJose-Maria Lopez\u201c erfolgreiche Soap-Operas f\u00fcr das Argentinische Fernsehen. Aber bitte \u2013 wenn Sonja meint, dass sie mit so einem Hans-Dampf der Trivial- und Drehbuchliteratur, der nichts Ernstzunehmendes zu Stande bringt auf Dauer gl\u00fccklich wird \u2013 ich m\u00f6chte dann sp\u00e4ter nicht einmal sagen m\u00fcssen: \u201eIch habs dir ja gesagt!\u201c<\/p>\n<p><strong>2003: <\/strong>Die letzten vier Jahre habe ich an meinen Ideen gearbeitet und sie gen\u00fcsslich im eigenen Saft schmoren lassen, denn gut Ding braucht Weile. Ich bin noch keine 30 und kann die literarische Welt immer noch im Sturm nehmen. Aber mit diesem Dreckstool Word wird das nichts. Ich habe den Eindruck, dass man als kreativer Schaffender, gerne bezeichne ich mich in diesen Jahren selbst als \u201eDemiurgen\u201c, auf die Bequemlichkeit moderner Technik nicht zur\u00fcckgreifen darf. Ich bin zu der \u00dcberzeugung gelangt, dass auch das Schreibhandwerk harte Arbeit ist, die durchorganisiert geh\u00f6rt. Punkt acht Uhr morgens setze ich mich, im grauen Arbeitsmantel, vor meine alte Underwood-Schreibmaschine Baujahr 1928 und h\u00f6re erst um 16 Uhr wieder auf \u2013 nicht mit dem Schreiben, sondern mit dem Nachdenken. Aber es geh\u00f6rt Ordnung in meinen Alltag. Dieser Ordnung wird sich auch irgendwann mein unbestrittenes Talent beugen m\u00fcssen. Und ein Werkzeugwechsel tut immer gut!<\/p>\n<p><strong>2005: <\/strong>Vielleicht sollte ich Kinderbuchautor werden und aus dem Uwe-Igel einfach was Gr\u00f6\u00dferes machen. Das war damals eine verdammt gute Idee, und ich wundere mich, warum ich das nicht weiterverfolgt habe. Ein paar Bier sp\u00e4ter beschlie\u00dfe ich, das Thema nicht weiterzuverfolgen, denn ich bin zu H\u00f6herem berufen. Gegen mich sind Torberg, Bernhard, Musil und Michael Ende nur elende Wichte.<\/p>\n<p><strong>2015: \u00a0<\/strong>Die letzten zehn Jahre war ich beruflich einfach viel zu besch\u00e4ftigt, um die in mir schlummernden literarischen Meisterwerke zu Papier zu bringen. Wer wollte mir daraus einen Strick drehen? Ich habe einen anstrengenden Job mit sehr wenig Freizeit. Klar, w\u00fcrde ich im Lotto gewinnen, k\u00f6nnten ich mich Vollzeit meiner Kunst widmen, dann w\u00e4re es einfach, dann w\u00fcrde ich nat\u00fcrlich nichts Anderes mehr machen. Vom Schreiben kann ich keine Rechnungen bezahlen. Bis es soweit ist kaufe ich mir mal einen iMac, schlie\u00dflich braucht man ordentliches Werkzeug, um seine kreativen Ideen auch umsetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>2017: <\/strong>Ich hoffe auf mein Manuskript \u201eVom Schreiben leben k\u00f6nnen\u201c, mit dem es rasant vorangeht. Den ersten Satz (\u201eSie m\u00f6chten also vom Schreiben leben k\u00f6nnen?\u201c) und den letzten Satz (\u201eDank dir, lieber Leser, kann ich jetzt vom Schreiben leben, sch\u00f6n, dass du dieses Buch gekauft hast\u201c) habe ich schon mal fertig, und da \u00e4ndere ich auch nicht mehr viel. Den unwichtigen Mist dazwischen schreibe ich im Laufe der n\u00e4chsten vierzig Jahre fertig. Ich glaube, dass es ein Bestseller wird. Falls nicht, m\u00fcssen wieder F\u00fcllfederhalter und Tintenkiller ran. Flaubert und Goethe hatten ja auch keinen iMac\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe es geschafft. Nach jahrelangen, jahrzehntelangen, mittlerweile zwei Jahrtausende \u00fcberspannenden Bem\u00fchungen, habe ich mir selbst und meiner Umwelt bewiesen, dass es ein Kinderspiel ist, keinen Bestseller zu schreiben. 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