{"id":931,"date":"2015-11-11T17:53:41","date_gmt":"2015-11-11T15:53:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=931"},"modified":"2015-11-12T09:46:43","modified_gmt":"2015-11-12T07:46:43","slug":"schulungsmassnahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2015\/11\/11\/schulungsmassnahmen\/","title":{"rendered":"Schulungsma\u00dfnahmen"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fchmorgens um 11:11 bestellt mich der Chefredakteur in sein verrauchtes Kabuff, um mir v\u00f6llig out of the blue in meinen davonschnurrenden Kater hinein zu er\u00f6ffnen:<br \/>\n\u201eZwickel, die Wassersch\u00e4deln da oben im Konzern haben uns mehr Schulungsbudget genehmigt. Hei\u00dft im Klartext, dass ihr alle auf Schulung gehts. Wenn ich den Posten nicht zur G\u00e4nze verbrauch krieg ich n\u00e4chstes Jahr weniger. Allein aus moralischen Gr\u00fcnden, wengam Prestige und weil ma denen da oben was z\u2019Flei\u00df machen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir die Marie hochkant verplempern\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Schon beginne ich innerlich zu jubilieren ob der M\u00f6glichkeit, nach jahrelanger Verschwendung meines Lebens nun doch endlich etwas Sinnvolles &#8211; den W\u00fcrstelstandentrepreneur I bei Humboldt &#8211; machen zu k\u00f6nnen, als der Chefredakteur mit Stentorstimme mein Luftschloss kollabieren l\u00e4sst: \u201eDiesen schwindligen W\u00fcrschtelstandkurs, der seit 13 Jahren jedes Mal wieder nach einer Flasche Marillenbrand mitm Teamlead in Ihrem Mitarbeitergespr\u00e4ch vereinbart wird, den k\u00f6nnen Sie sich Ihnen allerdings aufzeichnen, dass ma uns da gleich richtig verstehen\u201c.<br \/>\nVon meinen n\u00e4chtlichen Feldstudien am Schweglerstadl erw\u00e4hne ich aus taktischen Gr\u00fcnden nichts, entgegne stattdessen: \u201eWissens, Herr Chef, auf den bin ich eeeeh gar ned sooo hei\u00df, da w\u00e4r ich sogar pers\u00f6nlich beleidigt, wenn Sie mich zu dem hinschicken t\u00e4ten, das is ja nur was f\u00fcr absolute Volltrotteln\u201c. Der \u00fcbliche gewiefte psychologische Mechanismus, auf den ich all meine Hoffnungen baue \u2013 \u201eWenn ich scheinbar nicht will, schickt er mich aus Trotz hin, nur um mir eins auszuwischen\u201c \u2013 zieht dieses Mal nicht.<\/p>\n<p>Der Chefredakteur nimmt mich ins Gebet: \u201eSie wissen eh, wir haben ein massives Qualit\u00e4tsproblem beim Hernalser Morgenpostillon. Nur 88% sind ITIL-zertifiziert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eITIL wos?\u201c, n\u00f6le ich und stelle mich schafsdumm.<\/p>\n<p>\u201eOida, wozu bezahl ich Sie eigentlich, wo haben Sie Ihren Redakteur gemacht \u2013 beim KP\u00d6 Bezirkswisch in Wulkaprodersdorf? ITIL: International Tabloid Infrastructure Library. Das Management Framework im Boulevardblattwesen. Wissens scho: Prozesse, Funktionen, Rollen und der ganze Bullshit \u2013 wie man halt was mit wem und warum oder vielleicht managt oder zumindest so tut als ob\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd was k\u00fcmmert mich das?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVor zwei Jahren waren wir noch bei 90% Zertifizierungsrate \u2013 beim letzten Audit ist dann die bittere Wahrheit rausgekommen. Ich hab vom konzernoberen Quality Manager schon eine aufs Dach gekriegt. Also, es hilft nix, Sie und die Frau Pribil, Sie m\u00fcssen sich Ihnen zertifizieren\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wieso pl\u00f6tzlich nur noch 88%?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNajo Zwickel, der fette Reimann is ja gegangen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGeh leck, der fette Reimann, der Blade. Wieder mal der Reimann, ich h\u00e4tts mir denken k\u00f6nnen\u201c. Unb\u00e4ndige Wut steigt in mir hoch. Dem werd ich n\u00e4chsten Donnerstag im Caf\u00e9 Susi aber sowas von den Marsch blasen, wenn er mir die von ihm geschriebene Katzenkolumne zusteckt, darauf kann er Gift nehmen!<\/p>\n<p>\u201eAber was ich ned versteh, Chefchen: Wieso dann die Natalie und ich \u2013 wir zwei? Reicht ned <em>eine<\/em>?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDa fette Reimann z\u00e4hlt f\u00fcr zwei\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd wenn ich wirklich so gar nicht will?\u201c, frage ich mit treuem Hundeblick.<\/p>\n<p>\u201eDass <em>Sie<\/em> nimmer wollen ist mir eh klar. Aber ich will es mal so formulieren: Wenn man im Arbeits- oder, wie in Ihrem Falle, Berufsleben Stolpersteine identifiziert, mit denen man nicht zurechtkommt, m\u00fcsste man sich von dieser, wie es scheint, un\u00fcberwindbare H\u00fcrden generierenden Lebensumgrenzung trennen \u2013 oder davon getrennt werden \u2013 proaktiv vom Management, das immer nur Ihr bestes will f\u00fcr Ihre private und berufliche Zukunft. Das w\u00e4re dann im \u00dcbrigen relativ zeitnah \u2013 und um es mit ITIL zu sagen: kosteneffizient und f\u00fcr alle beteiligten Seiten, also f\u00fcr meine, wertsch\u00f6pfend\u201c<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter sitze ich mit Kollegin Natalie zur Schulung in unserem Besprechungszimmer \u201eQueens Club\u201c. Unser ITIL Coach \u2013 ein echter Sonnenschein, smart, Zwirn: \u201eBusiness casual\u201c, im richtigen Leben Unternehmensberater, Zeitungsauslieferungsconsultant, Hundetrainer und Supernanny \u2013 konfrontiert uns zum ersten Mal mit der harten, prozessual designten Wirklichkeit des Zeitungsverlagswesens:<\/p>\n<p>\u201eOk, ihr zwei, fangen wir zum gem\u00fctlichen Einstieg simpel an: <em>Der Prozess<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>\u201eVon Franz Kafka\u201c, meint Natalie.<\/p>\n<p>\u201eEin Gerichtsverfahren\u201c, mutma\u00dfe ich.<\/p>\n<p>\u201eJa, gut, schon ganz gut\u2026\u201c, sagt die Supernanny.<\/p>\n<p>Dann blitzt die erste Powerpoint-Folie am Pr\u00e4sentationsschirm auf.<\/p>\n<p>\u201eGeh oida, siehst du das? Folie 1 von 773!\u201c, schickt Natalie \u00fcber den Firmenmessenger.<\/p>\n<p>Ich schreibe zur\u00fcck: \u201eNaja, heftig f\u00fcr zwei Tage. Und nur Text, gor kane B\u00fcdaaaa\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist der erste Foliensatz von 4 \u2013 sollten wir bis heute Mittag locker schaffen. Morgen dann gegen 23h die Zertifizierungspr\u00fcfung\u201c, sagt der Coach in meine nun aufkeimende Panikattacke hinein. \u201eAja st\u00f6rts wen, wenn wir morgen statt um 9 Uhr schon um 4h beginnen?\u201c, f\u00fcgt er noch hinzu, ehe mir die Sinne vollends schwinden.<\/p>\n<p>\u201eSieht amal sehr theoretisch und trocken aus. Aber ist es gar nicht. Es ist\u00a0echt totaaal praxisbezogen\u201c, sagt der Coach.<\/p>\n<p>\u201eDuhuuuu, Coach, a Frage: Wie schaut das mit der Pr\u00fcfung eigentlich aus?\u201c, fragt Natalie, um ihm ein wenig die Fahrt zu nehmen.<\/p>\n<p>\u201eNaja, also es ist ein Multiple Choice Test. 280 Fragen, zum Durchkommen brauchts aber nur 276 richtige Antworten. Und echt gmiadliche 60 Minuten habts Zeit\u201c<\/p>\n<p>Natalie: \u201eDa bin ich jetzt beruhigt\u201c<\/p>\n<p>Ich: \u201eMuss man da n\u00fcchtern sein?\u201c<\/p>\n<p>Coach: \u201eW\u00fcrde ich niemandem empfehlen\u201c<\/p>\n<p>Um es an dieser Stelle klar zu sagen: Ich auch nicht.<\/p>\n<p>Zwei Tage gehen Natalie und ich durch die H\u00f6lle, pauken bis uns das Hirn platzt. Wir bestehen beide und erhalten das Wohlwollen des Chefredakteurs dadurch zwar nicht zur\u00fcck, aber er fasst diese M\u00f6glichkeit zumindest ins Auge. Natalie erreicht 279 Punkte, ich schaffe nur 277 richtige Antworten. Daf\u00fcr ernte ich von Natalie ein h\u00f6chst verdientes, geschmeidiges \u201eLoooooser!\u201c. Wir feiern ausgiebig in einer ganz tiefen Wiener Proletendisco. Das letzte, woran ich mich erinnern kann: Ich habe den Bierautomaten im Schwitzkasten und schreie ihm in sein vermeintliches Antlitz: \u201eHeast, woooos is G\u2019schissena, a Lokalrunde hab ich g\u2019sagt! L-O-K-A-L-R-U-N-D-E! I bin jetzt ITIL-zertifiziert!\u201c<\/p>\n<p>Liebe Mitstreiter der schreibenden Zunft: Lassen Sie sich ITIL-zertifizieren. Es lohnt sich. Bis jetzt habe ich nur Vorteile, sowohl in beruflicher, als auch in privater Hinsicht erfahren. Man stelle sich vor: Drei Tage nach der Abschlusspr\u00fcfung kam das ITIL-Welcome-Package: Eine aus indischem Teakholz gezimmerte, mit Samt ausgekleidete Schatulle, die folgendes enthielt:<\/p>\n<p>\u2022 Kunstgoldverbr\u00e4mte Manschettenkn\u00f6pfe mit dem ITIL-Logo (Schwarze Druckerpresse auf blauem Grund); eine Anstecknadel in identischem Design<br \/>\n\u2022 Ein handgeschriebenes (Faksimile) Begr\u00fc\u00dfungsschreiben mit dem Titel \u201eWelcome to the ITIL Brotherhood\u201c (Deckblatt) und dem 1000-seitigen Verhaltenskodex der Gemeinschaft<br \/>\n\u2022 Eine Mitgliedskarte im Scheckkartenformat (Bronze). Vorteile wohin man sieht, bei weltweit \u00fcber 2 Partnern, z.B.: Zutritt in die Senator Lounge am Flughafen Mogadischu, freies WLAN in einem Coffee Shop in Shanghai; Zutritt zum geheimen 11. Stockwerk des Verlagsgeb\u00e4udes (muss vom Portier noch freigeschaltet werden)<br \/>\n\u2022 Eine blaue Robe mit Kapuze (f\u00fcr uniformes Auftreten im Businessalltag)<\/p>\n<p>Ja, lassen Sie sich zertifizieren. Ich bin nicht nur ein besserer Mensch, sondern auch ein besserer Mitarbeiter geworden. B\u00fccken wir uns alle hoch. Weiterbildung ist alles. Darauf ein Bier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fchmorgens um 11:11 bestellt mich der Chefredakteur in sein verrauchtes Kabuff, um mir v\u00f6llig out of the blue in meinen davonschnurrenden Kater hinein zu er\u00f6ffnen: \u201eZwickel, die Wassersch\u00e4deln da oben im Konzern haben uns&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[70],"tags":[],"class_list":["post-931","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hernalser-morgenpostillon"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/931","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=931"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/931\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":939,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/931\/revisions\/939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=931"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=931"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=931"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}