{"id":917,"date":"2015-06-29T19:48:25","date_gmt":"2015-06-29T17:48:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=917"},"modified":"2015-06-29T20:09:10","modified_gmt":"2015-06-29T18:09:10","slug":"der-zitronenpapa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2015\/06\/29\/der-zitronenpapa\/","title":{"rendered":"Der Zitronenpapa"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Pflanzen hatte ich seit jeher ein gutes H\u00e4ndchen. An jenen Z\u00f6glingen\u00a0unserer wunderbaren Flora, die mir nicht eingingen, oder, offensichtlich von meinem Atem paralysiert, volltrunken vom Fensterbrett fielen, vermochte ich mich zu erfreuen wie ein kleines Buberle im Sandkasten, wenn das garstige Nachbarsm\u00e4del die Burg mal nicht brutal unter seinen F\u00fc\u00dfen in den Erdkern zur\u00fcckstampft.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mein Zitronenbaum hei\u00dft Emma. Ein Mann braucht im Leben eine Aufgabe. Ich hege und pflege das aufregende Gesch\u00f6pf daher, als w\u00e4re es mein eigen Fleisch und Blut. Emma hat mir meine Mutter gekauft. Auf unseren gemeinsamen Weg gab sie uns Folgendes mit:<\/p>\n<p>\u201eZwickel, pass gut auf sie auf. Sie ist so g\u00fctig, sanftm\u00fctig, aber auch ein wenig st\u00f6rrisch und \u00e4u\u00dferst sensibel. Verst\u00e4ndnis und Empathie, h\u00f6rst du, Bub?\u201c (Wie meine Stammleser wissen: Zwei meiner herausragenden Eigenschaften)<\/p>\n<p>\u201eEmma, der Zwickel passt gut auf dich auf. Er ist faul, chaotisch, und ein echter Dampfplauderer. Du hast von ihm nichts zu erwarten, dies jedoch ausgiebig. Spiel\u2019 nicht gleich das beleidigte Zitronensorbet, wenn er, bierumw\u00f6lkt wie zumeist, auf dein Wasser vergisst\u201c<\/p>\n<p>Solcherart mit wohlmeinendem Gewort meiner hochverehrten Frau Mama versehen, hielt Emma Einzug in meinen 70 Quadratmetern Hernals, thront seitdem selbstbewusst auf einem gelben Hocker direkt am Balkon, w\u00e4chst, gedeiht, duftet, bereitet mir t\u00e4gliche \u2013 man m\u00f6chte fast sagen \u2013 stolze Vaterfreuden. In wilden, herzerobernden Tr\u00e4umen malte ich mir sogleich aus, wie es wohl sein w\u00fcrde, so die ersten sauer-s\u00fc\u00dfen Fr\u00fcchtchen spr\u00f6ssen, und wann ich soweit w\u00e4re, diese erstklassige Bioware am Wiener Naschmarkt feilbieten, oder sie k\u00fchlen, selbstgemixten Drinks am Balkon zuf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Wundervolle Tr\u00e4ume \u00fcber Tr\u00e4ume \u00fcber B\u00e4ume.<\/p>\n<p>Nichts als schn\u00f6de Sch\u00e4ume, denn die ersten Monate geschah &#8211; nichts am Baume. Monatelang wollte Emma nicht kalben, werfen, oder wie auch immer man das sonst in der Pflanzenwelt nennt. Ich bin kein Unmensch, und so gestand ich dem B\u00e4umchen selbstverst\u00e4ndlich eine gewisse Phase des Eingew\u00f6hnens in seinem neuen Habitat zu, obschon ich der Meinung war, das Pfl\u00e4nzelein h\u00e4tte es bei mir naturgem\u00e4\u00df besser, als in den unpers\u00f6nlichen und schamhaften Schaur\u00e4umen des Bellaflora, und wenngleich meine Verzweiflung dar\u00fcber, dass sie mich nicht beschenken wollte, von Tag zu Tag gr\u00f6\u00dfer wurde, gebar sie mir doch kein einziges noch so verschrumpeltes Zitr\u00f6nchen. Es galt nun, diverse allgemein bekannte Kunstgriffe der Zitronenzucht anzuwenden, um unser aller Erwartungen an einen Zitrusfruchtsegen letztlich zu befriedigen. Da weder mir noch meinem in diesen Angelegenheiten nur minder bemittelten Bekanntenkreise jene allgemein bekannten Kunstgriffe hinreichend bekannt waren, f\u00fchrte mich der erste Weg in die Zitronenfachliteraturabteilung der Hernalser Bezirksbibliothek, die vor einschl\u00e4gigem Schriftwerk nur so strotzte, und mir schlie\u00dflich nach langen Leseabenden, dem ein oder anderen Aha-Erlebnis und vielen, vielen in gelb durchbrausten N\u00e4chten vergossenen Tr\u00e4nen ob meiner in der Vergangenheit bewiesenen St\u00fcmperhaftigkeit, ein gr\u00fcndliches Basiswissen f\u00fcr einen angehenden Zitronenfachmann zu vermitteln mochte. Ich entwickelte beizeiten einen regelrechten Zitronenbaumfanatismus. Anschlie\u00dfend machte ich irgendeinen Bachelor an der BOKU. Meine Bachelorarbeit mit dem Titel \u201eDie psychologische Situation heimischer Zitronenbaumbesitzer unter besonderer Ber\u00fccksichtigung ihrer Zitronenbaum-Nullipara\u201c fand in der Fachwelt zwar wenig Beachtung, wurde daf\u00fcr aber mit einem glatten \u201eBefriedigend\u201c beurteilt.<\/p>\n<p>Dreimal t\u00e4glich spielte ich Emma von nun an romantische, franz\u00f6sische Chansons vor. Ich d\u00fcngte mit einem aus Kalifornien importierten Wundermittel (\u20ac 300\/ml), das auf Basis einer von mir entnommenen Gewebeprobe eigens f\u00fcr Emma in den Laboratorien der \u201eAll American Lemontree Society\u201c komponiert wurde, ich wechselte t\u00e4glich die Glaceehandschuhe, mit der ich Emma an ausgew\u00e4hlten Stellen massierte, ich beschnitt sie meisterhaft mit einem Goldscherchen, das ich auf einer meiner Zitronenerfahrungsreisen auf der Seidenstra\u00dfe unter gr\u00f6\u00dfter Lebensgefahr bei einer mongolischen Kr\u00e4uterhexe erwarb, ich redete ihr gut zu, las ihr Baudelaire, Val\u00e8ry und Cesare Pavese vor, ich f\u00fchrte sie regelm\u00e4\u00dfig Gassi, buchte teure Urlaube an der franz\u00f6sischen Riviera und in Sanatorien in der Schweiz. Indes \u2013 Emma wollte nicht.<\/p>\n<p>Eines Tages erfuhr ich beim Clubabend der \u201eHernalser Zitronenzuchtfreunde\u201c, wo ich in mehreren Arbeitsgruppen t\u00e4tig war, und f\u00fcr den ich auch schon international auf einigen Kongressen vielbeachtete Vortr\u00e4ge gehalten hatte, von einem Zitronenbaumwunderheiler aus Ghana namens Oki Motte. Ich buchte kurzentschlossen ein Ticket nach Ghana, und einige Zauberspr\u00fcche, eine Hexenverbrennung, mehrere Tieropfer sp\u00e4ter, und nicht nennenswerte 20000 Euro \u00fcber dem Kontolimit, war ich in h\u00f6chstem Ma\u00dfe \u00fcberzeugt davon, nun alles Menschenm\u00f6gliche f\u00fcr die Fruchtbarkeit meiner Emma getan zu haben.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich: Wenige Tage nach meinem strapazi\u00f6sen Ghanatrip erkannte ich ein kleines \u2013 interessanterweise limettengr\u00fcnes &#8211; Knubbelchen, das Emma steuerbords erwuchs. Mein Gl\u00fcck stieg ins unermessliche, und ab diesem Zeitpunkt wurde Emma und ihrem t\u00e4glich gr\u00f6\u00dfer werdenden Nachwuchs meine ganze Anteilnahme, Liebe und Zuwendung zuteil. Zwar verlor ich wenige Wochen sp\u00e4ter meine Stellung beim \u201eHernalser Morgenpostillon\u201c, weil ich in der Mittagpause einen COBRA-Einsatz ausgel\u00f6st hatte (eine Kollegin wagte es, vor meinen Augen eine Zitrone in Scheiben zu schneiden, woraufhin ich mich gezwungen sah, hier nicht n\u00e4her auszuf\u00fchrende Ma\u00dfnahmen zu ergreifen), aber das k\u00fcmmerte mich nicht.<\/p>\n<p>Die Zitrone an Emmas Arm wurde von Tag zu Tag, von Woche zu Woche gr\u00f6\u00dfer und gelber, saftiger, sch\u00f6ner, fantastischer, erotischer, sodass ich dachte, sie m\u00fcsste bald geb\u00e4ren. Jedoch, es tat sich nichts.<\/p>\n<p>Ein gutes Jahr verging. Der &#8222;Hernalser Morgenpostillon&#8220; hatte mich wieder eingestellt, war doch mein w\u00f6chentlich erscheinender \u201eZitronenbaumreport\u201c zu einem der Garanten f\u00fcr hohe Auflagezahlen geworden. Ganz Hernals schwelgte in einer nie gekannten Zitronenbaumeuphorie, mir wurden Geschenke und Honoratioren aus Politik, Kunst und Wissenschaft ins Haus geschickt, die sich nach Emmas Wohl erkundigten. Das Leben kam mir in jenen Tagen so vorteilhaft geh\u00e4kelt vor, wie schon lange nicht mehr. Ich plante die Ernte bis ins letzte Detail: Angefangen beim kalten Buffet f\u00fcr das englische K\u00f6nigshaus und lokale Prominenz, bis hin zu den zwei Fotografen und dem eigenen Postfach f\u00fcr die Gl\u00fcckwunschkarten aus aller Herren L\u00e4nder, hatte ich nichts dem Zufall \u00fcberlassen. Ich war ganz Spannung.<\/p>\n<p>Eines Abends in jenen Tagen &#8211; ich war nach einem Ausflug in die Shoppingcity, der mir ein neues Paar Cowboystiefel und einen auf Hochglanz polierten Sheriffstern bescherte, in der Alsbachprinzessin eingekehrt, um vor meinem Wiedersehen mit der werdenden Mutter noch ein paar Bierchen zu zwitschern &#8211; enterte ich angepfeffert bis Oberkante Unterkiefer, in absoluter Dunkelheit meinen Balkon, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Da geschah die Trag\u00f6die: Irgendetwas Pralles zerbarst mit \u00e4\u00f6lischem Get\u00f6se zwischen meinen neuen Cowboystiefeln und dem brokatget\u00fcnchten Alabasterestrich, auf dem mein Emma-Tempel errichtet war.<\/p>\n<p>Klein Emma, die Frucht all meiner Anstrengungen, war tot. Sie fiel, dem nat\u00fcrlichen Lauf eines Zitronenlebens folgend, von selbst zu Boden, als sie ausreifte, und ich hatte sie im Suff zertreten. Die Sinne und die letzten Reste meines Verstandes wollten mir schwinden. Mein Herz zerbrach mit lautem Klirren in der Hernalser Juninacht.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter frug mich der Chefredakteur interessiert nach des Zitr\u00f6nches\u00a0Wohlergehen.<\/p>\n<p>\u201eNa Zwickel, Sie Gl\u00fccklichster aller Gl\u00fccklichen, wann d\u00fcrfen wir mit Ihrer ersten, selbstgezogenen Zitrone rechnen? Mutter und Kind wohlauf?\u201c<\/p>\n<p>Ich zitterte am ganzen K\u00f6rper, als ich ihm stolz, doch ohne ihm in die Augen blicken zu k\u00f6nnen, eine \u2013 vorgeblich <em>meine<\/em> \u2013 Zitrone auf einem Samtkissen pr\u00e4sentierte. Ich hatte am Tage nach der Trag\u00f6die eine 747 gechartert, sie aus S\u00fcdkalifornien einfliegen und beim plastischen Zitronenchirurgen ein wenig aufm\u00f6beln lassen.<\/p>\n<p>Bei den anschlie\u00dfenden Ehrungen im Rathaus und auf Twitter kam ich mir ein wenig sch\u00e4big vor, zugegeben. Aber ich habe Blut geleckt. N\u00e4chstes Jahr versuche ich etwas Neues: Brasilianische Brombeerhecken. Der Kredit bei meiner Hausbank ist aufgenommen, das Sabbatical schon vom Chef genehmigt. Das Vertrauen in mich, den frisch gebackenen Zitronenpapa ist grenzenlos, und das ist richtig so, denn f\u00fcr solche Dinge habe ich ein H\u00e4ndchen. Emma ist mit meiner schn\u00f6seligen Dattelpalme durchgebrannt. Ich weine dieser undankbaren Seele keine Tr\u00e4ne nach. Soll sie bleiben wo die Zitronen wachsen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Pflanzen hatte ich seit jeher ein gutes H\u00e4ndchen. 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