{"id":884,"date":"2014-12-16T18:23:08","date_gmt":"2014-12-16T16:23:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=884"},"modified":"2015-05-08T12:23:57","modified_gmt":"2015-05-08T10:23:57","slug":"merry-ostbahngeleitstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2014\/12\/16\/merry-ostbahngeleitstrasse\/","title":{"rendered":"Merry Ostbahngeleitstrasse"},"content":{"rendered":"<p>\u201eZwickel, ich beneide dich!\u201c, hub der Chef jovial an, als er mich morgens gegen 13 Uhr in seine d\u00fcstere Komb\u00fcse im 11. Stock der Chefetage des Redaktionsgeb\u00e4udes bat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eChef, bevor Sie was sagen\u2026\u201c, entgegnete ich, die noch d\u00fcsteren Vorahnungen in meinem knarzenden, punschvernebelten Untergeh\u00f6rgeb\u00e4lk w\u00e4lzend.<\/p>\n<p>Dann sein allj\u00e4hrlich um diese Zeit abgespultes Ges\u00fclze:<\/p>\n<p>\u201ePapperlapapp, nix da, du wei\u00dft: Der Ostbahnbegleitstra\u00dfendienst \u00fcber die Feiertage ist ein Privileg und wird nur verdienten Mitarbeitern zugestanden. Du bist mein bester Mann.\u201c Sein rechter Zeigefinger beschreibt ausladende Kreise um die Reste seines schuppendurchwirkten, \u00f6ligen Haupthaares, das wir unter uns Mitarbeitern nur \u201eRestfettn\u201c nennen.<\/p>\n<p>Ich grinse linde ob dieser unglaubw\u00fcrdig vorgetragenen Behauptung, die jeder andere Mitarbeiter, ob m\u00e4nnlich oder weiblich, fast st\u00fcndlich zu Geh\u00f6r bekommt. Hier ist jeder \u201esein bester Mitarbeiter\u201c, und das ist er immer schon gewesen.<\/p>\n<p>Kurze Z\u00e4sur, verbunden mit einer defensiven K\u00f6rperhaltung, dann das Totschlagargument, w\u00e4hrend ich mir den Anblick \u00a0eines \u00a0Gesichts mit flehenden\u00a0 Aquarellaugen und \u00a0bek\u00fcmmert herabh\u00e4ngenden Schlappohren gefallen lassen muss. Sein Mund &#8211; ein mit Tusche gef\u00fclltes O:<\/p>\n<p><em>\u201eUnd au\u00dferdem habe ich niemand anderen\u201c,<\/em> haucht er, tief in sich zusammengesunken, mit der Impertinenz und Gef\u00fchllosigkeit eines in seiner Opferrolle gefangenen. Mich umgibt ein dezent weihnachtliches Odeur, irgendeine schier virtuos ausbalancierte Mischung aus Eierlik\u00f6r, Corned Beef und Lebkuchen, die der Chefredakteur vermutlich als saisonales Rasierwasser aufgetragen hat, um damit die Damen von der Society-Redaktion zu beeindrucken. Was kann man auf dies heimt\u00fcckisch\u2018 Gewort noch entgegnen? Er gibt mir nur das Gef\u00fchl, einwilligen zu m\u00fcssen, es ist l\u00e4ngst beschlossene Sache. Ich muss noch ein Stamperl Eierlik\u00f6r zur Feier des gemeinsamen, f\u00fcr ihn so hart errungenen Kompromisses in einem unbeobachteten Moment in einen seiner Kakteen leeren, dann bin ich entlassen.<\/p>\n<p>Ich hatte es schon kommen sehen: Der Zwickel w\u00fcrde also \u00fcber Weihnachten als Blitzreporter Dienst in der Au\u00dfenstelle Donaustadt tun, inklusive Dauerrufbereitschaft um pauschal \u00a0\u20ac 3,32 die Stunde, einer von der Firma gestellten und gro\u00dfz\u00fcgig gef\u00fcllten K\u00fchltruhe mit Fertiggerichten, Clever-Instant-Cappuccino und dem seelenlosen Hund der Nachbarin Wrybal, der mir tagt\u00e4glich seine Notdurft auf dem Fu\u00dfabtrittsrost zum Geschenke macht.<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenstelle Donaustadt ist grunds\u00e4tzlich ja ein ganz romantisches Pl\u00e4tzchen. Mitten im nirgendwo \u00a0\u2013 Ostbahnbegleitstra\u00dfe Nummer Merkichmirnie \u2013 steht sie, diese letzte Wiener Bastion des Hernalser Morgenpostillons: Ein rustikales, charmantes Gartenh\u00e4uslein im englischen Landhausstil (euphemistisch f\u00fcr: abgefuckter Bretterverhau mit Wellblechdach, elektrischem Heizstrahler, der, seinem anti-autorit\u00e4r geschulten Wesen entsprechend, nicht immer einwandfrei strahlt, \u00a0und einem Donnerbalken im weitl\u00e4ufigen, 100m\u00b2 gro\u00dfen Obstbaumgarten, auf dem man bei winterlichen Temperaturen in Ermangelung eines zus\u00e4tzlichen Heizstrahlers braune Eiszapfen scheisst). Und es k\u00f6nnte so sch\u00f6n sein: Ruhe und Einsamkeit, endlich Zeit f\u00fcr Reflexion, ein In-Sich-Gehen, ein vom Rest der zivilisierten Welt abgekoppeltes kontemplatives Erleben seiner eigenen Person als unteilbare Entit\u00e4t, die den Geist in Schwung bringt. Erfahrungsgem\u00e4\u00df scheitert man am Ende dieser Schichten in Abgeschiedenheit wieder einmal an der gleichen fundamentalen Erkenntnis, sich mit diesen sch\u00fcchtern formulierten Vors\u00e4tzen in den eigenen Sack gelogen zu haben. Denn ohne Saufen \u2013 und damit meine ich: RICHTIG Saufen, ist an diesem Elfenbeinturm aus Holz f\u00fcr Arme kein Staat zu machen.<\/p>\n<p>Ich sehe dieses urban-l\u00e4ndliche Stillleben ganz plastisch und lebhaft vor mir, und die damit verbundenen, in absolute Tristesse und Hoffnungslosigkeit eingeh\u00fcllten Bilder \u00e4hneln wohl den Erlebnissen deutscher Soldaten zur Weihnacht 1942 in Stalingrad: Tief eingeh\u00fcllt in meinem mir vom Gro\u00dfvater vermachten, und viel zu weiten wattierten Schurwollmantel in Feldgrau, hocke ich am Heilig-Abend-Dienst am Schemel inmitten einer von fahlem Kerzenlicht durchdrungenen Stube. Ein langer Wollschal schlingt sich um meinen kratzigen, von Bartstoppeln gezeichneten Hals, w\u00e4hrend mir der Atem vor dem Mund gefriert. Drei, vier, f\u00fcnf, sechs, unz\u00e4hlige Rum mit Tee bringen Linderung in dieser selbst oktroyierten Alleinsamkeit im h\u00f6lzernen Unterstand meiner unerf\u00fcllten Erinnerungen und traurigen Zukunftserwartungen. Ein wohlig warmes Gef\u00fchl von unbedingtem Selbstmitleid durchstr\u00f6mt die Mitte meines K\u00f6rpers und trifft sich unter dem Zwerchfell mit jener des Rums. Eine Maus scharrt im Geb\u00e4lk, oder ist es der fette Weihnachtsmann, der durchs Ofenrohr meines nicht existenten Ofens rauscht? Drau\u00dfen, irgendwo ganz weit weg, wird Weihnacht gefeiert. Ich sitze vor dem alten Bakelit-Telefon, warte auf einen Bereitschaftseinsatz und siedendhei\u00df f\u00e4llt mir ein: In sp\u00e4testens zwei Stunden ist der Rum aus, dann muss ich wohl oder \u00fcbel an den Gin. Ich starre noch einmal aus dem beschlagenen Fenster, gegen das lieblich, als h\u00e4tten sie gewusst, dass Heilig Abend ist, erste Schneefl\u00f6cklein t\u00e4nzeln. Am Ende der Stra\u00dfe, weitab in der Ferne, meine ich, da steht ein frierend\u2018 M\u00e4del im Kopftuch, in der Hand ein Schwefelh\u00f6lzchen, vom Himmel blasen Engelsposaunen\u2026<\/p>\n<p>Als ich am n\u00e4chsten Tag erwache, ist das Haus von Frau Wrybal bis auf die Grundholzpf\u00e4hle abgebrannt. Das M\u00e4dchen mit den Schwefelh\u00f6lzchen, so erfahre ich einige Zeit sp\u00e4ter, war die seit langem gesuchte Brandstifterin, auf die mich der Chefredakteur angesetzt hat. Tja, und die Posaunen \u2026 angeblich ein Markushorn der Feuerwehr, oder so \u00e4hnlich. Sagt jedenfalls der Chefredakteur, als er mich zwei Stunden sp\u00e4ter besucht, um mir mit einer Flasche Eierlik\u00f6r, einer Dose Corned Beef und einem Lebkuchenschneemann seine weihnachtliche Aufwartung zu machen. \u201eMerry Ostbahngeleitstra\u00dfe\u201c, sage ich, und wir sto\u00dfen an. Die Brandstifterstory hat Kollegin Natalie derweil vom Home Office aus gemacht. Braves M\u00e4del. Und der Chefredakteur besch\u00fctze uns alle \u2013 jeden von uns\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eZwickel, ich beneide dich!\u201c, hub der Chef jovial an, als er mich morgens gegen 13 Uhr in seine d\u00fcstere Komb\u00fcse im 11. 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