{"id":875,"date":"2014-12-01T21:37:59","date_gmt":"2014-12-01T19:37:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=875"},"modified":"2014-12-02T09:21:18","modified_gmt":"2014-12-02T07:21:18","slug":"maenner-in-hellblauen-pullovern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2014\/12\/01\/maenner-in-hellblauen-pullovern\/","title":{"rendered":"M\u00e4nner in hellblauen Pullovern"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>(aus dem \u201eHernalser Morgenpostillon\u201c vom Sonntag, den 30.11.2014)<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Gastkommentar von Dr. Wolfgang A. Schnattergast, Soziologe, VHS Grummelsheim<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Kulturgeschichte des Menschen f\u00f6rdert bisweilen markante Grundmotive zutage, die innerhalb eines mehr oder weniger weit gefassten Sozialgef\u00fcges ver\u00e4ndernd und steuernd mit den nat\u00fcrlichen Lebenswelten einer Gesellschaft interagieren, und diese nachhaltig pr\u00e4gen. Als Beispiel sei hier der Minirock angef\u00fchrt, der schnell von einer himmelschreienden Provokation zum Symbol eines neuen Selbstbewusstseins und Selbstverst\u00e4ndnisses avancierte. Zun\u00e4chst verp\u00f6nt, und dem irren Erfindergeist eines offensichtlich von D\u00e4monen besessenen Weibst\u00fccks zugeschrieben, hat sich der Status Quo spornstreichs ins Gegenteil verkehrt: Im Sinne eines wohlausbalancierten und konstant hohen Testosteronspiegels (mit all den n\u00fctzlichen Sekund\u00e4reffekten auf die Volkswirtschaft) innerhalb der m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung, erfuhr der Minirock die Akzeptanz, die ihm von Anfang an geb\u00fchrt h\u00e4tte, ja er wurde von M\u00e4nnern an Frauen sogar unbedingt eingefordert. Es geht also nur vordergr\u00fcndig um ein simples Kleidungsst\u00fcck, um Mode \u2013 bei Lichte besehen dreht sich alles um die Neuordnung einer Gesellschaft und die Restrukturierung von Gef\u00fchlsgeborgenheit.<\/p>\n<p>J\u00fcngst r\u00fcckte nun erneut ein St\u00fcck Kleidung in den Fokus der Forscher: Der hellblaue Pullover. Eine Studie der Universit\u00e4t von Oxford an 2600 Frauen ergab, dass nur\u00a0rund 16% aller Frauen M\u00e4nner in hellblauen Pullovern attraktiv finden. Noch geringer sind die Werte bei anderen abgefragten Attributen:<\/p>\n<p>Geistreich: 3%<\/p>\n<p>Humorvoll: 8%<\/p>\n<p>Erfolgreich: 7%<\/p>\n<p>Kreativ: 2%<\/p>\n<p>Sportlich: 1%<\/p>\n<p>Topwerte wurden hingegen bei folgenden Eigenschaften erzielt:<\/p>\n<p>Schrullig: 87%<\/p>\n<p>Kompliziert: 65%<\/p>\n<p>Arbeitsscheu: 98%<\/p>\n<p>Angeberisch: 56%<\/p>\n<p>Egomanisch: 77%<\/p>\n<p>Hang zu Alkoholismus und anderen Drogen: 99%<\/p>\n<p>Immerhin 23% der Befragten im Alterssegment zwischen 31 und 50 Jahren k\u00f6nnten sich vorstellen, mit einem unbekannten Mann im hellblauen Pullover gemeinsam an einer Stra\u00dfenbahnhaltestelle zu warten, 45% w\u00fcrden ohne mit den Wimpern zu klimpern die gleiche Luft in einem Raum atmen, 18% w\u00fcrden hellblaue Pullover am Gang gr\u00fc\u00dfen, und zumindest 13% h\u00e4tten nichts dagegen, von M\u00e4nnern in hellblauen Pullovern nach dem Weg gefragt zu werden, allerdings nur dann, wenn der hellblaue Pullover frisch gewaschen ist und nach Weichsp\u00fcler mit einer dezenten Fr\u00fchlingsnote riecht. 76% der Teilnehmerinnen k\u00f6nnten sich nicht vorstellen, mit Tr\u00e4gern von hellblauen Pullovern ein Taxi zu teilen, 53% halten solche M\u00e4nner f\u00fcr grunds\u00e4tzlich b\u00f6se und potentiell kriminell, 35% f\u00fcr soziopathisch und paranoid, 67% f\u00fcr geschmack- und farblos.<\/p>\n<p>In der Schlange einer Supermarktkasse h\u00e4tten nur drei Prozent ein Problem mit einem Mann im hellblauen Pullover, vorausgesetzt er wartet mindestens zwei Pl\u00e4tze dahinter oder l\u00e4sst sie vor. F\u00fcnf Prozent aller Befragten hatten aufgrund vorbeugender erzieherischer Ma\u00dfnahmen durch Eltern oder sensibilisierte schulische Einrichtungen bewusst noch \u00fcberhaupt keinen Kontakt zu M\u00e4nnern in hellblauen Pullovern und streben diesen aktiv auch nicht an. Interessant ist dabei, dass diese Betrachtungen sowohl f\u00fcr Pullover mit normalem, als auch f\u00fcr solche mit V-Ausschnitt zutreffen. Die Machart des Kleidungsst\u00fcckes an sich, zum Beispiel Materialien (Kaschmir, Baumwolle, Viskose etc.) fielen erstaunlicherweise kaum ins Gewicht. Angemerkt sei der Vollst\u00e4ndigkeit halber, dass die Befragung der Kontrollgruppe (1300 blinde Frauen), wesentlich indifferenter ausfiel und nur wenig Aufschluss brachte.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6gen uns diese Ergebnisse freilich absurd und v\u00f6llig abgekoppelt von jedweder Relevanz erscheinen. W\u00fchlt man sich aber tiefer durch die gegenw\u00e4rtigen soziopolitischen Realit\u00e4ten, scheinen objektive Fakten diese subjektiven, vom Unterbewusstsein kreierten Wahrnehmungen, durchaus zu untermauern, und ergeben vor dem Hintergrund vieler anderer Faktoren eine stabile Grundlage f\u00fcr weiterf\u00fchrende und fruchtbare Forschungst\u00e4tigkeiten.<\/p>\n<p>Eine Analyse der (mittlerweile verbotenen) \u201eInteressensgemeinschaft zur F\u00f6rderung des hellblauen Pullovers im Alltag\u201c f\u00f6rderte in einem Geheimbericht\u00a0beispielsweise folgende Fakten zutage:<\/p>\n<ol>\n<li>Fast jeder dritte Schwerkriminelle hat selbst schon einmal einen hellblauen Pullover getragen, hat\u00a0Komplizen die mindestens einen besitzen, oder zumindest einmal einen Mann im hellblauen Pullover gesehen<\/li>\n<li>Die Wahl zum betrunkensten Gast in einem Irish Pub in Wien III. entscheiden regelm\u00e4\u00dfig IT-Angestellte im hellblauen Pullover klar f\u00fcr sich<\/li>\n<li>Jeder zweite(!) Single-Mann hat schon einmal ernsthaft erwogen, einen hellblauen Pullover zu erwerben, ohne dabei Schamgef\u00fchle zu versp\u00fcren<\/li>\n<li>Fast jede zweite Oberbekleidungsfachgesch\u00e4ftsangestellte empfindet M\u00e4nner, die mit hellblauen Pullovern in den H\u00e4nden w\u00e4hrend der Rauchpausen an der Oberbekleidungsfachgesch\u00e4ftskasse auftauchen, als l\u00e4stig<\/li>\n<li>Etwa 30% der M\u00e4nner mit solchen Kleidungsst\u00fccken sind \u00fcbergewichtig, haben ein Universit\u00e4tsstudium abgebrochen, und\/oder m\u00f6gen Erdnussbuttersandwiches mit Erdbeermarmelade<\/li>\n<\/ol>\n<p>Rein kulturanthropologisch stehen wir vor einem R\u00e4tsel: So wurden weder in den Schriften antiker Hochkulturen, noch in den ersten Jahrhunderten nach Christi hellblaue Pullover oder \u00e4hnlich polarisierende Kleiderst\u00fccke\u00a0erw\u00e4hnt. Ein klarer Hinweis auf ein Tabuthema und die bewusste Mystifizierung eines Kleiderst\u00fcckes, dem man anscheinend magische oder d\u00e4monische Kr\u00e4fte zuschrieb. Erstmals schriftlich belegt ist der hellblaue Pullover in Heinrich Kramers ber\u00fcchtigtem Hexenhammer (Malleus Maleficarum), der 1486 erschien. Neben D\u00e4monen und Hexen, thematisiert dieses Grundlagenwerk der Hexenverfolgung, wie wir heute annehmen m\u00fcssen, auch den hellblauen Pullover:<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026dass die D\u00e4monen, himmelblau bekleidet, mit bestimmten Mondzunahmen die Menschen qu\u00e4len \u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Philosoph Martin Heidegger wandte sich Mitte der 1950er-Jahre gegen eine bewusste Verkl\u00e4rung des hellblauen Pullovers im menschlichen Dasein und sah ihn in letzter Konsequenz als Ausdruck der \u201ekollektiven Kr\u00e4nkung der Menschheit\u201c, ja \u00fcberhaupt als deren st\u00e4rkstes Symbol. Als solche sei der hellblaue Pullover wahr- und anzunehmen, gleichzeitig aber auch vehement abzulehnen und zu bek\u00e4mpfen. Martin Niem\u00f6ller, evangelischer Theologe, blies ins gleiche Horn, wenn er meinte: \u201eEher geht eine Camel durch ein Nadel\u00f6hr, als dass ein Mann im hellblauen Pullover Socken im Himmel strickt\u201c.<\/p>\n<p>Laut Dr. Sybil Please, Psychologin an der University of California in Berkeley, strahlten M\u00e4nner in hellblauen Pullovern etwas \u201eIndifferentes\u201c aus und vermittelten \u201eUnsicherheit\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eM\u00e4nner in hellblauen Pullovern machen Angst und l\u00f6sen Unruhe aus. Man spricht ihnen kategorisch Entscheidungsfreudigkeit ab und verbindet mit ihnen Konfliktscheue und mangelndes Durchsetzungsverm\u00f6gen\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Dies sei vor allem in der Tatsache begr\u00fcndet, so Dr. Please, dass Hellblau als reine Kompromissfarbe wahrgenommen w\u00fcrde:<\/p>\n<p><em>\u201eKein kr\u00e4ftiges Blau oder heimeliges Schwarz. Irgendetwas zwischen Fisch und Fleisch. Eine einzige Zurschaustellung von Minderwertigkeitsgef\u00fchlen\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Z\u00e4hlt man eins und eins zusammen, m\u00fcssen wir von einem langsam sich entwickelnden Stigma reden, und nicht mehr rein von einem \u201eharmlosen\u201c Kleidungsst\u00fcck. Ich sage daher: Vorsicht! Sprechen Sie keine Herren in hellblauen Pullovern an und steigen Sie nicht zu ihnen in den Wagen. Wenn sie von sich aus auf Sie zukommen, bleiben Sie ruhig und verst\u00e4ndnisvoll, zeigen Sie Interesse f\u00fcr ihre Sorgen und N\u00f6te. Besuchen Sie einschl\u00e4gige Selbsthilfegruppen, um sich ein eigenes Bild zu machen. Denn Vorurteile sind, trotz all der nicht zu leugnenden Fakten, fehl am Platze.<\/p>\n<p><em>Lesen Sie n\u00e4chste Woche im zweiten Teil\u00a0\u00fcber den Einfluss von\u00a0hellblauen Pullovern in der Hamsterzucht, und welchen Stellenwert hellblaue Pullover in anderen Kulturen eingenommen haben:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDer hellblaue Pullover in Kunst,\u00a0Tierzucht und Ethik\u201c. N\u00e4chsten Sonntag im Hernalser Morgenpostillon.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(aus dem \u201eHernalser Morgenpostillon\u201c vom Sonntag, den 30.11.2014) Ein Gastkommentar von Dr. Wolfgang A. 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