{"id":848,"date":"2014-07-15T15:33:21","date_gmt":"2014-07-15T13:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=848"},"modified":"2014-07-15T15:43:13","modified_gmt":"2014-07-15T13:43:13","slug":"einsparungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2014\/07\/15\/einsparungen\/","title":{"rendered":"Einsparungen"},"content":{"rendered":"<p>Consultants haben ein schweres Leben. Und ganz unberechtigt meist einen schlechten Ruf. Ich hingegen habe mir im Laufe meiner Karriere die Fama eines konsequent durchgreifenden Krisenmanagers mit dem Blick f\u00fcr die wesentlichen Probleme einer Organisation erworben. Sohin bewege ich mich am glatten Parkett krisengebeutelter Gro\u00dfkonzerne, saniere mit harter Hand und f\u00fchre im Keller dahingrundelnde Unternehmen wieder in den Olymp der wirtschaftstreibenden Zunft.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Beispiel auf das ich im Besonderen stolz sein kann, ist die Sanierung eines weltweit agierenden IT-Konzerns. Der massive, stetig wachsende interne Kostendruck machte es notwendig, meine F\u00e4higkeiten zum Einsatz zu bringen. Der Konzernchef im ersten Gespr\u00e4ch:<\/p>\n<p>\u201eZwickel, wir kriegen die F\u00fc\u00dfe nicht mehr auf den Boden. Die Kosten explodieren. Sie m\u00fcssen Einsparungspotential identifizieren und dann geeignete Ma\u00dfnahmen vorschlagen. So geht es nicht weiter!\u201c. Er streichelte gedankenversunken \u00fcber sein g\u00fcldenes iPhone 5, und f\u00fcllte mir noch einmal das Glas aus der Magnumflasche Pommery Brut Royal Jahrgang 1987.<\/p>\n<p>\u201eNennen Sie mich ruhig Magister, Herr Doktor. Machen Sie sich keine Sorgen, Sie sind bei mir in besten H\u00e4nden und ich werde Sie innerhalb k\u00fcrzester wieder auf die Spar- und damit Erfolgsschiene bringen\u201c. Ich hatte Mitleid mit diesem gebrochenen Menschen vor mir, dessen Gedanken nur dem Wohl seiner Belegschaft und der wirtschaftlichen Gesundheit seines Unternehmens galten. Welch schwere Stunden dieser Mann, dieser bewundernswerte Industriekapit\u00e4n, auf der Br\u00fccke seines vom Sturm gebeutelten Kreuzers durchmachen musste, davon hatte wohl innerhalb seiner Belegschaft niemand die leiseste Ahnung. Dieser Druck! Diese Verantwortung! Diese geile meterhohe Mingvase neben dem Louis XV. \u2013Schreibtisch. Und dann diese Aussicht \u2026 auf einen gut dotierten Pauschalvertrag und der M\u00f6glichkeit, jeden kleinsten K\u00e4sekrainer-Hot Dog mit in die Spesenabrechnung nehmen zu k\u00f6nnen \u2026<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter begann ich hochmotiviert meine Arbeit. F\u00fcr mich war v\u00f6llig klar, wo hier anzusetzen war: Nat\u00fcrlich bei den Mitarbeitern. Auch ohne eingehende Analyse sah ich hier sofort das gr\u00f6\u00dfte Einsparungspotential. Schon nach den ersten zwei Stunden Kaffeepause wusste ich: sie sind ein Rudel fauler, demotivierter und verschwenderischer Dauern\u00f6rgler, die dem Unternehmenserfolg, vor allem aber meinem Erfolgshonorar, konsequent im Weg stehen.<\/p>\n<p>Vom Management mit umfassenden Kompetenzen ausgestattet, lancierte ich die Aktion \u201eTabula Rasa\u201c: Ich nahm mir die Mitarbeiter zur Brust. Den heiligen Gral der immer noch verbeamteten Belegschaft fasste ich zun\u00e4chst, aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden, nicht an \u2013 diesem Problem w\u00fcrde ich in Phase zwei mithilfe meiner altbew\u00e4hrten Streikbrechertruppe aus der Ukraine begegnen.<\/p>\n<p>Am dritten Tag des Gro\u00dfreinemachens erwischte es die ersten, die faulsten der faulsten.<\/p>\n<p>Mitarbeiter Edwin Jablonski bei mir im \u201eAbstimmungsmeeting\u201c:<\/p>\n<p>\u201eHerr Jablonski, mein Eindruck ist: Sie wollen einfach nicht mehr\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlles was sie jetzt sagen, kann nur falsch sein. Wer nicht mehr will, in wem das Feuer nicht mehr brennt, kann niemals Bestandteil unserer erfolgreichen Familie sein. Das sehen Sie doch ein?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber ich bin doch erst seit zwei Stunden da! Das ist mein erster Arbeitstag!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, Ihr letzter. Geben Sie bitte Laptop, Zutrittskarte und Kaffeeautomatenschl\u00fcssel bei mir ab. F\u00fcr Sie ist die Reise hier zu Ende.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe noch gar keinen Laptop bekommen, ich bin erst seit zwei Stunden\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin Mann mit Ihren F\u00e4higkeiten findet bald mal wieder einen Job, da bin ich mir sicher, auch wenn Sie dies in unserem Unternehmen freilich nur selten unter Beweis stellen konnten\u201c.<\/p>\n<p>\u201eIch bin fassungslos\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas Leben geht weiter. Wir bedanken uns f\u00fcr die gute Zusammenarbeit und w\u00fcnschen Ihnen auf Ihrem weiteren Lebensweg alles Gute\u201c<\/p>\n<p>Auf diese Weise war bald eine Basiskostenreduktion mobilisiert, die sich sehen lassen konnte.<\/p>\n<p>Punkt zwei: Smartshoring. Geschicktes Umverteilen von Personalressourcen in L\u00e4nder mit g\u00fcnstigerer Kostenverteilung. Zun\u00e4chst l\u00f6ste ich die Vertrags- und Rechtsabteilung auf. Die entsprechenden Services verlagerte ich in die Slowakei. Da in der Slowakei bekanntlich nur slowakisch gesprochen wird, musste ich mich zus\u00e4tzlich um notwendige \u00dcbersetzungsdienste k\u00fcmmern. Als g\u00fcnstigste Variante identifizierte ich folgende L\u00f6sung:<\/p>\n<p>Ein \u00dcbersetzer in Bolivien \u00fcbersetzt das Vertragswerk vom Slowakischen ins Russische. Ein indischer \u00dcbersetzer in Mombasa \u00fcbersetzt vom Russischen ins Portugiesische. Ein \u00dcbersetzer in S\u00fcdkorea \u00fcbersetzt vom Portugiesischen ins Franz\u00f6sische, das ein Slowake in Ungarn letztlich ins Deutsche \u00fcbersetzt. Alles in allem brachte diese Servicekette im Vergleich zu einer fix im Unternehmen angesiedelten Rechtsabteilung eine monatliche Einsparung von 150 Euro und das gute Gef\u00fchl, Gutes getan zu haben. Die um 800 Prozent gestiegenen Durchlaufzeiten konnte ich aufgrund der get\u00e4tigten Einsparungen aber locker argumentieren.<\/p>\n<p>Punkt 3: Ich musste der Verschwendungssucht der noch verbliebenen Mitarbeiter Einhalt gebieten. Schnell hatte ich auch hier ein Liebkind gewonnen: Druckbleistifte, die, so hatte es den Anschein, \u00fcberall herumkugelten. Eine von mir einberufene Druckbleistift-Taskforce, die sich zwei Wochen auf Klausur nach Gran Canaria zur\u00fcckzog, analysierte mit fiebrigem Eifer den Druckbleistiftverbrauch in unserem Weltkonzern. Das Ergebnis war ersch\u00fctternd, so ersch\u00fctternd, dass ich es hier unm\u00f6glich ver\u00f6ffentlichen kann.<\/p>\n<p>\u201eAuch Kleinvieh macht Mist!\u201c, predigte ich unabl\u00e4ssig meinen Sch\u00e4fchen.<\/p>\n<p>\u201eFrau Kasulke, wenn ich Sie noch einmal erwische, dass Sie zwei Schreibger\u00e4te auf Ihrem Arbeitstablett abgelegt haben, dann spielts Granada!\u201c.<\/p>\n<p>Selbst vor dem Konzernchef (mittlerweile ein Duz-Freund) kannte ich keine Gnade: \u201eLieber Freund, in deinem Maserati liegen mindestens 4 Schreibger\u00e4te herum. Drei Einwegkugelschreiber und ein Druckbleistift. Wei\u00dft du eigentlich, was das kostet?\u201c. Mit leicht indignierter Miene entfernte der Konzernchef drei der Schreibger\u00e4te, sah zum Schluss aber durchaus ein, welche Verschwendung ich hier aufgedeckt hatte. Er wollte nat\u00fcrlich mit gutem Beispiel vorangehen, der dabei geschossene Selfie (ein l\u00e4chelnder Konzernchef im Hugo Boss Anzug, einen Druckbleistift in der Hand, im Hintergrund die stimmungsvoll beleuchtete Mittelkonsole des Maseratis) war ein Hit im Firmenintranet.<\/p>\n<p>Damit aber nicht genug: Ich musste nat\u00fcrlich auch am Konzept der Schreibwerkzeuge insgesamt r\u00fctteln. Einer weiteren 20-k\u00f6pfigen Taskforce, die ich, um Einfl\u00fcsse von au\u00dfen zu vermeiden, f\u00fcr ein Monat in einem abgeschiedenen Hotel in Monte Carlo unterbrachte, gab ich den Auftrag, den Einsatz von Druckbleistiften im Vergleich zu normalen Bleistiften (inklusive der zus\u00e4tzlich notwendig werdenden Bleistiftanspitzer und Radiergummis) zu evaluieren.<\/p>\n<p>Der mir anschlie\u00dfend zugemittelte 800 Seiten starke Bericht machte mich w\u00fctend: Es ergab sich ein Kostenvorteil von 2 Cent pro Einheit f\u00fcr normale Bleistifte, und das sogar unter Ber\u00fccksichtigung der neu anzuschaffenden Bleistiftanspitzer und Radiergummis.<\/p>\n<p>\u201eHerrgott, Kinder! H\u00e4tten wir das vor zwei Monaten gewusst, h\u00e4tten wir locker schon wieder 50 Euro eingespart\u201c.<\/p>\n<p>Ich gab Order, die sch\u00e4tzungsweise etwa 300.000 noch im Konzern verbliebenen Druckbleistifte, diese kleinen Kostenfresserchen, sofort aus dem Arbeitsumfeld zu eliminieren. Die einhergehende gro\u00dfangelegte Kampagne mit l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Workshops und Mitarbeiterbefragungen, in der ich den tats\u00e4chlichen Bedarf an Bleistiften erheben lie\u00df, war ein voller Erfolg: Wir kauften lediglich 250.000 normale Bleistifte, 125.000 Bleistiftanspitzer und 125.000 Radiergummis als Ersatz f\u00fcr die entsorgten Druckbleistifte. Besonders r\u00fchrte mich an dieser Stelle, dass sich die Mitarbeiter \u2013 wenn auch nach langem Kampf \u2013 dar\u00fcber verst\u00e4ndigten, je einen Bleistiftanspitzer und einen Radiergummi gemeinsam nutzen zu wollen. Meine eindringlichen Appelle hatten Wirkung gezeigt, langsam entwickelte sich auch beim \u201eMann an der Front\u201c so etwas wie ein Kostenbewusstsein, das ansonst nur Managern gegeben ist.<\/p>\n<p>Nach zwei Jahren war mein Werk getan. Die Abschlussbesprechung beim Konzernchef:<\/p>\n<p>\u201eZwickel, also ich wei\u00df nicht, was ich sagen soll\u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eLieber Lutz, sag jetzt nichts, genie\u00dfen wir den Moment\u201c. Er hatte Tr\u00e4nen der R\u00fchrung in den Augen, als ich ihm\u00a0den viertelseitigen Abschlussbericht\u00a0und die 5.000 Seiten starke, mit Bleistift handgeschriebene\u00a0Honorarnote \u00fcberreichte. Ich hatte das Gef\u00fchl: Dies ist der Beginn einer wunderbaren M\u00e4nnerfreundschaft \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Consultants haben ein schweres Leben. Und ganz unberechtigt meist einen schlechten Ruf. 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