{"id":819,"date":"2014-05-10T09:41:40","date_gmt":"2014-05-10T07:41:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=819"},"modified":"2014-05-10T09:42:26","modified_gmt":"2014-05-10T07:42:26","slug":"lauter-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2014\/05\/10\/lauter-bitte\/","title":{"rendered":"Lauter, bitte!"},"content":{"rendered":"<p>Eines steht fest: K\u00f6rbler hasst mich. Er besucht jede meiner Lesungen und stets setzt er sich in die letzte Reihe, von wo er mich durch seine Hornbrille beobachtet. Ab und an senkt er den Blick, immer nur kurz, immer nur, um ein wenig gekritzeltes Gift in ein abgegriffenes Notizb\u00fcchlein zu tr\u00e4ufeln. K\u00f6rbler ist Literaturkritiker.<!--more--> Kein namhafter, keiner vor dessen Urteil auch nur der allerletzte dauerbetrunkene Mundartdichter in die Knie gehen m\u00fcsste. Nur mich hat er an den Eiern. K\u00f6rbler legt allergr\u00f6\u00dften Wert darauf, bei jeder Lesung als erster im Saale zu sein. Ich soll ihn sehen, soll ihn so fr\u00fch wie m\u00f6glich wahrnehmen, um an seinem Gesicht abzulesen, wie sehr er es genie\u00dft, mich schon in Panik zu versetzen, noch bevor ich die erste Silbe vorgetragen habe. Aber es gen\u00fcgt ihm nicht, blo\u00dfe Pr\u00e4senz zu zeigen. Jedesmal, noch im ersten Satz, den ich wage gen Publikum zu sprechen, kommt wie das Amen im Gebet sein &#8222;Lauter, bitte!&#8220;. Und es ist ihm v\u00f6llig egal, dass ich die Tonanlage bereits vorausschauend auf absolutes Maximum justiert habe, und es den Leuten in den ersten Reihen die Haare b\u00fcschelweise von den K\u00f6pfen weht. Immer: &#8222;Lauter, bitte!&#8220;. K\u00f6rbler schreibt f\u00fcr die &#8222;W\u00e4hringer Welt&#8220;, und seine einstmals zur Lautst\u00e4rkecausa ver\u00f6ffentlichten Worte haben sich mir auf ewig ins Hirn gebrannt: &#8222;Der Vortragende, der gleichzeitig vorgibt Autor zu sein, hat ein Nuschelproblem, dem er und sein zartes Stimmchen nichts entgegenzusetzen haben. Sollten Sie, werte Leser, also mit H\u00f6rproblemen zu k\u00e4mpfen haben, empfehle ich Ihnen an dieser Stelle: bleiben Sie dem Zwickel fern.&#8220; Diese Arschnase!<\/p>\n<p>Inzwischen habbe ich mich in der Angelegenheit K\u00f6rbler konditioniert. Sobald er am Veranstaltungsort erscheint (zumeist ein gem\u00fctliches Wiener Vorstadtetablissement, darauf lege ich gro\u00dfen Wert!), und mich mit einem s\u00fcffisanten &#8222;Mahlzeit!&#8220; gr\u00fc\u00dft (ja: Mahlzeit, f\u00fcr K\u00f6rbler scheint es immer mittags zu sein), bestelle ich reflexartig irgendetwas Hochprozentiges, und das auf doppelt. K\u00f6rbler macht sich diese, meine Marotte jedoch auf niedertr\u00e4chtigste Art zunutze. So verarschte er mich an einem Abend damit, dass er geschlagene sechsmal das Lokal betrat, wieder verlie\u00df, und es (&#8222;Mahlzeit!&#8220;) wieder betrat. Diese Lesung war kein gro\u00dfer Erfolg. In der &#8222;W\u00e4hringer Welt&#8220; las ich danach: &#8222;Der Vortragende, der gleichzeitig vorgibt Autor zu sein, wirkte am gestrigen Abend insgesamt ein wenig indisponiert. Zu seinem uns allen leidvoll bekannten Nuscheln gesellte sich auch noch ein dem Vortrage wenig dienliches Lallen. Die von Zwickel so hei\u00dfgeliebten Schachtels\u00e4tze wurden damit f\u00fcr das ohnedies nur sp\u00e4rlich anwesende Publikum zu einer Geisterbahnfahrt des lautmalerischen Holperns und Stolperns.&#8220; Dieser Hundsfott!<\/p>\n<p>Ich versuche meine Lesungen vor K\u00f6rbler zu verstecken. Den Kartenvorverkauf habe ich inzwischen selbst in die Hand genommen, jeder potentiell interessierte K\u00e4ufer muss sich bei mir pers\u00f6nlich legitimieren (Reisepass, Impfzeugnis, Stammbaum und Jahreskarte bei den Wiener Philharmonikern gen\u00fcgen mir in der Regel; die Kosten f\u00fcr die notariell beglaubigte Verschwiegenheitserkl\u00e4rung werden fair geteilt). F\u00fcr den Online-Verkauf habe ich mir ein narrensicheres System ausgedacht, bei dem eine 512Bit-Verschl\u00fcsselung, der Fingerabdruck von Edward Snowden und ein Proxyserver auf den Bahamas eine zentrale Rolle spielen. Jeden meiner Facebookfreunde, der es wagt, auch nur in einem Nebensatz eines Statusupdates eine meiner Lesungen zu erw\u00e4hnen, verbanne ich r\u00fccksichtslos aus meinem Online-Gesichtsfeld (Entschuldige Mutter, aber ich habe dich dreimal gewarnt). Dennoch muss ich gestehen: meine Sicherheitsma\u00dfnahmen haben auch Nachteile. Zum einen kommt kein Schwein mehr, um mich lesen zu sehen, zum anderen, und dies ist viel \u00e4rgerlicher: K\u00f6rbler kommt dennoch.<\/p>\n<p>Jetzt sitzen K\u00f6rbler und ich ganz alleine im Saal. Er, wie \u00fcblich in der letzten Reihe, ich kann das hasserf\u00fcllte Funkeln seiner Hornbrillengl\u00e4ser sehen. Lange sage ich gar nichts, die ganze Situation soll f\u00fcr ihn zur Peinlichkeit geraten. Aber K\u00f6rbler ist immun gegen Peinlichkeiten, auch das unterscheidet uns. Schli\u00dflich knicke ich ein. &#8222;Warum?&#8220;, r\u00f6chle ich ins Mikro. K\u00f6rbler: &#8222;Lauter, bitte!&#8220;, und jetzt verliere ich den letzten Rest an Selbstachtung und schluchze (so laut ich eben schluchzen kann): &#8222;Warum hasst du mich so?&#8220; K\u00f6rbler sieht mich an, zehn Sekunden lang, zwanzig Sekunden lang, eine Minute vergeht, ehe er genau ein Wort sagt: &#8222;Magdalena&#8220;. Danach steht er auf und geht.<\/p>\n<p>K\u00f6rbler und ich haben eine gemeinsame Vergangenheit, die bald drei\u00dfig Jahre zur\u00fcckliegt. Der Maturajahrgang &#8217;88 vom Parhamerplatz, eine wilde Mischung. Mittendrin der Zwickel, aufgebl\u00fcht in seiner Rolle als erster R\u00fchrl\u00f6ffel dieser Mischkulanz. Ebenfalls zugegen: K\u00f6rbler, ein guter Sch\u00fcler, ein g&#8217;scheiter Bub, eher introvertriert, ein Einserkandidat. Oder anders formuliert: das volle Opfer. Das gr\u00f6\u00dfte Problem des K\u00f6rblers h\u00f6rte auf den flauschigen Namen Magdalena Windstill, ja, so etwas soll vorkommen. Sie war nicht unbedingt eine Sch\u00f6nheitsk\u00f6nigin, aber sie hatte was. Ihre Pl\u00fcschaugen konnten die Burschen schon nerv\u00f6s machen. Den K\u00f6rbler jedenfalls machten sie durch und durch deppert, seit der vierten Klasse war er schon in sie verliebt, aber die oben erw\u00e4hnte Introvertiertheit erwies sich in der Angelegenheit dann doch stets als zu gro\u00dfes Hindernis. Aber das Maturajahr schien sich dann f\u00fcr den K\u00f6rbler doch noch auszuzahlen. Es ist ja nicht wirklich ungew\u00f6hnlich in Teenagerkreisen: da k\u00f6nnen zwei Menschen jahrelang im teils echten, teils gespielten Wurschtigkeitsmodus nebeneinander herr\u00f6deln, irgendwann einmal fahren dann einfach doch die Hormone ein, wie amerikanische Langstreckenraketen, und fordern ihr Recht. Und genau das passierte der Magdalena und dem K\u00f6rbler, und gro\u00df war die \u00dcberraschung in der Klasse, als bekannt wurde, dass heute Abend, ja genau heute Abend die Windstill und der K\u00f6rbler (Unglaublich, oder? Der K\u00f6rbler mit seiner doofen Hornbrille, haha!) sich zum ersten romantischen Stelldichein verabredet h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Ich selbst befand mich zu jener Zeit in einer Phase des Nichterwachsenwerdenwollens, die sich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, am Besten mit &#8222;Arschlochperiode&#8220; betiteln l\u00e4sst. Eine Menge an Bockmist habe ich damals abgesondert, und nur allzu wenig Schlaues, und ganz bestimmt gar nichts Liebenswertes zustande gebracht. Noch heute werden meine Wangen ein kleinwenig rot, wenn ich an diese Zeit zur\u00fcckdenke, aber war mir das damals wurscht? Oh ja, aber sowas von! Und was ein echtes Teeniearschloch ist, den lassen so Geschichten, wie die sich zart anbahnende &#8222;amour fou&#8220; zwischen dem Fr\u00e4ulein Windstill und dem K\u00f6rbler (dem Opfer!) ganz und gar nicht kalt. Nahezu eifers\u00fcchtig wurde ich, als ich vom geplanten ersten Date der beiden erfuhr, denn, Gfrastsackl hin, Arschgeige her, Pl\u00fcschaugen waren auch eines meiner Lieblingshobbies damals. Um die Geschichte abzuk\u00fcrzen: ein finsterer Plan wurde entworfen, an willf\u00e4hrigen Komplizen mangelte es mir damals nicht, und es stellte sich heraus, dass es nicht mehr als einer nerv\u00f6sen Blase (m\u00f6glicherweise in freudiger Erwartung eines Rendezvous), einer letzten Schulstunde, einer Toilettenkabine und eines Nylonstrickes bedurfte, um eine Liebe abzut\u00f6ten, noch ehe sie \u00fcberhaupt zu leben begonnen hatte. K\u00f6rbler verbrachte die ganze Nacht auf der Schultoilette, in der wir (nein: ich!) ihn eingesperrt hatte(n), sein Treffen mit Magdalena fand niemals statt. Auch zu einer Neuauflage kam es nicht, das verbat der Stolz dem Fr\u00e4ulein Windstill, eine Liaison mit einem, der eine ganze Nacht auf einer Toilette festgesetzt war, konnte sie selbst vor ihren aller-, allerbesten Freundinnen nicht rechtfertigen.<\/p>\n<p>Ich kenne eine Menge Leute. So habe ich bereits vor Jahren Susi auf Facebook wiedergefunden, Susi Knapp. Susi war die Klassensprecherin des Maturajahrgangs &#8217;88 des Parhamerplatzes. Und Susi kennt Anna, Anna kennt Monika, Monika kennt Andreas und Andreas wei\u00df etwas. Er wei\u00df n\u00e4mlich, wo Magdalena Windstill abgeblieben ist. Es hat sie lebensmittelpunkttechnisch ans g\u00e4nzlich andere Ende von Wien verschlagen, und ohne zu sehr ins Detail zu gehen: ein Fluss mu\u00df \u00fcberwunden werden, um zu Magdalena vorzudringen. Und genau das tue ich. Davor besorge ich mich mir noch einen recht aufgebracht wirkenden K\u00f6rbler, den ich vor dem Eingang der &#8222;W\u00e4hringer Welt&#8220; abpasse und den ich recht nonchalant in ein Taxi bugsiere. &#8222;Wen rufst du an?&#8220;, frage ich, als er hektisch an seinem Telefon herumfingert. &#8222;Die Polizei, das ist doch ganz klar eine Entf\u00fchrung, aber damit kommst du nicht durch!&#8220; &#8222;K\u00f6rbler&#8220;, sage ich sanft, w\u00e4hrend ich ihm (weniger sanft) das Telefon entwinde und es aus dem Autofenster werfe, &#8222;sei bitte nicht kindisch!&#8220; K\u00f6rbler geht in eine Art verzweifelten Schmollmodus. &#8222;Schicke Brille \u00fcbrigens&#8220;, sage ich, als wir an der UNO-City vorbeikommen. Zwanzig Minuten sp\u00e4ter sind wir am Ziel, der Stadtrand, irgendwie ganz idyllisch mit seinen Reihenhaussiedlungen, aber doch auch gruselig. An der Adresse, die mir Susi via Anna via Monika via Andreas gechecked hat, l\u00e4ute ich an. K\u00f6rbler habe ich mir fest unter den Arm geklemmt (ein bissl was opferartiges hat er ja sogar heute noch). Die T\u00fcr geht auf und tats\u00e4chlich: Pl\u00fcschaugen!<\/p>\n<p>K\u00f6rbler wird von mir seinem Schicksal \u00fcberantwortet. &#8222;Da hast ihn&#8220;, sage ich, &#8222;er ist quasi wie neu. Und&#8220;, hier kratze ich mich verlegen an der Nase, &#8222;das von damals tut mir total leid. Arschloch halt, eh schon wissen!&#8220; Aber weder die Windstill noch der K\u00f6rbler interessieren sich besonders f\u00fcr mein Gefasel. Ehrlich: bummzack, verliebtes Pl\u00fcschaugengeschau, man glaubt es kaum. Und dann der absolute Burner: die Windstill zieht den K\u00f6rbler zu sich ins Haus hinein, und ich h\u00f6re die beiden miteinander tuscheln. &#8222;Nein, du &#8230; aber ja, Wahnsinn, gut schaust aus &#8230; du aber auch &#8230;&#8220; Leider verstehe ich nicht alles, aber egal, ich wei\u00df wann ich mich dezent zu verhalten habe. Naja, meistens jedenfalls, und so rufe ich zum Abschied noch hinein: &#8222;Lauter, bitte!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(pa)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines steht fest: K\u00f6rbler hasst mich. Er besucht jede meiner Lesungen und stets setzt er sich in die letzte Reihe, von wo er mich durch seine Hornbrille beobachtet. Ab und an senkt er den&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-819","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=819"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/819\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":821,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/819\/revisions\/821"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=819"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=819"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}