{"id":777,"date":"2014-03-02T09:51:53","date_gmt":"2014-03-02T07:51:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=777"},"modified":"2014-03-04T06:49:27","modified_gmt":"2014-03-04T04:49:27","slug":"kurzer-prozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2014\/03\/02\/kurzer-prozess\/","title":{"rendered":"Kurzer Prozess"},"content":{"rendered":"<p>Der Chefredakteur des Hernalser Morgenpostillons ist ein weiser Mann. Seit nunmehr 40 Jahren lenkt er mit Umsicht und journalistischem Gesp\u00fcr f\u00fcr das Unwesentliche die Geschicke der Zeitung. Ein Vollprofi, dem niemand etwas vormachen kann, einer, der schon alles gesehen hat. Gut, hin und wieder fr\u00e4gt er uns nichtsnutzige Redakteure, ob wir denn auch hundertprozentig sicher seien, dass diese seltsamen Dinger, die wir im Fachjargon gerne als \u201eKeyboard\u201c bezeichnen, tats\u00e4chlich ganz ohne Farbb\u00e4nder auskommen, aber in diesen Momenten senken wir einfach dem\u00fctig die H\u00e4upter und lassen vier gern gerade sein.<!--more--><\/p>\n<p>Einen Monat ist es her, seit dieser Titan des Zeitungswesens die Belegschaft des Morgenpostillons um sich versammelte, und mit gramzerfurchter Stirn verk\u00fcndete: \u201eUnsere Qualit\u00e4t ist schei\u00dfe!\u201c Ein Raunen ging durch das anwesende Reporterpublikum, einzelne Wortfetzen waren zu h\u00f6ren, etwa \u201eWelche denn genau?\u201c, oder \u201eI hab gleich g\u2019sagt, dass Horoskope viel zu retro san!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas uns hier fehlt\u201c, fuhr der Chefredakteur unger\u00fchrt fort, \u201eist ein rigides Qualit\u00e4tsmanagement. Ich habe mich deshalb entschlossen, unsere bestehenden Strukturen\u201c, und an dieser Stelle t\u00e4uschte er einen Hustenanfall vor, \u201eeiner kritischen Analyse zu unterziehen, und die komplette Prozesslandschaft des Hernalser Morgenpostillons dramatischen Reformen zu unterwerfen!\u201c Ich sah mich vorsichtig um, und bemerkte, dass gut die H\u00e4lfte der anderen Redakteure mit ihren Gedanken zwischenzeitlich ganz woanders weilten. Raimann vom Sport etwa, s\u00e4uberte seine Fingern\u00e4gel, Kollegin Natalie textete verbissen in ihr Smartphone hinein, und die alte Schubert vom Kulturressort hatte begonnen, den Pulli, an dem sie seit November so hingebungsvoll gestrickt hatte, wieder aufzutrennen.<\/p>\n<p>Der Chefredakteur jedoch lie\u00df sich nicht beirren. \u201eDas hier\u201c, und er hielt einen mysteri\u00f6sen Zettel in die H\u00f6he, \u201ewird dem Morgenpostillon wieder zu alter Gr\u00f6\u00dfe verhelfen! Ich gehe davon aus, dass sich jeder der Anwesenden ab sofort an diese Richtlinie h\u00e4lt, andernfalls \u2026\u201c, er vollendete den Satz nicht, stattdessen bleckte er seine makellosen Dritten, ehe er wieder in sein B\u00fcro entschwand. \u201eGeh schei\u00dfen\u201c, murmelte Natalie, und es war unklar, ob sie damit ihren SMS-Partner, oder unseren Gottobersten meinte. Ich nahm den Zettel und begann vorzulesen:<\/p>\n<p>\u201eEine Zeitung ist ein fragiles Kunstwerk, gefertigt aus Bausteinen, deren Qualit\u00e4t unmittelbar zum Erfolg des Gesamtwerkes beitr\u00e4gt. Um diese Qualit\u00e4t auch weiterhin auf dem allerh\u00f6chsten Niveau zu halten, sind ab sofort neue Artikel, Kolumnen, Berichte, Rezensionen, etc. dem neuen \u201aChangeboard des Hernalser Morgenpostillons\u2018 (kurz CHM) in Form eines sogenannten \u201aRequest for Change\u2018 (kurz RfC) vorzulegen. Ein solcher RfC ist \u00fcber das Redakteursportal des Morgenpostillons online abrufbar und muss sp\u00e4testens 72 Stunden vor geplantem Ver\u00f6ffentlichungstermin eingereicht werden. Erst nach Freigabe durch das CHM ist es erlaubt, den zu ver\u00f6ffentlichenden Text in unser Content Management System einzubringen.\u201c<\/p>\n<p>Kurze Stille bei meinen Zuh\u00f6rern, danach prustendes Gel\u00e4chter und allseitige Heiterkeit. Aber das Lachen sollte uns allen schon bald vergehen. Als erstes erwischte es Raimann, der eine Woche unbezahlt dienstfrei gestellt wurde, nachdem er versucht hatte, einen Artikel \u00fcber das J\u00e4nner-Preisschnapsen in der Alsbachprinzessin am CHM vorbei in die Zeitung zu schmuggeln. Natalie erging es nicht besser. Zwar brachte sie ihre Enth\u00fcllungsstory \u00fcber das Strickwarengesch\u00e4ft \u201eFatimas Fadenparadies\u201c ordnungsgem\u00e4\u00df via RfC in das CHM ein, jedoch wurde ihr freundlich aber bestimmt beschieden, dass der Inhalt ihres Artikels leider nicht den beim Morgenpostillon gewohnten Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4ben gen\u00fcge. Stattdessen wurde \u201eEin gem\u00fctlicher Abend bei Familie Wu\u201c, eine Restaurantkritik, die sich der Chefredakteur h\u00f6chstselbst abgerungen hatte, abgedruckt.<\/p>\n<p>Probleme gab es auch mit der Berichterstattung zu Ereignissen, die sich partout nicht so recht mit der 72-Stunden-Regelung eines RfC vertragen wollten. Die Wetterprognose etwa begann ein wenig unter dem Mangel der ihr ansonsten innewohnenden Brisanz und Aktualit\u00e4t zu leiden. W\u00fctende Anrufe der aufgebrachten Hernalser Leserschaft waren die Folge. \u201eGut m\u00f6glich, dass es so manchem etwas konservativ erscheinen mag, \u00fcber das Wetter vor drei Tagen zu berichten\u201c, erkl\u00e4rte uns der Chefredakteur, \u201eaber geben Sie zu: so korrekt, so untadelig, kurzum: so hochqualitativ wie wir, berichtet sonst niemand \u00fcber dieses Thema!\u201c Dagegen war schwer zu argumentieren.<\/p>\n<p>Auch an anderen Fronten mussten Zugest\u00e4ndnisse an unser neues Qualit\u00e4tsbewusstsein gemacht werden. So bat mich der Juwelier Platzek, ich m\u00f6ge doch die Neuer\u00f6ffnung seines Gesch\u00e4ftes am Dornerplatz in zwei Tagen dankenswerterweise im Morgenpostillon der Welt\u00f6ffentlichkeit ank\u00fcndigen. Ich w\u00fcrde mein Bestes tun, versprach ich ihm, und tats\u00e4chlich, mein Bericht \u201eAch, w\u00e4ren Sie nur dabei gewesen!\u201c, der p\u00fcnktlich zwei Tage nach der Er\u00f6ffnungsfeier in Druck ging, fand im CHM allergr\u00f6\u00dften Anklang und wurde vom Chefredakteur in h\u00f6chsten T\u00f6nen gelobt. \u201eBravo, Zwickel! So sieht Qualit\u00e4tsjournalismus aus.\u201c Der Tatsache, dass der Juwelier Platzek seither kein Wort mehr mit mir redet, begegne ich gelassen.<\/p>\n<p>Doch auch ich bin nicht frei von Fehlern und Makeln, wie sich zeigen sollte, als ich meinen Artikel \u201eDie waren vielleicht s\u00fc\u00df!\u201c, die nachtr\u00e4gliche Ank\u00fcndigung einer in Ottakring stattgefundenen Kleintierausstellung via RfC ins CHM einkippte. Prompt wurde ich vom Chefredakteur in sein B\u00fcro zitiert. \u201eZwickel\u201c, fing er an, \u201eso geht das einfach nicht.\u201c Ich war verwundert und verwies auf meine vorbildlich prozesskonforme Vorgehensweise. \u201eArtikel\u201c, geruhte der Chefredakteur mich nun aufzukl\u00e4ren, \u201edie von Ereignissen au\u00dferhalb von Hernals berichten, m\u00fcssen doch vor Abdruck ins \u00a0W\u00dcRGQUATSCH, ins \u201aWiener \u00dcberregionale Gremium f\u00fcr Qualit\u00e4t und total superne Changes\u2018, und dort abgesegnet werden!\u201c Davon hatte ich noch nie geh\u00f6rt. \u201eDas bedeutet aber eine unglaubliche Arbeitsbelastung f\u00fcr mich\u201c, fuhr der Chefredakteur nun fort, \u201eund deshalb sei bitte k\u00fcnftig so gut, und bleib im Bezirk.\u201c Ich wurde hochrot und nickte schuldbewusst. Das hatte ich nun wirklich nicht gewollt, und ich gelobte Besserung.<\/p>\n<p>Seit Einf\u00fchrung der neuen Prozesse darf nun mit Fug und Recht behauptet werden, dass der Hernalser Morgenpostillon wieder zu alter Gr\u00f6\u00dfe zur\u00fcckgefunden hat, und diese sogar bei weitem \u00fcbertrifft. Nicht, dass wir inzwischen auch nur noch ein einziges Exemplar verkaufen w\u00fcrden, aber die Qualit\u00e4t unserer Berichterstattung sucht ihresgleichen. Das haben inzwischen sogar schon die Gro\u00dfkopferten im W\u00dcRGQUATSCH kapiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chefredakteur des Hernalser Morgenpostillons ist ein weiser Mann. Seit nunmehr 40 Jahren lenkt er mit Umsicht und journalistischem Gesp\u00fcr f\u00fcr das Unwesentliche die Geschicke der Zeitung. 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