{"id":63,"date":"2011-03-28T17:49:14","date_gmt":"2011-03-28T15:49:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oebwsv.at\/zwickel\/?p=63"},"modified":"2011-03-28T17:49:14","modified_gmt":"2011-03-28T15:49:14","slug":"besoffen-mit-aussicht-auf-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2011\/03\/28\/besoffen-mit-aussicht-auf-wien\/","title":{"rendered":"Besoffen mit Aussicht auf Wien"},"content":{"rendered":"<p>Ich liebe Wien. Diese Stadt der beinahe unbegrenzten M\u00f6glichkeiten ist manchmal das reinste Irrenhaus. Oft schlendere ich einfach nur die Stra\u00dfen entlang und beobachte allerlei M\u00f6gliches und Unm\u00f6gliches: weil es mir Spa\u00df macht. Betrunkene haben es mir besonders angetan. Ihre Skurrilit\u00e4t, so mag es mir vorkommen, ist ein wesentlicher und nicht wegzudenkender Charakterbestandteil dieser unserer Heimatstadt. &#8222;Wien ist anders&#8220;. Gerne formuliere ich treffender: &#8222;Wien ist besoffen&#8220;. Aus dieser allgegenw\u00e4rtigen Trunkenheit entsteht oft unverhofft Gro\u00dfes.<\/p>\n<p>Heute fr\u00fchmorgens, ich ging um die Gratiszeitung, hatte ich wieder eines dieser bezeichnenden Erlebnisse: im Ekazent am Elterleinplatz schl\u00e4gt mir pl\u00f6tzlich intensiver, frischer Kotgeruch entgegen. Zun\u00e4chst denke ich freilich an die Lieferanten, die gesch\u00e4ftig ihre Waren\u00a0 abladen, erkenne meinen Irrtum aber sogleich.\u00a0 Weder dem Supermarkt, noch dem Fleischgesch\u00e4ft ist der Geruch nach warmen Exkrementen realistischerweise\u00a0 zuzuordnen. Ich lure um die Ecke und wei\u00df sofort Bescheid: da hockt doch tats\u00e4chlich einer beim M\u00fclleimer mit heruntergelassener Hose und protzt t\u00fcchtig ab. Unsere Blicke treffen sich nur kurz: der Freiluftscheisser glotzt mir ungeniert mit ausdrucksloser Miene ins Gesicht und seufzt dann erleichtert als h\u00e4tte er soeben gro\u00dfe Anstrengungen hinter sich gelassen. Auch er hat sich geschickterweise eine Gratiszeitung besorgt und bringt sein Gesch\u00e4ft zu Ende. Ich bin nat\u00fcrlich einigerma\u00dfen erstaunt, nicke dem Mann anerkennend zu und mache, nach einer Schrecksekunde, dass ich spornstreichs an ihm vorbeikomme.\u00a0 Im Abgehen h\u00f6re ich ihn vorwurfsvoll lallen: &#8222;Heast Oida, kann man heutzutage nicht mal mehr in Ruhe scheissen? Ich habs eh schon eilig, meine Ordination macht bald auf!&#8220;. Ich entschuldige mich hastig, murmle irgendetwas wie &#8222;wollte Ihre Privatsph\u00e4re nicht st\u00f6ren, Herr Doktor&#8220; und schaue, dass ich weiterkomme. Nach 10 Uhr ist der Gratiszeitungsst\u00e4nder n\u00e4mlich meist leer.<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter sitze ich im gerammelt vollen 9er. Da m\u00f6chte ein Betrunkener in die Bim torkeln: &#8222;Oh, Verzeihung sehr verehrte Herrschaften, der Salon ist \u00fcberbelegt&#8220;, s\u00e4uselt er h\u00f6flich und kippt, einen ihm alle Ehre machenden Bierdunst in der Garnitur hinterlassend, r\u00fccklings auf den Gehsteig zur\u00fcck. Bevor die T\u00fcren schlie\u00dfen beteuert er, dass er ohnehin auf den 49er gewartet und noch ein Vorstellungsgespr\u00e4ch h\u00e4tte. Er w\u00fcrde einfach auf den n\u00e4chsten 9er warten, in diesen auch nicht einsteigen, vielleicht aber dann, so ein Pl\u00e4tzchen f\u00fcr ihn zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde, in den 49er. Er gibt die Fahrt mit einem &#8222;Herr Kapit\u00e4n, legen Sie ab!&#8220; an den Fahrer frei und wir sind entlassen. &#8222;Ein Seemann, der sich bei der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft beworben hat&#8220;, vermute ich. Wahrscheinlich f\u00e4hrt er schon in einer Woche Steinkohle und Weinflaschen die Donau hinunter. Ein gl\u00fccklicher Mensch!<\/p>\n<p>Ermuntert von diesen Erlebnissen, neue Kraft f\u00fcr meine eigene Zukunft sch\u00f6pfend, kehre ich in meine 64m\u00b2 Hernals zur\u00fcck und nehme mir vor, heute mal so richtig an der Schank Gas zu geben. Mit dem ein oder anderen Bier in den Venen greift n\u00e4mlich pl\u00f6tzlich meine k\u00fcnstlerische Ader Raum. Man kennt das ja: mit entsprechendem Pegel steigen auch Kreativit\u00e4t und k\u00fcnstlerische F\u00e4higkeiten in ungeahnte H\u00f6hen. Besonders gesanglich gewinnt man deutlich an Profil, und speziell \u00f6ffentliche Verkehrsmittel scheinen auf dem Weg zum Durchbruch die ideale B\u00fchne f\u00fcr die eigenen, schlummernden Talente zu sein. Ich habe mir sagen lassen, dass schon viele Schlager- und Operns\u00e4nger auf diese Weise in Stra\u00dfen- und U-Bahnen entdeckt wurden. Wenn Sie meiner dann bald einmal in der Wiener Staatsoper oder im Musikantenstadl ansichtig werden wissen Sie, dass es am Bier gelegen hat. Und an dieser wundervollen Stadt Wien, die mich immer wieder zu Gro\u00dfem inspiriert (oder sich zumindest redlich darum bem\u00fcht).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich liebe Wien. Diese Stadt der beinahe unbegrenzten M\u00f6glichkeiten ist manchmal das reinste Irrenhaus. Oft schlendere ich einfach nur die Stra\u00dfen entlang und beobachte allerlei M\u00f6gliches und Unm\u00f6gliches: weil es mir Spa\u00df macht. 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