{"id":376,"date":"2013-10-21T00:01:07","date_gmt":"2013-10-20T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oebwsv.at\/zwickel\/2013\/10\/21\/erasco-dosensuppen-sind-die-besten-oder-was-sind-fritzi-haare\/"},"modified":"2013-11-01T21:35:02","modified_gmt":"2013-11-01T19:35:02","slug":"erasco-dosensuppen-sind-die-besten-oder-was-sind-fritzi-haare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2013\/10\/21\/erasco-dosensuppen-sind-die-besten-oder-was-sind-fritzi-haare\/","title":{"rendered":"Erasco Dosensuppen sind die Besten, oder: Was sind Fritzi-Haare?"},"content":{"rendered":"<p>Einmal im Monat nehme ich mir bewusst Zeit, um Kultur zu konsumieren. Man will schlie\u00dflich nicht vollends am Stammtisch verbl\u00f6den. Wien bietet in dieser Hinsicht ja hervorragende M\u00f6glichkeiten, und ich habe das gro\u00dfe Gl\u00fcck, viele bedeutende K\u00fcnstler,\u00a0und vor allem\u00a0solche, die es niemals werden, zu meinem Freundeskreis z\u00e4hlen zu d\u00fcrfen. In Kategorie zwei f\u00e4llt mein langj\u00e4hriger Bekannter, der Tenor Zeyringer. Seit unserem gemeinsamen Triangel-Studium an der Fernuniversit\u00e4t Wroclaw verbinden uns ganz spezielle Bande: Das v\u00f6llig nat\u00fcrliche und legitime Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis eines unbedeutenden K\u00fcnstlers zu seinem bedeutungslosen Publikum, das von nichts eine Ahnung hat, und ohne dessen Bewunderung der Kulturschaffende keine Kultur <em>nicht<\/em> schaffen kann. Man k\u00f6nnte dies gegenseitiges geistiges Befruchten nennen, wenn es nicht eine ganz und gar einseitige Sache w\u00e4re.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zeyringers Publikum bin ich. Nur ich. Zeyringer hat mich als Publikum auserkoren. Freilich, in der Regel ist der Weg ein umgekehrter: Man sucht sich die K\u00fcnstler aus und nicht andersrum. F\u00fcr Zeyringer spielt dieser althergebrachte Usus keine Rolle \u2013 er h\u00e4lt ihn schlicht f\u00fcr altmodisch und \u2013 kontraproduktiv:<\/p>\n<p>\u201eEuch Banausen muss man zu eurem Gl\u00fcck zwingen. Ihr habt ja keine Ahnung! Kunst, die ich verk\u00f6rpere, verk\u00f6rpert Kunst in einer Unmittelbarkeit, die unmittelbarer nicht sein kann. Auch in ihrer universellen Verk\u00f6rperung der Unmittelbarkeit, und sogar in der unmittelbaren Verk\u00f6rperung des Universellen. Sie enth\u00e4lt alles, macht das Unbegreifliche begreiflich, sogar f\u00fcr so einen kulturellen Volldodel wie du es bist. Du hast keine Ahnung. Du bist das Letzte!\u201c, wird er nicht m\u00fcde zu betonen, wenn er mir im Morgengrauen im Stiegenhaus auflauert, um mir einen seiner Auftritte schmackhaft zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gestern war wieder so ein Tag. Ich hatte mich gerade erfolgreich aus dem vierten Stock in den Innenhof abgeseilt, und war fast sicher, den in der Waschk\u00fcche campierenden Zeyringer abgeh\u00e4ngt zu haben, als er sich pl\u00f6tzlich doch vor mir materialisierte und mit einem elektrischen Dosen\u00f6ffner aufgeregt vor meiner Nase herumfuchtelte.<\/p>\n<p>\u201eZwickel, heute Abend! Ich spiele die Tomatensuppe in einer neuen Inszenierung von Peter Schauff-Schaufflers Alternativoper \u201aErasco Dosensuppen sind die Besten\u2018\u201c.<\/p>\n<p>\u201eZeyringer, ich habe ungl\u00fccklicherweise heute schon etwas vor. Ich muss f\u00fcr die ober\u00f6sterreichische Studentin auf Stiege 1 Briefmarken anfeuchten. Sie schreibt in die ferne Heimat und braucht seelischen Beistand. Ich komme nicht. Zumal es Paradeiser, und nicht Tomaten hei\u00dft.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKeine gro\u00dfe Rolle, aber daf\u00fcr ist sie umso unbedeutender.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSch\u00f6n. Ich w\u00fcrde gerne kommen, aber ich schaffe es heute nicht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Tomatensuppe ist gl\u00fccklich in die Spargelcremesuppe ungl\u00fccklich verliebt. Unser Couplet zum Schluss ist eine Offenbarung.\u00a0Die Kr\u00f6nung von\u00a0f\u00fcnf Stunden Drama, Leid, Neid, Liebe, Gewinn und Verlust, kunterbunten Mikrowellensittichen\u00a0und einem gemeinen Leberkn\u00f6delsuppenk\u00f6nig. Repressalien gegen Suppenw\u00fcrfel kommen auch vor. Aus dem Off die\u00a0ungeheuer furchteinfl\u00f6\u00dfende Stimme einer\u00a0Schwammerl-Packlsuppe, quasi die moralische Instanz.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs klingt sehr interessant, wenn nicht sogar total schei\u00dfe, aber ich kann gl\u00fccklicherweise nicht kommen. Und es hei\u00dft Paradeiser, nicht Tomaten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGl\u00fccklich ungl\u00fccklich verliebt, ja, das klingt interessant, nicht? Manchmal f\u00fchlt es sich f\u00fcr die Tomatensuppe aber auch so an wie ein ungl\u00fcckliches Gl\u00fccklich-Verliebtsein, nie aber wie ein gl\u00fcckliches Gl\u00fccklich-Verliebtsein, oder eine ungl\u00fcckliche Ungl\u00fccklich-Verliebtheit. Gar nicht f\u00fchlt es sich gar nicht an. Es ist ein unglaubliches Spannungsfeld. Eine emotionale Hollywoodschaukel und tiefgr\u00fcndige, k\u00fcnstlerische Aufarbeitung des komplexen Seelenrauschens\u00a0von Dosensuppen. Unmittelbar und auch im universellen Kontext. Das darfst du nicht verpassen. Unm\u00f6glich! Heute wird in Wien Kulturgeschichte gekocht. Und ich bin Teil dessen. Ich erwarte meinen endg\u00fcltigen Durchbruch. Ich k\u00f6chle vor Aufregung schon vor mich hin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZeyringer, ich will ehrlich sein: Suppen sind mir immer zu hei\u00df.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMir auch.\u00a0Siona Swintje spielt die Spargelcremesuppe. Eine aufstrebende, niederl\u00e4ndische Sopranistin mit Spitzmausgesicht, vier verschiedenen Augenfarben, und sehr vielen Fritzi-Haaren. Ihre k\u00fcnstlerische Philosophie: \u2018Ab zwanzig braucht jede Frau was hintenrum\u2019. Die ist hei\u00df. Aber sie\u00a0will nur noch\u00a0St\u00fcckchen. Ein kaum zu umschiffendes Problem f\u00fcr eine durchpassierte Tomatensuppe ohne Einlage wie mich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch meinte das anders \u2026 und was zum Henker sind Fritzi-Haare? Und hintenrum was?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSprich nicht weiter, ich wei\u00df schon: Spargelcremesuppen sind normalerweise kalt und keine sonderlich emotionalen Suppen. Von der \u00e4tzenden Spargelpisse im\u00a0Da Capo\u00a0m\u00f6chte ich gar nicht anfangen. Das wusste schon Sartre, deswegen hat er auch nie dar\u00fcber geschrieben. Aber diesmal ist das anders. Du musst kommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe keine Zeit und komme in keinem Fall. Und was sind Fritzi-Haare?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie burgenl\u00e4ndische Briefmarkentussi\u00a0kann warten\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie ober\u00f6sterreichische Briefmarkentussi. Kann sie nicht. Und ich komme nicht, jedenfalls nicht zum Dosensuppeninferno. Was sind Fritzi-Haare?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSpielt keine Rolle. Denn die spiele ja schon ich. DIE Rolle! Wer hat jemals eine Tomatensuppe impersonifiziert? Und dann noch so unmittelbar wie ich. Auch universell. Ich habe mich vollends mit der Rolle identifiziert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu isst nur noch Dosensuppen? Was sind Fritzi-Haare?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMan sieht wieder einmal, dass du keine Ahnung hast. Keine Ahnung hast du. Als ob die Sache mit dem\u00a0Essen des\u00a0Essens\u00a0gegessen w\u00e4re. Da steckt viel mehr drin, du Einfaltspinsel!\u00a0Mit so einer Oberfl\u00e4chlichkeit k\u00e4me kein K\u00fcnstler, der etwas auf sich h\u00e4lt, weiter. Jaja, so einfach\u00a0stellt sich das der kleine Fritzi Zwickel in seiner\u00a0schauspielerischen Unbedarftheit vor!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch will es mir gar nicht vorstellen, und apropos Fritzi&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>\u201eDu musst dir nichts vorstellen. Ich erkl\u00e4re es dir ja. Du hast nat\u00fcrlich keine Ahnung. Monatelange, ja fast tagelang, hab ich mich auf die Rolle vorbereitet. Ich wurde eins mit ihr. Ein hochk\u00fcnstlerischer\u00a0Prozess, den du als Laie nat\u00fcrlich nicht nachvollziehen kannst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas sind Fritzi-Haare?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGlaube nur ja nicht, man k\u00f6nnte jede x-beliebige Suppe verk\u00f6rpern, nur weil man sich die Tomatensuppe ins Repertoire erarbeitet hat. Das ist ein gro\u00dfer Irrtum.\u00a0Als\u00a0Nichteingeweihter\u00a0untersch\u00e4tzt man das ja v\u00f6llig\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs hei\u00dft Paradeiser\u2026und nochmal\u2026die Fritzi-Haare\u2026sind die hintenrum?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMan muss eine Tomatensuppe charakterlich nat\u00fcrlich ganz anders anlegen, als zum Beispiel einen Alt-Wiener Suppentopf oder eine H\u00fchnersuppe mit Nudeln. Da gibt es signifikante Unterschiede. Allein schon in Mimik und Gestik. Oder gar die teilweise\u00a0unterschiedlichen E-Nummern. Von der Komplexit\u00e4t einer Gulaschsuppe auf der B\u00fchne will ich gar nicht reden, das w\u00fcrde deinen Intellekt \u00fcbersteigen.\u00a0Hier offenbart sich n\u00e4mlich\u00a0das wahre Talent. Du verstehst von all dem\u00a0selbstverst\u00e4ndlich N\u00fcsse!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch kann nicht kommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOK. Dann bis heute um 20h in der \u201aKulisse\u2018\u201c.<\/p>\n<p>\u201eVergiss es! Ich komme nicht! Schon gar nicht ohne zu wissen, was Fritzi-Haare sind. Das ist mein letztes Wort.\u201c<\/p>\n<p>&#8222;Gut, dann bis sp\u00e4ter&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bis sp\u00e4ter&#8220;<\/p>\n<p>Es war gro\u00dfartig.\u00a0Der erhoffte\u00a0Reinfall mit Pauken, und einige Trompeten waren auch dabei. Zeyringers Arien &#8222;Yes, we can&#8220; und &#8222;Cans have feelings, too&#8220; waren von gro\u00dfer Emotionalit\u00e4t getragen, aber\u00a0ganz sch\u00f6n\u00a0beschissen interpretiert. Der grausamste Teil: Die Sterilisation der Spargelcremesuppe. Wir\u00a0feierten den grandiosen Durchfall des\u00a0St\u00fccks anschlie\u00dfend\u00a0bis\u00a03 Uhr fr\u00fch bei Suppe und\u00a0Wodka\u00a0im Restaurant \u201eAkropolis\u201c, das, wie der Name schon sagt, feinste indische Spezialit\u00e4ten offerierte. Zeyringers endg\u00fcltiger Durchbruch muss warten, auch im universellen Kontext. Der gemeine Leberkn\u00f6delsuppenk\u00f6nig hat die Schmach nicht ertragen und das, was von ihm \u00fcbrigblieb, f\u00fcr noch miesere Zeiten eingefroren. Tja, und was \u201eFritzi-Haare\u201c sind, das erfahre ich in der n\u00e4chsten Inszenierung von Peter Schauff-Schauffler mit dem\u00a0vielversprechenden Titel \u201eWas sind Fritzi-Haare \u2013 oder: Das Drumherum ist hintenrum.\u201c Die niederl\u00e4ndische Spargelcremesuppe spielt die Hauptrolle. \u00a0Ich freue mich\u00a0drauf, obschon\u00a0ich keine Ahnung habe. Von nichts und noch viel mehr als nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einmal im Monat nehme ich mir bewusst Zeit, um Kultur zu konsumieren. Man will schlie\u00dflich nicht vollends am Stammtisch verbl\u00f6den. 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