{"id":367,"date":"2013-08-24T12:11:18","date_gmt":"2013-08-24T10:11:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oebwsv.at\/zwickel\/?p=367"},"modified":"2013-10-25T17:49:21","modified_gmt":"2013-10-25T15:49:21","slug":"finanzkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2013\/08\/24\/finanzkrise\/","title":{"rendered":"Finanzkrise"},"content":{"rendered":"<p>Meine finanzielle Situation ist prek\u00e4r. Ich will es nicht<br \/>\nbesch\u00f6nigen: die Verdienstm\u00f6glichkeiten im Schankberatungsgewerbe<br \/>\nhaben sich in den letzten Jahren nicht zum Besten entwickelt. Vorbei<br \/>\nsind die goldenen Zeiten, in denen mir die Hernalser Gastwirte gleich<br \/>\nim Dutzend an den Lippen hingen, um meine Segnungen in Sachen<br \/>\nSchankkultur und Umsatzoptimierung zu empfangen. Heute erkl\u00e4rt jeder<br \/>\nWirt, dass das seit drei Tagen in der Zapfleitung vor sich<br \/>\nhinsiechende lauwarme Schankbier ein \u201eLager Spezial\u201c w\u00e4re, und<br \/>\ndas geh\u00f6re eben bei Raumtemperatur serviert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aber das alleine ist es nicht, was mich seit einigen Wochen beim<br \/>\nBILLA am Elterleinplatz zum Clever-Schinken greifen l\u00e4sst, anstatt<br \/>\nwie fr\u00fcher an der Feinkosttheke gener\u00f6se 50 dag Saunaschinken vom<br \/>\ntasmanischen Hochlandschwein zu ordern. Nein, hauptverantwortlich f\u00fcr<br \/>\nmeine monet\u00e4re Misere ist der Verleger und gleichzeitige<br \/>\nChefredakteur des Hernalser Morgenpostillons, den ich seit<br \/>\nMenschengedenken, wacker und aufrecht und mit der P\u00fcnktlichkeit<br \/>\neines tschechischen Dampfweckers tagt\u00e4glich mit einer Kolumne<br \/>\nbediene, auf dass mein geschriebenes Wort die Hernalser Menschheit<br \/>\nerfreue und zum Besseren bekehre.<\/p>\n<p>Drei Wochen ist es jetzt her, seit ich bestens gelaunt und<br \/>\nangef\u00fcllt mit der Energie eines frisch massierten Kobe-Stiers fr\u00fch<br \/>\nmorgens gegen halb zw\u00f6lf die Redaktionsr\u00e4umlichkeiten des<br \/>\nMorgenpostillons betrat, um mein allw\u00f6chentliches Pensum an<br \/>\nPullitzerpreisverd\u00e4chtigem abzuliefern. Mit Grabesmiene empfing er<br \/>\nmich, der Herr Chefredakteur, fette Tr\u00e4nens\u00e4cke hatten sich seit<br \/>\nunserer letzten Begegnung unter seinen Augen manifestiert und seine<br \/>\nStirn war gefurchter als die Dolomiten. Auf seinem Schreibtisch sah<br \/>\nich neben der aktuellen Ausgabe der Praline, aus der der Herr<br \/>\nChefredakteur seit vielen Jahren seine journalistische Kraft und<br \/>\nInspiration sch\u00f6pft, einige Computerausdrucke liegen, offenkundig<br \/>\nExcel-Diagramme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ah, Zwickel, du bist&#8217;s, so begr\u00fc\u00dfte er mich mit einem<br \/>\ngreisenhaft d\u00fcnnbr\u00fcchigen Stimmchen. Komm, setz dich her zu mir,<br \/>\nwir haben was zu bereden. Etwas an seinem Tonfall irritierte mich.<br \/>\nDas mochte daran liegen, dass ich im Pay-TV schon zu viele<br \/>\nAlpen-Soaps gesehen hatte, in denen der alte Gutsherr seinem jungen<br \/>\nund blendend aussehendem Erben mitteilt, dass das Hotel Enzian<br \/>\nnat\u00fcrlich noch immer seine gut zwanzig Mille wert sei, er es jedoch<br \/>\nschon im letzten Herbst dringlich an die Raiffeisen, diese elende<br \/>\nBagage, h\u00e4tte \u00fcberschreiben m\u00fcssen, und dass an der G&#8217;schicht mit<br \/>\ndem Kartenz\u00e4hlen beim Black Jack ja nun wirklich gar nix Wahres dran<br \/>\nw\u00e4r, bei seiner Ehr \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwickel, so fuhr der Chefredakteur fort, als ich z\u00f6gernd Platz<br \/>\ngenommen hatte, die Zeiten sind schlecht. Und dabei wies er auf die<br \/>\nDiagramme vor sich, deren Kurven allesamt be\u00e4ngstigend steil nach<br \/>\nunten zeigten. Die Leut wollen heutzutage nichts mehr lesen, sogar<br \/>\ndie, die es noch k\u00f6nnen, verweigern sich uns hartn\u00e4ckig. Die<br \/>\nUms\u00e4tze vom Postillon brechen ein und offene Rechnungen fluten in<br \/>\ndie Redaktion, wie anno Moses das Rote Meer \u00fcber die \u00c4gypter. Und<br \/>\ndeswegen, mein guter, mein lieber Zwickel, und an dieser Stelle<br \/>\nm\u00e4anderte tats\u00e4chlich ein Tr\u00e4nchen \u00fcber seine hohlen Wangen, muss<br \/>\nich dir k\u00fcndigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt war ich es, dem die Hitze ins Gesicht schoss und in meinen<br \/>\nOhren rauschte es, dass ich nicht einmal den 43er wahrnahm, der<br \/>\ngerade an den Redaktionsfenstern vorbeibimmelte. Das ist ein bl\u00f6der<br \/>\nSchm\u00e4h, oder?, brachte ich endlich heraus. Ach, wenn&#8217;s nur so w\u00e4r,<br \/>\nsagte der Chefredakteur, wenn&#8217;s nur so w\u00e4r. Aber die Leut lieben<br \/>\nmeine Kolumne, stie\u00df ich hervor, und ich sp\u00fcrte, wie sich billiger<br \/>\nZorn in mir den Weg nach drau\u00dfen bahnte. Ohne mich, schrie ich<br \/>\njetzt, ist der ganze Postillon doch nur eine einzige<br \/>\nOarschauswischerpartie, eine Einlag f\u00fcr&#8217;n Vogelk\u00e4fig! Schon lange<br \/>\nhatte sich keine so gerechte Wut meiner bem\u00e4chtigt. Der<br \/>\nChefredakteur hielt die \u00c4uglein geschlossen und massierte sich die<br \/>\nSchl\u00e4fen. Schau Zwickel, sagte er, das Problem ist ganz einfach: du<br \/>\nbist schon so lang bei uns dabei, dass du inzwischen schlicht zu<br \/>\nteuer f\u00fcr den Postillon geworden bist. Die anderen Redakteure<br \/>\nleisten im Grunde das gleiche wie du, sind aber um Eckh\u00e4user weniger<br \/>\nkostspielig. Nimm dir nur mal den jungen Zehetbauer aus der 6B als<br \/>\nBeispiel her. Der macht mir den Politikteil neben der Sch\u00fclerzeitung<br \/>\nvom Parhamerplatz quasi gratis mit \u2013 wenn ich dem einmal im Monat<br \/>\nein paar Flaschen vom Selbstgebrannten von meiner Oma und zwei<br \/>\nStangen Dreier geb, dann ist der gl\u00fccklich! Oder das Feuilleton!<br \/>\nDaf\u00fcr, dass ich die alte Z\u00f6hrer bei uns ver\u00f6ffentlich, putzt die<br \/>\nmir auch noch die Redaktion. Und das Innenstadtloft von meiner<br \/>\nSchwiegermutter gleich mit. Die hat halt noch ein Gesp\u00fcr f\u00fcrs<br \/>\nUnternehmertum, und das mit ihren neunundachtzig!<\/p>\n<p>Unter solch knallharten Argumentationsbeschuss geraten wollte mir<br \/>\ngar nichts rechtes mehr einfallen, mein Zorn verrauchte und ich<br \/>\nerwischte mich dabei, wie ich in meinem Sakko nach einem Taschentuch<br \/>\nfingerte, um die Chefredakteurswangen zu trocknen. Ein allerletztes<br \/>\nAufb\u00e4umen hatte ich aber noch in petto. Und womit willst du meine<br \/>\nSeite im Postillon f\u00fcllen, fragte ich bitter, mit einer Werbeanzeige<br \/>\nvom Trafikanten in der Rosensteingasse vielleicht? Der Chefredakteur<br \/>\nhob kurz die Augenbrauen. Du, das ist gar keine so schlechte Idee,<br \/>\nsagte er, aber eigentlich hab ich da so einen blutjungen slowakischen<br \/>\nLiteraten an der Hand, der mich mit Limericks beliefern w\u00fcrd \u2026<\/p>\n<p>Limericks, schrie ich gequ\u00e4lt auf, ja ist das dein ganzer Ernst?<br \/>\nSlowakische Limericks, korrigierte mich der Chefredakteur malizi\u00f6s,<br \/>\ndenn auch der Postillon muss seinen Teil an Integrationsarbeit in<br \/>\ndieser, unserer Stadt leisten. Au\u00dferdem hat mir das slowakische<br \/>\nGenie in die Hand versprochen, dass mein Mercedes wieder wie neu<br \/>\nausschauen w\u00fcrd, sobald ihn sich der Neffe des Cousins seiner<br \/>\nStiefmutter mal vorgenommen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genug, br\u00fcllte es an dieser Stelle waidwund aus mir. Ich st\u00fcrzte<br \/>\nzu Boden und robbte, einem gestrandeten Blauwal nicht un\u00e4hnlich, gen<br \/>\nAusgang. Blutunterlaufenen Auges wollte ich die T\u00fcrklinke dr\u00fccken.<br \/>\nEine M\u00f6glichkeit f\u00fcr dich und den Postillon t\u00e4t mir da allerdings<br \/>\ndoch noch einfallen, vernahm ich da den Chefredakteur hinter mir. Ich<br \/>\nkann aber keine Haar schneiden, kreischte ich, ehrlich nicht! Dann<br \/>\nverlor ich das Bewusstsein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine finanzielle Situation ist prek\u00e4r. Ich will es nicht besch\u00f6nigen: die Verdienstm\u00f6glichkeiten im Schankberatungsgewerbe haben sich in den letzten Jahren nicht zum Besten entwickelt. Vorbei sind die goldenen Zeiten, in denen mir die Hernalser&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-367","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=367"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":380,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367\/revisions\/380"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}