{"id":36,"date":"2011-03-26T18:30:26","date_gmt":"2011-03-26T17:30:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oebwsv.at\/zwickel\/?p=36"},"modified":"2011-03-26T18:30:26","modified_gmt":"2011-03-26T17:30:26","slug":"ing-penz-und-die-weltenmaschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2011\/03\/26\/ing-penz-und-die-weltenmaschine\/","title":{"rendered":"Ing. Penz und die Weltenmaschine"},"content":{"rendered":"<p>Der Tagesablauf in der Alsbachprinzessin ist an Samstagen immer ein deprimierender gewesen. Man m\u00f6ge Ihrem nichtsw\u00fcrdigen Chronisten diese beinahe h\u00e4retische Aussage verzeihen, aber tats\u00e4chlich kann ich auch heute, an meinem Kr\u00fcgerl nuckelnd und mir die Stammgastrunde interessiert zu Gem\u00fcte f\u00fchrend, kaum Gegenteiliges feststellen. Erfolgreiche und vor Energie strotzende Menschen trinken ihr Bier woanders, das w\u00fcrde wohl ein Aussenstehender denken. Ein Eingeweihter weiss: in der Alsbachprinzessin trinken haupts\u00e4chlich verkannte Genies.<\/p>\n<p>Die Gaststube ist voller, wie man so sch\u00f6n sagt &#8222;gescheiterter Existenzen&#8220;: an sich und ihrem Leben, an den Butterpreisen, oft aber auch am 10. Bier verzweifelnd. Man gibt sich den unmenschlichen und gemeinhin untersch\u00e4tzten Anstrengungen des Nichtstuns hin und hofft fortw\u00e4hrend auf gl\u00fcckliche Segnungen der Vorsehung, die spontan vom Himmel herabsteigen um einen in h\u00f6here, gl\u00fcckbringende Sph\u00e4ren zu katapultieren.<\/p>\n<p>Peppi Schmalz zergeht in Liebeskummer und starrt mit verkl\u00e4rtem Blick auf die regnerische Szenerie der Hernalser Hauptstrasse. &#8222;Fatima, wo bist du?&#8220;, scheint sein zu einem Triangel geformter Mund zu formulieren. Den Langenscheidt T\u00fcrkischkurs hat er entnervt im Aschenbecher verbrannt. Jonas Reindl, Bierfahrer und notorischer Besserwisser, versucht sein Gl\u00fcck an Kreuzwortr\u00e4tseln, die schon durch die H\u00e4nde ignoranter Laufkundschaft gegangen sind: jene geizigen Blutsauger, die auf ein Leitungswasser und einen kleinen Espresso einfallen, um sich vor dem Regen zu sch\u00fctzen und stundenlang den f\u00fcr die Stammkundschaft aufliegenden und reservierten Zeitungsstapel ungeniert zu durchw\u00fchlen, dabei quasi im Vor\u00fcbergehen R\u00e4tsel und Suchbilder l\u00f6sen und nur mehr die wirklich kniffligen Sachen \u00fcbriglassen, die sowieso keinen Spa\u00df mehr machen.<\/p>\n<p>Brigitte Nau, \u00c4nderungsschneiderin mit einem kleinen Gesch\u00e4ft in der Blumengasse, studiert versonnen ihr t\u00e4gliches Horoskop, zieht ab und an eingesch\u00fcchterte Schnuten und fragt sich wohl, warum es das Schicksal mit ihr heute wieder gar so b\u00f6se meinen will.<\/p>\n<p>Dann ist da noch das Lokalfaktotum Herr Nals, der mit\u00a0 immer gleich ausdrucksloser Miene in den vom blauen Dunst geschw\u00e4ngerten Gastraum starrt und den Eindruck vermittelt, ihm sei die Welt in all ihren Irrungen und Wirrungen ein offenes Buch und dergestalt einzig und allein Spielwiese seiner willf\u00e4hrigen Projektionen. Manchmal blitzen seine Augen gef\u00e4hrlich auf, als wollten sie sagen: &#8222;Mir kann keiner was!&#8220;.<\/p>\n<p>Allen Anwesenden gemein d\u00fcrfte wohl die bewegende Frage sein, was man denn nun mit dem restlichen Tage und seinem angebrochenen Leben anzufangen habe. Da\u00a0 sich diese Frage in den seltesten F\u00e4llen spontan in einer zufriedenstellenden Art und Weise aufl\u00f6sen l\u00e4\u00dft, wird einfach getrunken oder man folgt den nervenzerfetzenden \u00dcbertragungen der Curling Weltmeisterschaft auf Eurosport.<\/p>\n<p>Mir selbst\u00a0indes kommt das\u00a0Leben nachgerade ganz\u00a0vorteilhaft geh\u00e4kelt vor und schillert vor meinem geistigen Auge in den buntesten Farben einer ganz und gar verhei\u00dfungsvollen Zukunft. Lieblingskellner Frantisek ist mein Freund, der Wurlitzer hat den Geist aufgegeben und das Bier schmeckt mir heute gerade so gut, wie schon seit gestern nicht mehr.<\/p>\n<p>F\u00fcr 16 Uhr hat sich mein alter Freund Ing. Penz angek\u00fcndigt.\u00a0Mit verschw\u00f6rerischem Unterton hat er mir am Telefon verk\u00fcndet:<\/p>\n<p>&#8222;Magister, ich steh vor einem Durchbruch! Ein 300 Milliarden Projekt. Mindestens! Wir m\u00fcssen dar\u00fcber reden&#8220;.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zum vereinbarten Zeitpunkt ist der Ing. Penz dann auch in der Alsbachprinzessin erschienen, kommt schnurstracks auf meinen Tisch zu und begr\u00fc\u00dft mich hochgradig euphorisiert:<\/p>\n<p>&#8222;Servus Magister! Ich hab die Weltenmaschine erfunden!&#8220;<\/p>\n<p>Sein v\u00f6llig verwahrlostes \u00c4u\u00dferes und sein wirrer Blick zeugen von der Unzurechnungsf\u00e4higkeit eines zu H\u00f6herem Berufenen, von \u00a0durchwachten N\u00e4chten, Gastritisanf\u00e4llen und einer scheidungsreifen Ehe.<\/p>\n<p>&#8222;Die &#8230; was?&#8220;, frage ich nichtsahnend, w\u00e4hrend Frantisek automatisch ein Kr\u00fcgerl an den Tisch bringt.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uscht, auch in mir einen ignoranten Nichtsversteher zu finden, sackt Ing. Penz auf einem Stuhl mir gegen\u00fcber zusammen. Ich nehme starken Mundgeruch wahr.<\/p>\n<p>&#8222;Zwickel, die WELTENMASCHINE! Bist du so bl\u00f6d oder stellst du dich nur so?&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Die Weltenmaschine. Gott, sag das doch gleich Ingenieur. DIE WELTENMASCHINE. Die lang\u00a0herbeigesehnte L\u00f6sung all unserer Probleme. Jene Erfindung, auf die die Menschheit seit Jahrtausenden wartet und ohne deren Einsatz der Weltuntergang unmittelbar bevorst\u00fcnde. Sp\u00e4testens 2012. Scheiss Mayas!&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Richtig. Endlich jemand, der wei\u00df worums mir geht&#8220;. Die Penz&#8217;sche Miene hellt sich merklich auf. Meine fantasievoll gedrechselten Vermutungen d\u00fcrften ins Schwarze getroffen haben.<\/p>\n<p>&#8222;Tja, lieber Ingenieur. Du siehst mich hin und weg. Erst gestern Nacht w\u00e4lzte ich mich unruhig zwischen meinen Bettlaken und habe mich fortw\u00e4hrend gefragt, welchem Genie die Erfindung der Weltenmaschine endlich gelingen w\u00fcrde. In einem Anflug von Geringsch\u00e4tzung, den du mir hoffentlich nachsiehst, h\u00e4tte ich zuerst auf Stephen Hawking getippt. Dummer Gedanke!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Stephen Hawking kann mir nicht das Wasser reichen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nie und nimmer!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gestern abend gelang mir der Durchbruch. Nat\u00fcrlich rein zuf\u00e4llig &#8230; &#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wahrlich Gro\u00dfes entspringt immer nur dem geplanten Zufall. Die Atombombe soll ja in ihren Grundz\u00fcgen auch auf einer Kindergeburtstagsparty von einem \u00a0engagierten Clown angeregt worden sein &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Pipifax. Meine Erfindung sprengt alles. Sogar Atombomben&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Leonardo da Vinci verk\u00fcmmert damit wohl zu einer wissenschaftlichen Randfigur. Einstein sowieso. Die Welt wird nur noch von PENZ sprechen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wieder richtig. Dabei stand ich vor einem schier unl\u00f6sbaren Problem &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich nehme an du sprichst von den unkontrollierbaren Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Woher wei\u00dft du &#8230; &#8222;, \u00e4u\u00dfert Penz gepresst und kneift die Augen zu zwei Kommata zusammen.<\/p>\n<p>&#8222;Die zentrale Frage. Und die Theorie vom &#8230; &#8222;, fahre ich ruhig fort.<\/p>\n<p>&#8222;&#8230; \u00dcbergangszustand!&#8220;, schmettert Penz mir entgegen.<\/p>\n<p>&#8222;Richtig. In meinen \u00dcberlegungen ein absoluter Knackpunkt&#8220;, sage ich wissend.<\/p>\n<p>&#8222;Adiabatische N\u00e4herungen bei der Berechnung &#8230; &#8222;. Penz wagt erneut einen Vorsto\u00df.<\/p>\n<p>&#8222;&#8230; von Geschwindigkeitskonstanten gilt es nat\u00fcrlich mit einzubeziehen&#8220;, werfe ich nun, Oberwasser bekommend, selbstbewusst in den Raum.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend mein Stolz dar\u00fcber, in diesem Fachgespr\u00e4ch die ein oder andere wichtige Betrachtung aufs Tableau zu bringen w\u00e4chst, zeigt sich Penz eingesch\u00fcchtert und schockiert:<\/p>\n<p>&#8222;Zwickel, wer schickt dich? CIA, Mossad, BND, Greenpeace, Blindenverband? Spucks aus!&#8220;. Er springt vom Tisch auf und fuchtelt wild mit seinen H\u00e4nden vor meinem Gesicht herum.<\/p>\n<p>&#8222;Mach dich nicht l\u00e4cherlich. Solche Organisationen geh\u00f6ren im digitalen Zeitalter der Vergangenheit an. Alle meine Informationen beziehe ich \u00fcber Direct-Link vom Spionagesatelliten Paranoia III, der einzig und allein auf Wiener Ingenieure angesetzt ist. Seit gestern habe ich eine passende iPhone App&#8220;, versuche ich zu beruhigen.<\/p>\n<p>Ing. Penz st\u00f6\u00dft einige unartikulierte Laute aus und f\u00e4llt weinend in seinen Stuhl zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&#8222;Mach dir keine Sorgen, Ingenieur. Sollte der Satellit mal ausfallen bist du so gr\u00fcndlich verwanzt, dass uns nichts entgehen kann. Ich liebe die moderne Technik.&#8220;<\/p>\n<p>Ing. Penz kriecht ver\u00e4ngstigt unter den Tisch.<\/p>\n<p>Lieblingskellner Frantisek, der uns schon l\u00e4nger zuh\u00f6rt,\u00a0 kommt hinter der Schank hervor, wirft einen Blick unter den Tisch und meint:<\/p>\n<p>&#8222;Herr Inscheni\u00f6r, g&#8217;h\u00f6ren die zwei Gorillas, die drau\u00dfen grad aus dem 7er-BMW steigen vielleicht zu Ihnen?&#8220;<\/p>\n<p>Penz st\u00f6\u00dft einen lauten Schrei aus, reisst sich die Kleider vom Leib und rennt wimmernd zum Hinterausgang hinaus.<\/p>\n<p>&#8222;Jessasmariantjosef, Magista &#8230; glaubst hammas \u00fcbertrieben?&#8220;, fragt mich Frantisek mit Unschuldsmiene.<\/p>\n<p>&#8222;Ach was. Aber ich konnt mir das ewige G&#8217;schichtl von der Weltenmaschine nicht ein 17000. Mal anh\u00f6ren&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bring noch ein Kr\u00fcgerl. Und der Wurlitzer geht zum Gl\u00fcck auch wieder!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Untersteh dich, Frantisek. Paranoia II kreist auch noch &#8230; vergiss das nie!&#8220;<\/p>\n<p>Den Rest des Nachmittags ist Frantisek erstaunlich stumm. Ing. Penz wird eine Stunde sp\u00e4ter splitterfasernackt am Stephansplatz aufgegriffen und weigert sich standhaft, das Versteck des Mikrofilms mit seinen Entw\u00fcrfen preiszugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tagesablauf in der Alsbachprinzessin ist an Samstagen immer ein deprimierender gewesen. Man m\u00f6ge Ihrem nichtsw\u00fcrdigen Chronisten diese beinahe h\u00e4retische Aussage verzeihen, aber tats\u00e4chlich kann ich auch heute, an meinem Kr\u00fcgerl nuckelnd und mir&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[17,20,6,21,22,23,24,25,9,26,3],"class_list":["post-36","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gschichtln-aus-hernals","tag-bier","tag-brigitte-nau","tag-fatima","tag-frantisek","tag-herr-nals","tag-ing-penz","tag-jonas-reindl","tag-lieblingskellner","tag-peppi-schmalz","tag-weltenmaschine","tag-zwickel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}