{"id":314,"date":"2013-01-13T23:14:47","date_gmt":"2013-01-13T21:14:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oebwsv.at\/zwickel\/2013\/01\/13\/die-elchkse-affre\/"},"modified":"2013-10-25T17:49:02","modified_gmt":"2013-10-25T15:49:02","slug":"die-elchkse-affre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2013\/01\/13\/die-elchkse-affre\/","title":{"rendered":"Die Elchk\u00e4se-Aff\u00e4re"},"content":{"rendered":"<p>Frau Haberklee, meine hochbetagte Nachbarin, ist ein wahrer Goldschatz. Man kann sich eigentlich keine bessere Nachbarin w\u00fcnschen. Manchmal hilft sie mir mit den Eink\u00e4ufen, tr\u00e4gt die ein oder andere Kiste Bier in den 4. Stock hinauf, oder jagt mit ihrem Rollator kurzerhand die Tauben, die meinen im Innenhof geparkten MINI Cooper S vollschei\u00dfen. Verende ich nach einem bierumw\u00f6lkten Abend vor ihrer Wohnungst\u00fcre, bringt sie mich liebevoll ins Bett, kocht mir Pfefferminztee und putzt anschlie\u00dfend ungefragt meine Wohnung durch, und das ungeachtet ihrer l\u00e4dierten Bandscheiben. \u201eJessasmarantjosef, die jungen Leit \u2026\u201c, pflegt die Witwe eines Nadel\u00f6hrfabrikanten am\u00fcsiert, nicht aber ohne linden Tadel, bei solchen Gelegenheiten zu verlauten. Mein gutes Einvernehmen mit Frau Haberklee bietet aber auch noch andere Vorz\u00fcge: Sie \u00fcbernimmt n\u00e4mlich meine Paketsendungen, so ich nicht daheim bin (und das bin ich eigentlich nie). Genau dieser seit langem etablierte und f\u00fcr mich h\u00f6chst vorteilshafte Usus entwickelte sich eines Tages jedoch zum Schlamassel, pr\u00e4ziser formuliert in jenem Moment, da ich mich, vom Teufel selbst geritten, dazu hinrei\u00dfen lie\u00df, zwei Kilogramm Elchk\u00e4se in einem schwedischen Online-K\u00e4seshop zu ordern. Einhundert Gramm dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen und seltenen K\u00e4sespezialit\u00e4t kosten 40 Euro. \u201eWas kostet die Welt!\u201c, rief ich beschwingt, als ich auf den \u201eK\u00f6p nu!\u201c (\u201eJetzt kaufen!\u201c)-Button klickte, f\u00fchlte ich mich doch nach dem Eingang des Honorars f\u00fcr meine letzte Kolumne im \u201eBierigen Blatt\u2019l\u201c wie Kr\u00f6sus pers\u00f6nlich und finanziell unantastbar.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Unantastbar war dann leider auch der Elchk\u00e4se. Wie \u00fcblich hatte Frau Haberklee in ihrer unermesslichen G\u00fcte mein schwedisches Spezialit\u00e4tenp\u00e4ckchen \u00fcbernommen \u2013 und war dann flugs und ohne weiter an mich zu denken in Richtung eines dreimonatigen Kuraufenthalts abgedampft. An dieser Stelle war guter Rat ebenso teuer wie der achthundert Euro schwere Inhalt des in Frau Haberklees Wohnung lagernden Packerls. Was also war zu tun, um vor seiner zwangsl\u00e4ufig eintretenden Kompostierung an diesen meinen K\u00e4se zu gelangen? Die mir zur Verf\u00fcgung stehenden Optionen, Zutritt zum Haberklee\u2019schen K\u00e4selager zu erhalten, waren freilich \u00fcberschaubar.<\/p>\n<p>Nach zwei Tagen des Nachsinnens kam ich schlie\u00dflich auf das Naheliegendste: Ich musste wohl oder \u00fcbel in dieser Bude einbrechen \u2013 oder besser noch \u2013 einbrechen lassen. Einmal diesen folgenschweren Entschluss gefasst, wandte ich mich vertrauensvoll an einen gewissen Daniel Ozean, Mastermind seiner selbst und Stammgast in der Alsbachprinzessin. Seine Referenzen waren fabelhaft, zuletzt aber war er mit seinem Team bei einem bewaffneten Raub\u00fcberfall auf ein K\u00e4sespezialit\u00e4tenfachgesch\u00e4ft in der Innenstadt geschnappt worden. \u201eZwickel, nie wieder sauf i sechzehn Vierdel vor an Coup \u2013 wir hom im Suff die Eingangst\u00fcr mit der vom Juwelier nebenan verwechselt \u2026 f\u00fcnf Johr eisitzen wegen a poar Kilo Elchkas \u2026 i sogs da \u2026\u201c. Wir besprachen das notwendigste. Nur so viel: Ozean wurde drei N\u00e4chte sp\u00e4ter vis-\u00e0-vis von Frau Haberklee in der Wohnung des Hausmeisters von der WEGA festgenommen \u2013 besoffen wie ein s\u00fcdm\u00e4hrischer B\u00fcrstenbinder. \u201eOide Urschel, r\u00fcck den Kas vom Zwickel ausse!\u201c, soll er der Hausmeistersgattin kurz vor seiner vom Staat gesponserten Taxifahrt in die Josefstadt noch an den Kopf geworfen haben.<\/p>\n<p>Nach einem dreiw\u00f6chigen Urlaub in Kolumbien war ich mir sicher, dass Gras \u00fcber die Sache gewachsen war und flog, den Rucksack voll mit der Spezialit\u00e4t des Landes \u2013 drei Kilo Staubzucker &#8211; nach Wien zur\u00fcck. Durchs Stiegenhaus zog brenzlig-s\u00fc\u00dflicher Verwesungsgeruch.<\/p>\n<p>Not war am Mann, es half alles nichts: In der folgenden Nacht brach ich pers\u00f6nlich in die Wohnung von Frau Haberklee ein. Mit Daniel Ozean, diesem Vorstadtamateur, der st\u00e4ndig wegen ein paar l\u00e4cherlichen St\u00fcckchen K\u00e4se im Knast landet, war schlie\u00dflich kein Staat zu machen.<\/p>\n<p>Im Wohnzimmer ertappte ich Herrn Gary von Nummer 5 auf frischer Tat. \u201eWissens, meine chinesischen Kunstschlangenleder-Schuhe von Zalando \u2026\u201c versuchte sich dieser schamlose Verbrecher herauszureden. Ein paar Tr\u00e4nchen kullerten seine geschw\u00e4rzten Wangen herab. Unter dem Sofa lag zitternd Frau Ansbach, den Seitenschneider zwischen den Br\u00fcsten &#8211; sie sorgte sich um zwei Kerzenleuchter und eine Strickweste. Charly, Sohn des Hausmeisters, winkte mit einem XBox-Spiel vom Kronleuchter herab. Aus der Abstellkammer fl\u00fcchtete der Vizeleutnant von Top 7, ein Amazon-Paket im Koppel, ins Stiegenhaus. Er warf eine Blendgranate in den Flur, um seinen R\u00fcckzug zu decken. \u201eIhr Deppen, mich kriegts ihr nicht. Geronimoooo!\u201c, gefolgt von diabolischem Gel\u00e4chter, war das letzte, was ich vor meiner tempor\u00e4ren Erblindung mitbekam. Vom Dachgescho\u00df seilte sich der junge Philosophie-Student auf den Haberklee-Balkon ab. \u201eSchokoladenkuchen aus Amsterdam \u2026 was ganz Besonderes \u2026 kriegt man in der Qualit\u00e4t hier nirgends \u2026\u201c, rechtfertigte er sich. Wir nahmen unsere Habseligkeiten, versprachen einander, niemals hier gewesen zu sein und verabschiedeten uns. Gerade wollte ich das Fenster wieder einsetzen und die kurzgeschlossene Alarmanlage aktivieren, als ich aus dem Geb\u00fcsch unter mir leises Wimmern vernahm. Es war der v\u00f6llig verzweifelte Studienrat Ziwischetz. \u201eUnd wer hilft mir jetzt mit dem Klavier und dem Wandverbau vom Kika?\u201c. Ich hatte einfach Mitleid \u2026<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen lag ich mit einem mittelschweren Bandscheibenvorfall und tr\u00e4nenden Augen im Bett und stellte \u00fcberrascht fest, dass kolumbianischer Staubzucker etwas ganz Besonderes war. Kriegt man in der Qualit\u00e4t hier nirgends. Den Elchk\u00e4se hatte ich in der Wohnung von Studienrat Ziwischetz vergessen. Er war ganz fr\u00fch f\u00fcr ein halbes Jahr auf Forschungsreise nach Indien geflogen \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Haberklee, meine hochbetagte Nachbarin, ist ein wahrer Goldschatz. Man kann sich eigentlich keine bessere Nachbarin w\u00fcnschen. 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