{"id":300,"date":"2012-07-28T11:51:20","date_gmt":"2012-07-28T09:51:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oebwsv.at\/zwickel\/2012\/07\/28\/angry-bird\/"},"modified":"2013-11-17T22:04:13","modified_gmt":"2013-11-17T20:04:13","slug":"angry-bird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2012\/07\/28\/angry-bird\/","title":{"rendered":"Angry Bird"},"content":{"rendered":"<p>Ein hei\u00dfer Sonntagnachmittag. Ich l\u00fcmmle auf einer Bank in der Alszeile im Schatten der Kastanien, bem\u00fcht mit dem Dusel Freundschaft zu schlie\u00dfen, den der Fr\u00fchschoppen in der Alsbachprinzessin in mein Hirn gepflanzt hat. Die M\u00fctze tief ins Gesicht gezogen schwelge ich ihn wohltuender Blindheit. Vom nahen Friedhof weht ein Duft von verfaulenden Geranien und Kerzenwachs. Ich werde zum Baum. Meine Wurzeln wachsen, wuchern, durchbrechen den Asphalt und w\u00fchlen sich gierig in die k\u00fchle dunkle Erde. Bald bin ich eins mit meinem geliebten Hernals \u2026<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201cDu stinkst nach Bier!\u201d<\/p>\n<p>Innert einer Sekunde verdorren meine Triebe. Diese Stimme! Sie klingt jung, viel zu jung, um f\u00fcr mich von Bedeutung sein zu k\u00f6nnen, weswegen ich mit konsequenter Nichtreaktion reagiere. Das bringt die Stimme bestimmt zum Verstummen. Ich halte die Luft an.<\/p>\n<p>\u201cMeine Oma sagt, dass Tote nicht schwitzen. Du bist also nicht tot.\u201d<\/p>\n<p>Pfeifend entweicht mir der Atem. Gerne w\u00fcrde ich jetzt schreien, habe aber Angst, mich damit selbst zu erschrecken. Stattdessen entweicht meiner Kehle ein Laut, ein Ger\u00e4usch, dem Grunzen einer Sau nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n<p>\u201cIch hab\u2019s gewusst!\u201d, sagt die junge Stimme, ihr Tonfall behagt mir nicht.<\/p>\n<p>Alles in mir wehrt sich dagegen, diesem Zerst\u00f6rer meiner Sonntagselegie auch nur ein Jota Aufmerksamkeit zu schenken. Aber ich kann nicht anders und schiebe die M\u00fctze hoch. Ich fokussiere auf etwas, das neun, vielleicht zehn, ganz bestimmt nicht elf Jahre alt sein mag. Ein Junge, ein Bub, recht d\u00fcrr, der Wuschelkopf kastanienbraun, auf der Nase eine recht schlaue Brille. Was mich wirklich irritiert ist sein Blick, so ein intelligentes Geschaue, halb belustigt, halb gespannt. Es ist der Blick von jemandem, so beschlie\u00dfe ich, der f\u00e4hig ist, die weise und wohlmeinende Empfehlung eines ihm hoch\u00fcberlegenen Gegen\u00fcbers anzunehmen. Und so sage ich: \u201cSchleich dich.\u201d Ja, es gibt sie \u2013 die Tage an denen ich nicht geliebt werden m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Die Reaktion des Jungen ist jedenfalls verbl\u00fcffend. Er tut: nichts! Ich suche in seinen Augen nach irgendetwas, nach einem Erschrecken, einer winzigen Furcht, einem Schimmer der Erkenntnis des Unerw\u00fcnschtseins. Sinnlos. Immerhin, jetzt blinzelt er. Einmal. Zweimal.<\/p>\n<p>\u201cKennst du Super Mario Kart?\u201d<\/p>\n<p>Kenne ich was? Ist das hier vielleicht doch nur ein bierseliger Traum, in dem ein Au\u00dferirdischer, als Erdenkind getarnt, versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen? Ruht mein Kopf in Wirklichkeit noch auf der Theke der Alsbachprinzessin?<\/p>\n<p>\u201cKennst du Angry Birds?\u201d<\/p>\n<p>Angry? Birds? Die einzigen V\u00f6gel, die ich mit Zorn assoziiere, sind die elenden Hernalser Tauben, die mir am Elterleinplatz beim Verzehr einer Leberk\u00e4ssemmel so gerne auf die Schultern schei\u00dfen. Wovon also spricht dieses Kind? Eine gemeine, sprachlose Hilflosigkeit keimt in mir.<\/p>\n<p>\u201cMein Papa hat ein IPhone!\u201d<\/p>\n<p>\u201c\u00d6ha\u201d, entf\u00e4hrt es mir, so \u00fcberrascht bin ich, endlich einen kompletten Satz des Knirpses in seiner gesamten Tragweite verstanden zu haben. Hektisch fummle ich in meinen Jackentaschen herum, suche mein eigenes Telefon.<\/p>\n<p>\u201cIch auch, ich auch!\u201d, h\u00f6re ich mich rufen, erleichtert dar\u00fcber, der menschlichen Zivilisation wiedergegeben zu sein. Ich geh\u00f6re also doch noch dazu! Triumphierend halte ich dem kleinen Klugschei\u00dfer mein IPhone unter die Nase. Er schielt es kurz an.<\/p>\n<p>\u201cDas ist nur ein 3er.\u201d<\/p>\n<p>Was soll das? H\u00f6re ich da Entt\u00e4uschung? Verachtung, sogar?<\/p>\n<p>\u201cDas ist ein IPhone!\u201d, insistiere ich aufgeregt wie weiland Humboldt an den Amazonasquellen.<br \/>\n\u201cAber nur ein 3er\u201d, gibt sich mein neuer liebster Erzfeind st\u00f6rrisch, \u201cmein Papa hat ein 4S!\u201d<\/p>\n<p>Ist das Schamesr\u00f6te, die mir da hei\u00df unter dem Hemdkragen hervor Richtung Ohren kriecht? 3er, 4er, 4S? Alles Schnickschnack, so denke ich mir. Der Junge seufzt. Etwas zu demonstrativ f\u00fcr meinen Geschmack. Noch ehe ich reagieren kann, schnappt er mir mein IPhone weg, und beginnt darauf herumzufuhrwerken. Fassungslos sehe ich, wie seine Finger, diese kleinen unschuldigen Kinderfinger \u00fcber das Display huschen, tippen, wischen, ziehen. Ein einziges Mal h\u00e4lt er inne und legt die Stirn in Falten. Irgendwann bekomme ich mein Telefon wieder.<\/p>\n<p>\u201cIch muss nach Hause.\u201d<\/p>\n<p>Er geht. Lange sehe ich dem Kleinen nach, wie er dem hitzeflirrenden Ende der Alszeile entgegenstrebt. Meine Augen irren hin und her, zwischen ihm und meinem IPhone. Da sehe ich es. Auf meinem ansonsten so asketisch eingerichteten Display hockt ein rotes V\u00f6gelein. T\u00e4usche ich mich, oder hat es Zorn im Blick? Ein wenig furchtsam, jedoch getrieben von prickelnder Neugier tippe ich den Piepmatz an.<\/p>\n<p>Seit jenem hei\u00dfen Sonntagnachmittag trifft man mich oft auf derselben Bank an. Ich sitze dort und warte mit gro\u00dfer Unruhe im Herzen, ob der kleine Junge vielleicht wieder auftaucht. Ist er doch der einzige Mensch auf dieser Welt, der mich erl\u00f6sen kann, der einzige, der wieder Frieden in mein Leben voller b\u00f6ser V\u00f6gel und arroganter Schweine bringen kann. Der einzige, der mein Apple-Store-Passwort kennt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein hei\u00dfer Sonntagnachmittag. Ich l\u00fcmmle auf einer Bank in der Alszeile im Schatten der Kastanien, bem\u00fcht mit dem Dusel Freundschaft zu schlie\u00dfen, den der Fr\u00fchschoppen in der Alsbachprinzessin in mein Hirn gepflanzt hat. 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