{"id":243,"date":"2011-09-16T10:09:26","date_gmt":"2011-09-16T08:09:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oebwsv.at\/zwickel\/2011\/09\/16\/von-playmobiltauchern-und-einer-mundharmonikaaffre\/"},"modified":"2013-11-01T20:37:06","modified_gmt":"2013-11-01T18:37:06","slug":"von-playmobiltauchern-mundharmonikaaffaire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2011\/09\/16\/von-playmobiltauchern-mundharmonikaaffaire\/","title":{"rendered":"Von Playmobiltauchern und einer Mundharmonikaaff\u00e4re"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alfred Schabh\u00fcttel kann einem schon leidtun. Treffe ich einen Menschen zum ersten Mal kommt er in eine Schublade, und ich habe auch immer gleich einen passenden, die Pers\u00f6nlichkeit mehr oder minder beschreibenden Satz parat. Bei Schabh\u00fcttel dachte ich mir damals: \u201cDen h\u00e4tt ich auch gern!\u201d.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wir waren vier Jahre alt und die Vehemenz, mit der er seinen Playmobiltaucher verteidigte, auf den alle anderen Buben im Kindergarten \u2013 inklusive mir \u2013 spitz waren, ja dieser daseinsverachtende Mut, den er in die aussichtslose Schlacht warf, war schon aller Ehren wert. Gen\u00fctzt hat es ihm freilich nichts, denn wir waren in der \u00dcberzahl. Das d\u00fcrfte wohl, wie ich nachdenklich feststelle, der Knackpunkt, die entscheidende Wende im Leben des Alfred Schabh\u00fcttel gewesen sein \u2013 und ich bin schuldig. Genau da fing es an mit den Komplexen und der steten Fahrt bergab auf Schabh\u00fcttels Lebensstra\u00dfe \u2013 ein \u201cTurning Point\u201d, der aus einem normal sich entwickelnden jungen Menschen ein psychisches Wrack und einen Dauerversager macht.<\/p>\n<p>Alfred Schabh\u00fcttel kann einem schon leidtun. Was mit einem Playmobiltaucher begann, endete irgendwann in einem Wust aus Komplexen. Schabh\u00fcttel ist ein menschlicher Scherbenhaufen. Er entschuldigt sich daf\u00fcr, zu atmen. Er entschuldigt sich beim Taxifahrer, wenn er diesen auf eine schnellere Fahrtstrecke aufmerksam macht. Er entschuldigt sich beim Stra\u00dfenr\u00e4uber, wenn er kein Bargeld bei sich hat, dabei hat der verschlagene Hund neben seinem richtigen Geldb\u00f6rsel immer eine leere Dummybrieftasche f\u00fcr genau solche Notf\u00e4lle bei sich. Er entschuldigt sich daf\u00fcr, am Leben zu sein. Er f\u00fcrchtet, sein Herz k\u00f6nne jeden Moment aufh\u00f6ren zu schlagen. Er geht auf Zugfahrten niemals aufs WC, weil er Angst hat, der Zug k\u00f6nnte entgleisen, und er w\u00fcrde mit heruntergelassenen Hosen in dem engen Kabuff eingeklemmt werden. Aus dem gleichen Grund duscht er nur in Badehose: sollte ihn der Schlag treffen, will er sich nicht nackt jenen Menschen pr\u00e4sentieren, die seine Wohnung aufbrechen m\u00fcssen. F\u00fcr s\u00e4mtliche Eventualit\u00e4ten und Unbilden des Lebens scheint Schabh\u00fcttel bestens ger\u00fcstet: aus Angst, Menschen k\u00f6nnten hinter seinem R\u00fccken schlecht \u00fcber ihn reden, hat er T\u00fcrkisch, Kroatisch, Arabisch und Persisch gelernt, damit ihm in den Wiener \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln keine noch so dezent auf ihn gem\u00fcnzte Anspielung entgeht. Die Verkehrspilotenausbildung hat er absolviert, um im Notfall die Maschine sicher landen zu k\u00f6nnen. Seine 76m\u00b2 Ottakring sind ihm heilig und immer picobello in Ordnung. Die Vorstellung, ein Cobraeinsatzkommando oder die CIA w\u00fcrden des Nachts seine Wohnung st\u00fcrmen und einen Saustall vorfinden, l\u00e4sst ihm keine Ruhe. Aus Angst vor der Entt\u00e4uschung danach spielt er nicht Lotto. Hinter jedem Menschen, der ihn auf der Stra\u00dfe anspricht, vermutet er einen professionellen Trickbetr\u00fcger. Mit Politikern ist es das gleiche. F\u00fcr den Fall, dass er unvermittelt im Schlaf stirbt, schl\u00e4ft er nur im dunklen Anzug mit Krawatte, das Testament auf dem Bauch in den H\u00e4nden haltend \u2013 damit das Bestattungsunternehmen alles wohl vorbereitet vorfindet und die nicht vorhandenen Erben ihn nach seinem Tod nicht \u00fcbers Ohr hauen k\u00f6nnen. Von Schabh\u00fcttel und den Frauen fange ich gar nicht erst an. Die Marke \u201cPlaymobil\u201d existiert f\u00fcr ihn nicht mehr.<\/p>\n<p>Irgendwann in seinem Leben hat er Paul Watzlawick gelesen. Seitdem ist er, wie er nicht m\u00fcde wird zu betonen \u201cein vom Ungl\u00fcck Beg\u00fcnstigter\u201d.<\/p>\n<p>\u201cMagister, ich bin ein vom Ungl\u00fcck Beg\u00fcnstigter\u201d, hat er mir eines Tages also er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>\u201cFang bitte nicht wieder von diesem Playmobiltaucher an \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cDu w\u00fchlst in alten Wunden, die l\u00e4ngst verheilt sind. Heute kann ich mir Hunderte kaufen\u201d.<\/p>\n<p>\u201cStimmt\u201d<\/p>\n<p>\u201cIch bin eine arme Sau. Ich stehe, das ist eine Tatsache, immer in der l\u00e4ngsten Schlange. Egal wo.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDie Schlange in der man steht ist immer die l\u00e4ngste, Fredo\u201d<\/p>\n<p>\u201cWarte ich auf eine U-Bahn, fahren zun\u00e4chst drei, vier in die entgegengesetzte Richtung ein, bevor mein Zug kommt. Stelle ich mich demonstrativ auf die andere Seite, kommen ebenso drei, vier, f\u00fcnf in die andere Richtung. Vor neun Jahren habe ich einem Cousin, der im Irak einen Gemischtwarenladen betreibt, eine Kiste Mundharmonikas geschickt, woraufhin ich nicht nur Einreiseverbot in die USA bekommen habe, sondern in weiterer Folge mehrfach vom CIA und vom Bundesnachrichtendienst verh\u00f6rt wurde. Ein Prozess wurde anh\u00e4ngig. Die Anschuldigungen, die man gegen mich vorbrachte, habe ich schlussendlich freilich auch verstanden: illegaler Handel mit Mundharmonikas. Unterst\u00fctzung terroristischer Aktivit\u00e4ten eines Schurkenstaates. \u201c<\/p>\n<p>\u201cAja, Fredo &#8211; hab mich damals eh \u00fcber die h\u00fcbsche Ansichtskarte aus Guantanamo gewundert\u201d. Fredo spult sein Tonband einfach weiter ab:<\/p>\n<p>\u201cIn Restaurants, so habe ich die Beobachtung gemacht, bekomme ich nicht nur die kleinsten Portionen, sie sind auch, im Falle der Suppen die hei\u00dfesten, im Falle der weiteren G\u00e4nge die k\u00fchlsten. Im Bierglas ist mehr Schaum als in anderen. Mein Eis ist immer geschmolzen, esse ich Nusskuchen, bei\u00dfe ich auf Nussschalen. Bin ich des abends zum Fischessen eingeladen, so hat meine Portion die meisten Gr\u00e4ten, schlimmer noch: ich habe als einziger Gr\u00e4ten in meinem Fisch.\u201d<\/p>\n<p>\u201cNana \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cNix nana. Was ich anpacke, gereift zur Misere: gewinne ich einmal in meinem Leben einen Stabmixer bei einem Preisausschreiben, an dem meine Mutter in meinem Namen teilgenommen hat, geht mein Gewinnberechtigungsbon auf dem Postweg verloren. Die sch\u00f6nsten Frauen sind nat\u00fcrlich schon vergeben, und in Kinos sitzen die gr\u00f6\u00dften Leute immer nur vor mir. Sogar die Lebensmittelindustrie hat es auf mich abgesehen: Wie oft kommt es vor, dass man eine Schachtel feinster Pralinen zu beanstanden hat? Nun, mir ist es in den letzten drei Monaten f\u00fcnf Mal passiert. F\u00dcNF MAL! Die ganze M\u00fche: Schachtel einschicken, Kaufpreis zur\u00fcckfordern, im Notfall Anw\u00e4lte einschalten. Papierkram noch und n\u00f6cher\u201d<\/p>\n<p>\u201cEin Hundeleben\u201d.<\/p>\n<p>\u201cDie Mundharmonikas haben mir \u00fcbrigens das Genick gebrochen. Haben angeblich Disharmonien zwischen Amis und Irakern erzeugt und die Lage erheblich destabilisiert.\u201d<\/p>\n<p>\u201cVerst\u00e4ndlich \u2013 Ohrenterrorismus pur. W\u00fcrd mich nicht wundern, wenn einige von den armen amerikanischen GIs heut noch unter posttraumatischem Stresssyndrom litten. Mundharmonikas in den Irak \u2013 sowas Bl\u00f6des muss einem erst mal einfallen! Einfach ungeschickt, Fredo. Speziell nach diesem Tamtam mit den Massenvernichtungswaffen. Und du gie\u00dft auch noch Feuer ins \u00d6l. Was kam raus?\u201d<\/p>\n<p>\u201cSieben Jahre Einzelhaft durch ein amerikanisches Schnellgericht. Bin einigerma\u00dfen g\u00fcnstig weggekommen \u2013 der Chefankl\u00e4ger hat acht Jahre beantragt.\u201d<\/p>\n<p>\u201cNa bitte Fredo \u2013 nicht alles l\u00e4uft schief!\u201d<\/p>\n<p>\u201cStimmt schon. Die sieben Jahre auf Kuba waren ja auch irgendwie interessant.\u201d<\/p>\n<p>\u201cSiehst, ICH war noch nie auf Kuba. Du bist so alt wie ich und hast schon so viel von der Welt gesehen\u201d<\/p>\n<p>\u201cVielleicht hast du recht, Magister \u2026 \u201c<\/p>\n<p>\u201cImmer die positiven Seiten sehen. Klimatisch sicher ein Traum dieses Kuba\u201d<\/p>\n<p>\u201cNaja, Honeywell Fancoils \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cSogar klimatisiert untergebracht! Wir schwitzen hier im Sommer wie die Schweine \u2013 und du beschwerst dich auch noch! Sagenhaft\u201d<\/p>\n<p>\u201cWahrscheinlich bin ich einfach nur paranoid\u201d<\/p>\n<p>\u201cWer wenn nicht du, Fredo?\u201d<\/p>\n<p>\u201cDieses Waterboarding geht aber schon an die Substanz\u201d<\/p>\n<p>\u201cWassersport ist gesund. Frag mal deinen Playmobiltaucher\u201d<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle den umklammernden Griff zweier H\u00e4nde an meinem Hals.<\/p>\n<p>Alfred Schabh\u00fcttel kann einem schon leidtun. Aggressiver, paranoider Komplexler!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Alfred Schabh\u00fcttel kann einem schon leidtun. 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