{"id":1107,"date":"2020-03-03T16:59:25","date_gmt":"2020-03-03T14:59:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=1107"},"modified":"2020-03-03T16:59:27","modified_gmt":"2020-03-03T14:59:27","slug":"das-achte-loch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2020\/03\/03\/das-achte-loch\/","title":{"rendered":"Das achte Loch"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich besitze eine Hose, aber unsere Beziehung ist\nkompliziert. Seit jeher verweigere ich ihr jene K\u00f6rperform, die sie ben\u00f6tigt,\num ihrer Aufgabe als passgenau sitzendem Kleidungsst\u00fcck nachkommen zu k\u00f6nnen,\nund sie weigert sich, diesem Umstand durch ein erh\u00f6htes Ma\u00df an Aufwand und\nAnstrengung ihrerseits Rechnung zu tragen. Ein Mensch mit geringerer\nliterarischer Ambition w\u00fcrde einfach schreiben: Diese Hose rutscht. Aber so\neiner bin ich nicht. Was ich jedoch bin, ist einer, der sich Gedanken macht.\nAuch \u00fcber das schwierige Leben mit einer widerspenstigen Textilie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe meiner Hose einen G\u00fcrtel geg\u00f6nnt. Zugegeben: Diesen\nG\u00fcrtel habe ich nicht etwa selbst gekauft, nein, meine Schwiegermutter \u2013 eine\nFrau, deren Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen nicht hoch genug gesch\u00e4tzt werden kann \u2013\nschenkte ihn mir zu Weihnachten. Es ist ein guter G\u00fcrtel, ein hochwertiges\nLedererzeugnis in dessen Auswahl \u2013 so gut kenne ich meine Schwiegermutter \u2013 ein\nH\u00f6chstma\u00df an Sorgfalt und Besonnenheit geflossen ist. In diesen wunderbaren\nG\u00fcrtel hatte ein guter Geist vorausschauend sieben L\u00f6cher gestanzt, und als ich\nihn erstmals in die Schlaufen meiner renitent rutschenden Hose f\u00e4delte redete\nich ihr gut zu: \u201eSieben L\u00f6cher! Bist du jetzt zufrieden?\u201c Sie war es nicht und\nrutschte fr\u00f6hlich weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Freund, dem ich mein Hosenleid klagte, gab mir einen\nTipp. Ich m\u00f6ge mich zu einem Schuster verf\u00fcgen, so fl\u00fcsterte er mir zu. Sobald\nes darum gehe, die Zahl der L\u00f6cher in einem G\u00fcrtel zu erh\u00f6hen, seien Schuster\nwahre Genies. Dankbar nahm ich diesen Rat an und betrat alsbald die heiligen\nHallen der Schuhmanufaktur Hasen\u00f6hrl, nur zwei Stra\u00dfen weiter. Als ich die T\u00fcr\ndes L\u00e4dchens \u00f6ffnete ert\u00f6nte ein munteres Gl\u00f6ckchen, Meister Hasen\u00f6hrl selbst\nblickte von einem Kreuzwortr\u00e4tsel auf und musterte mich \u00fcber den Rand seiner Brille.\nMich, den Eindringling in seine heile und seit der Erfindung von Deichmann und\nReno ungest\u00f6rte Welt. Mich, den \u00dcberbringer des G\u00fcrtels mit den sieben L\u00f6chern.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange und eindringlich musterte Hasen\u00f6hrl meinen G\u00fcrtel,\nmurmelte etwas von sehr gutem Leder und von einer wunderbaren Vern\u00e4htheit, ehe\ner mit sicherem Griff eine Zaubermaschine hinter dem Tresen hervorholte und\nmeinem G\u00fcrtel \u2013 Zack! B\u00e4\u00e4m! \u2013 ein weiteres, ein achtes Loch verpasste.\nEhrf\u00fcrchtig fl\u00fcsterte ich: \u201eWas bin ich schuldig?\u201c, und Hasen\u00f6hrl antwortete:\n\u201eGeben Sie, was Sie gerne geben.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte Magie des Moments zerbarst in diesem einen Augenblick\nund eine besch\u00e4mte Hitze schoss mir in die Wangen. Was ich gerne gebe? Was\nsollte das bedeuten? Woher sollte ich wissen, ob das, was ich \u201egerne gebe\u201c\n\u00fcberhaupt angemessen ist? Oder \u2013 und das w\u00e4re ebenso fatal \u2013 ob es nicht ma\u00dflos\n\u00fcbertrieben w\u00e4re! Warum konnte Hasen\u00f6hrl nicht einfach seinen Preis nennen? Was\nwusste ich denn schon \u00fcber Lochpreise? H\u00e4tte ich zuvor geahnt in welch schwierige\nSituation mich Hasen\u00f6hrl mit dieser v\u00f6llig absurden Forderung bringen w\u00fcrde,\nich h\u00e4tte mich schlau gemacht. H\u00e4tte einschl\u00e4gige Webseiten konsultiert oder\nden Aktienindex an der L\u00f6cherb\u00f6rse eingesehen. Aber so? \u00dcberw\u00e4ltigt von einer peinlich\nber\u00fchrten Verdatterung riss ich Meister Hasen\u00f6hrl meinen G\u00fcrtel aus den arthritischen\nFingern und st\u00fcrzte gru\u00dflos bei der T\u00fcr hinaus. Noch lange hallte das\nanklagende Klingeln des Eingangsgl\u00f6ckchens in meinen Ohren.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuhause angekommen berichtete ich meiner Frau davon, was mir\neben zugesto\u00dfen war. Es war eine gute Geschichte, aber als ich fertig war, sagte\nsie erstmal gar nichts. Nun verf\u00fcgt meine Frau \u00fcber die F\u00e4higkeit die\nAugenbraue auf eine Art zu heben, die mir dabei hilft zu erkennen, wer in einer\nGeschichte \u2013 und sei sie noch so gut \u2013 tats\u00e4chlich der Trottel ist. Ich begriff\ndie Tragweite des Unrechts, das ich dem armen, dem guten Meister Hasen\u00f6hrl\nzugef\u00fcgt hatte. Eilig zog ich mich in mein Zimmer zur\u00fcck. Ich hatte Arbeit zu\nerledigen.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Nacht schlief ich nicht. Ich musste herausfinden\nwas der angemessene Preis f\u00fcr ein Loch war, das ein Schuster \u2013 ein Meister\nseines Faches wohlgemerkt \u2013 in einen Lederg\u00fcrtel stanzt. Das Internet geizte\nmit konkreten Informationen, und so musste ich vielerlei Annahmen treffen. Was\nverdient ein Schuster, wie viele Schuhe repariert er? Pro Monat? Pro Jahr? Was\nessen die Kinder eines Schusters, was die Enkelkinder? Was wendet ein\nMeisterschuster f\u00fcr Strom und Miete auf? Und am allerwichtigsten: Wie hoch sind\ndie Anschaffungskosten f\u00fcr jene fantastische Locherzeugungsmaschine, mit der\nHasen\u00f6hrl das Wunder des achten Lochs vollbracht hatte? Ich rief bei\nWirtschaftskammer und Industriellenvereinigung an, ich schrieb dem\nBezirksvorsteher eine Mail, den Innungsmeister der Wiener Schuhmacher klingelte\nich um drei Uhr nachts aus dem Bett. Ich ging sogar soweit, mir die ostdeutsche\nVerfilmung des M\u00e4rchens \u201eDie Heinzelm\u00e4nnchen\u201c aus dem Jahr 1976\nherunterzuladen, und erhielt so tiefgehende Einblicke in das t\u00e4gliche\nSchusterleben. Als die Sonne durch das Fenster meines Zimmers blinzelte lagen\nalle Zahlen klar auf dem Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Kaffee war keine Zeit mehr. Ohne mich zu waschen oder zu rasieren st\u00fcrmte ich aus der Wohnung, legte die Strecke zur Werkstatt des Meister Hasen\u00f6hrl in Rekordgeschwindigkeit zur\u00fcck. \u201eEs tut mir so leid\u201c, schnaufte ich beim Betreten des Ladens und z\u00fcckte einen Hundert-Euro-Schein, den ich dem verdutzten Hasen\u00f6hrl in die Hemdtasche stopfte. Zum Abschied verbeugte ich mich: \u201eWird nicht mehr vorkommen! Ich empfehle ihre L\u00f6cher weiter!\u201c, und schon war ich dahin. Diesmal klang das Gl\u00f6ckchen viel s\u00fc\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter: Meine Hose rutscht. Ich werde bei Deichmann vorbeischauen m\u00fcssen. Die L\u00f6cher dort sind zwar ein Klumpert, aber den Hasen\u00f6hrl kann ich mir wirklich nicht jeden Tag leisten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>(pad)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich besitze eine Hose, aber unsere Beziehung ist kompliziert. 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