{"id":1068,"date":"2019-11-25T19:12:55","date_gmt":"2019-11-25T17:12:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=1068"},"modified":"2019-12-15T09:47:47","modified_gmt":"2019-12-15T07:47:47","slug":"if-i-could-turn-back-time","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/11\/25\/if-i-could-turn-back-time\/","title":{"rendered":"If I could turn back Time"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eGuten Morgen, Kompanie\u201c, br\u00fcllt der Herausgeber an diesem\nMorgen beim Betreten der in ganz neuem Gewande erstrahlenden Redaktion des\nHernalser Morgenpostillons. Mit einer Hand wirft er einen zackig-milit\u00e4risch\nanmutenden Gru\u00df in die Runde w\u00e4hrend er mit der zweiten angestrengt einer\njungen und in feinsten Businesszwirn geh\u00fcllten Dame \u2013 ein durch und durch\nehrbares Mitglieder der Generation Y, wie ich mit fachm\u00e4nnischem Blick sofort\nerkenne &#8211; die noch etwas streng eingestellte Sicherheitst\u00fcr aufh\u00e4lt, die das\nRedaktionsgesinde von der Au\u00dfenwelt trennt. Mit der dritten Hand wedelt er in\nmeine Richtung. \u201eZwickel, kommen\u2019s!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er stellt uns einander vor. \u201eDas ist die Kollegin Holder aus\ndem Controlling unserer deutschen Muttergesellschaft, die sich \u00fcber unsere\nFortschritte bei der Durchf\u00fchrung der Operation \u201eBarbarossa\u201c informieren\nm\u00f6chte.\u201c Die junge Dame \u2013 sie hat lange schwarze Haare, wie Anno Tobak Karin\nDor als Ribanna im Winnetou \u2013 schaut, pardon, kuckt ein wenig verwirrt.\n\u201eBarbarossa\u201c, so erkl\u00e4rt ihr der Herausgeber, ihr nachdenkliches Stirnf\u00e4ltchen\nbemerkend, \u201eist unser internes Codewort f\u00fcr das Projekt.\u201c Ach ja, f\u00e4llt mir da\nwieder ein. <em>Das Projekt<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein kurzer Exkurs.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme an, sein Name ist Hans-Dieter. Oder Magnus. Aber\nwahrscheinlich doch Hans-Dieter. Wie auch immer: Hans-Dieter sitzt den lieben\nlangen Tag in seinem Officeloft im 45. Stock des Frankfurter Rundschau Towers,\nblinzelt vertr\u00e4umt in seine Tageslichtlampe, streichelt dabei z\u00e4rtlich \u00fcber die\nFair-Trade-Sofa\u00fcberz\u00fcge, die ihm seine Frau f\u00fcr die Wildpferdledercouchgarnitur\nin seinem B\u00fcro geh\u00e4kelt hat, und hat den lieben langen Tag nichts anderes zu\ntun, als sich neue Konzernrichtlinien und Produktivit\u00e4tssteigerungsma\u00dfnahmen auszudenken,\nmit denen er seinen lieben Mitkollegen aber mal so richtig auf die Eier gehen kann.\nDer Name seines neuesten diabolischen Meisterwerks: AGIL. \u201eHandelst du nicht\nagil, kommst du nicht ans Ziel!\u201c, mit diesem, an Peppigkeit nicht mehr zu\n\u00fcberbietenden Slogan ist es Hans-Dieter gelungen, die komplette Vorstandsetage\nin einen maximal-erregten Veitstanz zu versetzen. Und das bereits 75 Jahre\nnachdem sich Mitsubishi das erste Kanban-Board in die Werkshalle gestellt hat. Kernpunkt\nder agilen Arbeitsmethode ist es, eine Arbeit, ein Projekt, was auch immer, so\nlange in so kleine und kleinste Teilst\u00fccke zu zerteilen und auf eine infinite\nMenge an zuf\u00e4llig Herumstehenden zu verteilen, dass es im Nachgang unm\u00f6glich\nist festzustellen, wer eigentlich daran schuld ist, dass \u201edieser Schei\u00dfdreck\u201c\nnicht funktioniert. Danach macht man ein sog. \u201eLessons Learned\u201c-Meeting,\ndokumentiert die hier erworbenen Erkenntnisse, packt die hier anfallenden 8\nKubikmeter feinsten Druckerpapiers in massive Holzkisten, die man nach\nNeu-Guinea verschifft, und f\u00e4ngt wieder von vorne an. Als Grundvoraussetzung\nder agilen Arbeitsmethode gilt gemeinhin das \u201eSchaffen neuer Kreativr\u00e4ume\u201c,\noder anders formuliert: existierende B\u00fcroinfrastrukturen gilt es, so lange und\nauf so liebevolle Weise umzugestalten und zu verbessern, bis beim Betreten des\n\u2013 ach, du geile Schei\u00dfe! \u2013 neuen B\u00fcros bei allen Betroffenen Blut aus den\nAugenwinkeln quillt und in ihren Hirnen nur noch positive Bilder entstehen, wie\netwa die Landung der Alliierten in der Normandie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende Exkurs.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHall\u00f6chen, ich bin die Cher\u201c, in bester Hipstermanier wirft\nmich die kleine Deutsche vor die Duz-Lokomotive und h\u00e4lt mir ihr zierliches\nH\u00e4ndchen hin. Einen Augenblick lang bin ich versucht zu sagen: \u201eGr\u00fc\u00df Gott, und ich\nbin der Magister Zwickel!\u201c, will aber schlie\u00dflich doch nicht als vertrockneter\nalter Sack vor ihr dastehen. Stattdessen sage ich: \u201e\u00c4hm, Cher?\u201c Sie strahlt.\n\u201eMeine Mutti ist ein RIESENFAN!\u201c, jauchzt sie, und es hat den Anschein, dass in\nihrer Welt \u201eRIESENFAN einer mittlerweile zu 80 Prozent aus Plastik bestehenden alternden\nPop-Diva sein\u201c und \u201eein Heilmittel f\u00fcr Krebs gefunden haben\u201c in etwa den\ngleichen Stellenwert haben d\u00fcrften. Und ich kann es mir an dieser Stelle nicht\nverkneifen. \u201eDu hei\u00dft Cher Holder?\u201c Chers linkes Augenlid beginnt nerv\u00f6s zu\nflattern. Gut m\u00f6glich, dass ich nicht der erste bin, dem da etwas aufgefallen\nist. \u201eWir f\u00fchren Sie jetzt ein bissl herum, Frau, \u00e4hm, Holder, \u00e4hm Cher. Ja!\u201c,\nwirft sich der Herausgeber tapfer vor ihren eben anfahren wollenden Zug der\nb\u00f6sen Erinnerungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gekonnt \u00fcberspringt er den fetten Reimann, der sich in der <em>Welcome Zone<\/em> in Embryohaltung auf dem\nnagelneuen Spannteppich zusammengerollt hat, und unabl\u00e4ssig an seinem Daumen\nlutschend sein neu gefundenes Mantra wiederholt: \u201eWir haben alle Platz, keiner\nmuss stehen, wir haben alle Platz, keiner muss stehen, wir haben alle Platz \u2026\u201c\n\u201eWas hat denn der Kollege?\u201c, will Cher wissen. \u201eAh nix\u201c, sage ich, \u201eDer war\nheut nur ein bisserl zu sp\u00e4t dran. Wei\u00dft du, ab halb sechs kann\u2018s schon ein\nbissl knapp werden mit den Schreibtischen.\u201c Ich grinse vergn\u00fcgt. \u201eWollen Sie, &#8211;\n\u00e4h, haha, pardon \u2013 willst DU vielleicht meine Storage Area sehen?\u201c Cher macht\ngro\u00dfe Augen. \u201eUiii\u201c, quietscht sie aufgeregt, \u201esupergern!\u201c Ich f\u00fchre sie,\nvorbei an Frau R\u00f6ssler von der Anzeigenverwaltung, die ihren vier Kindern\ngerade demonstriert, wie aufregend so ein stufenlos h\u00f6henverstellbarer\nSchreibtisch sein kann (huiiii!), in den hinteren Bereich der Redaktion. Zu\nmeiner \u201eStorage Area\u201c h\u00e4tte mein Onkel Leopold \u2013 Gott hab ihn selig \u2013\nseinerzeit h\u00f6chstwahrscheinlich \u201eSpind\u201c gesagt, oder eher \u201eSchei\u00dfspind\u201c, denn\nso richtig Platz findet man hier nicht Jedenfalls nicht, wenn man \u2013 so wie ich\n\u2013 gro\u00dfen Wert auf die fachgerechte Unterbringung von dreihundert Teilen\n\u201eLustige Taschenb\u00fccher\u201c legt. Aber das w\u00fcrde jetzt zu weit f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu meinem Spind kommen wir sowieso nicht. Eine aufgebrachte\nMenschenmenge versperrt uns den Weg. \u201eWas\u2018n hier los?\u201c, m\u00f6chte Cher wissen.\n\u201eKein Grund zur Aufregung\u201c, beschwichtige ich, \u201eals Teil unserer kooperativen\nIdentit\u00e4tsfindung haben wir unsere Toiletten auf \u201aunisex\u2018 umgestellt \u2013 im\nGegenzug haben wir aber nur noch eine im ganzen Haus! Da kann es schon hin und\nwieder zu kleinen, \u00e4hm \u2026\u201c, verzweifelt krame ich in meinem Hirn nach dem\nrichtigen Ausdruck, \u201edaily Sprints kommen!\u201c Gerade noch die Kurve gekriegt!\n\u201eMeinst du nicht doch etwa daily standups?\u201c, Chers Indianeraugen durchbohren\nmich pr\u00fcfend. \u201eVerbrecher, stehengeblieben\u201c, br\u00fclle ich in diesem Moment los\nund st\u00fcrme in Richtung Online-Redaktion, wo ich unserem Praktikanten mit Gewalt\neine seiner seltenen Orchideenz\u00fcchtungen aus den Fingern winde. \u201ePrivatpflanzen\nhaben in unserem agilen Kreativwertsch\u00f6pfungszusammenarbeitsdingens nichts\nverloren, du MONSTRUM!\u201c. Der Praktikant bricht in Tr\u00e4nen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Leicht betreten schauen sowohl Herausgeber als auch Cher\nHolder in die Gegend. Schlie\u00dflich sagt Cher: \u201eWo kann ich denn hier eben mal\neine rauchen gehen?\u201c Darauf z\u00fcckt der Herausgeber sein Handy: \u201eWarten\u2019s, kein\nProblem, ich ruf ihnen gleich ein Uber!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGuten Morgen, Kompanie\u201c, br\u00fcllt der Herausgeber an diesem Morgen beim Betreten der in ganz neuem Gewande erstrahlenden Redaktion des Hernalser Morgenpostillons. 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