{"id":1033,"date":"2019-06-10T08:20:09","date_gmt":"2019-06-10T06:20:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=1033"},"modified":"2019-06-12T15:22:01","modified_gmt":"2019-06-12T13:22:01","slug":"ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/06\/10\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-7\/","title":{"rendered":"Ganz egal, ob Schwarz, ob Wei\u00df (7)"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash.jpg\" data-rel=\"lightbox-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1047\" src=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"473\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><\/a>Das Slibowitzgambit<\/em><\/p>\n<p>Gerne w\u00fcrde ich an dieser Stelle eine Heldengeschichte erz\u00e4hlen. Etwas in der Art vom ermatteten Soldaten, der in allerh\u00f6chster Not mit seinem letzten Pfeil den feindlichen General niederstreckt und die l\u00e4ngst verloren geglaubte Schlacht noch wendet. Damit kann ich aber nicht dienen. Andere Analogien passen besser. Etwa die von Wile E. Coyote, der von den listigen Roadrunnern wieder einmal ausgetrickst, mit vollem Karacho durch eine geschlossene T\u00fcr kracht, eine fein s\u00e4uberliche Silhouette seiner selbst im Holz hinterlassend. In dieser Geschichte bin ich die T\u00fcr, und das Loch in mir hat die Form eines tattrigen jugoslawischen Pensionistenopas mit Gehstock.<\/p>\n<p>Der alte Jugo fegt \u00fcber mich hinweg, dass mir schwindlig wird. Dabei denkt er kaum \u00fcber seine Z\u00fcge nach, feuert buchst\u00e4blich im Sekundentakt eine Salve nach der anderen auf meine immer erb\u00e4rmlicher aussehende Stellung ab. Nach nicht einmal f\u00fcnf Minuten umtanzen seine Figuren, die Springer, die Dame, ein Turm, meinen hilflosen K\u00f6nig. Der Rest meiner Mannschaft, irgendwo \u00fcber das Brett verstreut, sieht hilflos dabei zu, wie ihrem Monarchen grausam das Lebenslicht ausgeblasen wird. Einen Wimpernschlag sp\u00e4ter ist alles vorbei. Ich verstehe im ersten Augenblick nicht, warum mir der Alte pl\u00f6tzlich die Hand entgegenstreckt, sondern schaue ihn nur bl\u00f6d an. Der neben mir sitzende Liebling springt helfend ein: \u201eDu bist schachmatt, Burschi.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOh\u201c, meine Ohren gl\u00fchen. Diese Schande! Gedem\u00fctigt sch\u00fcttle ich dem Opa das zitternde H\u00e4ndchen. Die Augen von tausend kleinen F\u00e4ltchen umw\u00f6lkt l\u00e4chelt er mich an: \u201eWar Spa\u00df, oder?\u201c Ich schaffe es nicht, zu nicken.<\/p>\n<p>An den anderen Brettern geht es noch hoch her. Aber nicht lange, da muss auch der Liebling die Waffen strecken, und irgendetwas zerbricht in mir. Bis jetzt hatte ich meine Kapazunder f\u00fcr unbesiegbar gehalten. Nun werde ich eines Besseren belehrt. Die Jugoslawen sind die wahren Schachgiganten, die \u00fcber die Erde wandeln, und sie sind nicht hier, um Gefangene zu machen. Zum Gl\u00fcck ist es aber doch nicht ganz so schlimm, denn sowohl der Tankwart als auch der Husterer gehen siegreich aus ihren Partien hervor, und der lange B\u00f6hm befetzt sich so derart intensiv mit seinem Gegen\u00fcber, dass irgendwann jeder der beiden nur noch mit einem nackten K\u00f6nig dasteht, was soviel hei\u00dft wie Unentschieden.<\/p>\n<p>Und so muss dieses epische Ringen zwischen den Kapazundern und den Jugos am ersten Brett entschieden werden, wo der Professor es mit Branko zu tun hat. Alle Anwesenden versammeln sich um das letzte Brett auf dem noch gek\u00e4mpft wird. Man kann die Spannung in der Luft mit einem L\u00f6ffel sch\u00f6pfen. Branko und der Professor scheinen, soweit ich Waserl das beurteilen kann, einander ebenb\u00fcrtig zu sein. Ein Blick auf das Brett zeigt beide Armeen, eng an eng miteinander verzahnt. Branko denkt eine Ewigkeit \u00fcber seinen n\u00e4chsten Zug nach, der Professor sitzt v\u00f6llig regungslos und hoch konzentriert da, und l\u00e4sst seinen Gegner keine Sekunde aus den Augen.<\/p>\n<p>Nerv\u00f6s wippe ich auf den Zehenspitzen und kaue auf meinem Daumennagel herum, als der Liebling mir zufl\u00fcstert: \u201eKeine Panik. Der Professor war mal ein starker Landesligaspieler.\u201c Ich kann mit dieser Information nichts rechtes anfangen, aber irgendwie klingt sie beruhigend. \u201aLandesliga\u2018, das Wort allein riecht schon nach Kompetenz und Sicherheit.<\/p>\n<p>Da pl\u00f6tzlich, wie aus dem Nichts schie\u00dft Brankos Hand vor, greift einen Springer und knallt ihn in unmittelbarer N\u00e4he zum K\u00f6nig des Professors wieder aufs Brett. \u201eOj\u201c, h\u00f6re ich den langen B\u00f6hm murmeln, und kann es sein, dass die Halbglatze des Professors gerade eine r\u00f6tliche Schattierung angenommen hat? Der Husterer hustet vernehmlich, und der Tankwart, der sich unmittelbar hinter dem Professor aufgebaut hat, greift ganz beil\u00e4ufig in die Brusttasche und f\u00f6rdert einen m\u00e4chtigen Flachmann zu Tage. Er schraubt ihn auf und nimmt ein Schl\u00fcckchen.<\/p>\n<p>\u201eAh\u201c, sagt der Tankwart genie\u00dferisch, dann \u2013 und diese Geste kommt mir in diesem Augenblick ganz und gar unglaublich vor \u2013 h\u00e4lt er dem Professor den Flachmann hin. Der schaut nur kurz auf, sch\u00fcttelt den Kopf und sagt: \u201eDanke, hab meinen eigenen.\u201c Zum Beweis \u00f6ffnet er seine lederne Aktentasche und f\u00f6rdert eine dickwandige Schnapsflasche zutage, die er langsam aufschraubt, um danach einen genie\u00dferischen Schluck zu tun. \u201eDer beste Slibowitz, den man sich vorstellen kann\u201c, sagt er zum Tankwart und l\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Branko ist dieser kurze Austausch nicht entgangen. Er sieht die Slibowitzflasche an. Ein Hauch von Sehnsucht legt sich \u00fcber sein Gesicht, der Professor schenkt ihm aber gar keine Beachtung. Nicht so der Tankwart, der wei\u00df, was sich geh\u00f6rt, und der Branko jetzt mit einem aufmunternden Nicken den Flachmann hinh\u00e4lt. Branko strahlt. Er nimmt den angebotenen Schnaps und tut einen tiefen Zug. Ein genie\u00dferisches Schnalzen mit der Zunge, und als Branko den Schnaps zur\u00fcckgeben will, winkt der Tankwart ab: \u201ePasst schon\u201c.<\/p>\n<p>Der weitere Verlauf der Partie gestaltet sich rustikal. Jeder gemachte Schachzug wird von einem Schl\u00fcckchen aus den Flaschen begleitet. Nicht lange, und man merkt beiden Spielern die inspirierende Wirkung des Slibowitz an. Branko hat ein seliges Grinsen auf den Lippen und der Kopf des Professors wiegt sich im Takt einer Melodie hin und her, die er leise vor sich hin summt, der Donauwalzer vielleicht. Vom Schnaps befl\u00fcgelt startet Branko einen gef\u00e4hrlichen K\u00f6nigsangriff. Er opfert eine, dann eine zweite Figur, um der gegnerischen Majest\u00e4t schnell und brutal den Garaus zu machen. Der Professor kontert mit Eleganz (und einem weiteren gro\u00dfen Schluck aus der Flasche), und nach nur f\u00fcnf weiteren Z\u00fcgen steht fest: Branko hat Haus und Hof verspielt und steht vor den Tr\u00fcmmern des eigenen Mutes. Sehr traurig dar\u00fcber ist er nicht. \u201eHa, ha\u201c, man h\u00f6rt schon einen kr\u00e4ftigen Zungenschlag heraus, \u201eso sch\u00f6ne Partie!\u201c.<\/p>\n<p>Er streckt die Hand zum Zeichen der Aufgabe aus, und sinkt im n\u00e4chsten Augenblick wie in Zeitlupe von der Bank auf den Boden, begleitet vom Gejubel der Kapazunder, die alle gleichzeitig dem Professor auf die Schultern klopfen wollen. Der streckt sich einmal ordentlich durch, ehe er vorsichtig aufsteht. Er kommt zu mir her\u00fcber. \u201eAuch ein Schluckerl?\u201c, fragt er und h\u00e4lt mir seine Slibowitzflasche hin, in der nur noch ein Maulvoll drinnen ist. Ich bin so verdattert, dass ich gar nicht gro\u00df nachdenke, als ich die Flasche nehme und in einem Zug austrinke. Ich f\u00fchle mich erwachsen, jedenfalls bis zu dem Moment, in dem mir der Geschmack des Schnapses einf\u00e4hrt. Er schmeckt nach gar nichts. Es ist Wasser! Der Professor steht mit hochgezogenen Augenbrauen vor mir, seine Augen leuchten listig. \u201eGut, oder?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sage ich, \u201esehr gut sogar!\u201c Ich muss lachen.<\/p>\n<p>\u201eOida\u201c, h\u00f6re ich da hinter mir. Ich drehe mich um. Lumpi Lamprecht schaut entgeistert auf die leere Slibo-Flasche in meiner Hand. Lumpi hat in den letzten Wochen so etwas wie Muskeln an den Wadeln und Oberschenkeln entwickelt, und ich bemerke einen zarten Bartflaum der jetzt seine Oberlippe ziert. In der Wahrnehmung meines dreizehnj\u00e4hrigen Hirns haben wir uns seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen, auch wenn erst drei Wochen vergangen sind, seit ich den Tischtennispensionisten den R\u00fccken gekehrt habe.<\/p>\n<p>\u201eMagst Tischtennis spielen?\u201c, fragt Lumpi. Ich z\u00f6gere.<br \/>\n\u201eK\u00f6nnen wir machen\u201c, sage ich schlie\u00dflich.<br \/>\n\u201ePerfekt\u201c, sagt Lumpi, \u201eDie Gerlinde hat Fleischlaberln gemacht.\u201c<br \/>\n\u201eSuper\u201c, sage ich, denn ich habe schon gro\u00dfen Hunger.<\/p>\n<p>Als sich Lumpi und ich, langsam die Fahrr\u00e4der schiebend, Richtung Tischtennisplatz davonmachen, h\u00f6re ich noch hinter mir: \u201eDie Jugos wollen eine Revanche. Kommt mein Liebling eh wieder?\u201c<\/p>\n<p>ENDE<\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/04\/26\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-1\/\">Teil 1: Tischtennispensionisten<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/03\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-2\/\">Teil 2: Ein Hund brunzt<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/10\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-3\/\">Teil 3: Der Unber\u00fchrbare<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/17\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-4\/\">Teil 4: Ein Liebling sein<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/24\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-5\/\">Teil 5: Gefahr aus dem S\u00fcden<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/29\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-6\/\">Teil 6: Die Ehre alter M\u00e4nner<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/06\/10\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-7\/\">Teil 7: Das Slibowitzgambit<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Slibowitzgambit Gerne w\u00fcrde ich an dieser Stelle eine Heldengeschichte erz\u00e4hlen. 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