{"id":1005,"date":"2019-05-10T08:00:49","date_gmt":"2019-05-10T06:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/?p=1005"},"modified":"2019-06-12T15:17:30","modified_gmt":"2019-06-12T13:17:30","slug":"ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/10\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-3\/","title":{"rendered":"Ganz egal, ob Schwarz, ob Wei\u00df (3)"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash.jpg\" data-rel=\"lightbox-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1047\" src=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"464\" height=\"309\" srcset=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/wp-content\/uploads\/val-vesa-1609445-unsplash-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 464px) 100vw, 464px\" \/><\/a>3. Der Unber\u00fchrbare<\/em><\/p>\n<p>Eine Woche ist es her, dass ich den Tischtennispensionisten den R\u00fccken gekehrt habe und bei den Schachspielern herumlungere. Ich bin ein Fahnenfl\u00fcchtiger. Meine Freundschaft mit Lumpi Lamprecht hat einen herben D\u00e4mpfer erhalten. Lumpis Sitzfleisch ist der relativen Bewegungslosigkeit, die dem Schachspiel so eigen ist, einfach nicht gewachsen. Er hat das Handtuch geschmissen und ist bereits nach zwei Tagen reum\u00fctig ins Tischtennislager zur\u00fcckgekrochen. Ich bin aus einem ganz anderen (einem bewegungslosen!) Holz geschnitzt, auch wenn mir beim Gedanken an Gerlindes Schnitzelsemmeln und den k\u00f6stlichen Erd\u00e4pfelsalat die Tr\u00e4nen in die Augen steigen. Solche Zeichen menschlicher Zuneigung kann ich mir bei den Schachspielern v\u00f6llig abschminken.<\/p>\n<p>Das hat zwei Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>A) M\u00e4nner. Die Belegschaft beim Schach setzt sich zu 100 Prozent aus M\u00e4nnern zusammen. Weiblich Wohlmeinendes manifestiert sich ausschlie\u00dflich aus der Ferne und in Form von stanniolumwickelten Eierspeisbroten und Menagereindln, die mit Augsburgern und Reis gef\u00fcllt sind. Gerade so, wie ich sie noch aus meiner Zeit im Kindergarten kenne.<\/p>\n<p>B) Es interessiert keine Sau. Die Welt des Schachspielers ist klein. Sie endet genau an der ihm gegen\u00fcberliegenden Kante des Schachbretts, und was dahinter liegt ist eine f\u00fcr ihn abstrakte Entit\u00e4t, deren einzige Aufgabe es ist, Schachz\u00fcge zu produzieren. Wenn man Gl\u00fcck hat: schlechte Schachz\u00fcge. Die so geschaffene Atmosph\u00e4re der Entmenschlichung \u00fcbt eine wilde Faszination auf mich aus. Schei\u00df also auf die Schnitzel und pfeif auf den Erd\u00e4pfelsalat!<\/p>\n<p>Eines ist allerdings schlimm: ich bin hier nur Zuschauer. Der Gedanke, einer der hier lustwandelnden Titanen w\u00fcrde auch nur eine Sekunde darauf verschwenden, sich mit mir am Schachbrett auseinanderzusetzen, ist v\u00f6llig l\u00e4cherlich. Gerne bleibt man unter sich, ein dreizehnj\u00e4hriger Pimpf wird jedoch geduldet. Hauptsache, er macht den Mund nicht auf. Zum Gl\u00fcck hat mich das Leben bereits vor Jahren auf all das hier vorbereitet. Die Regeln des Schachspiels lernte ich mit zehn Jahren. Ein damals bei uns daheim ein- und ausgehender Onkel Wickerl nervte mich solange damit, mit ihm Schach zu spielen, bis ich ihn tats\u00e4chlich einmal, und das wirklich nur aus reinem Zufall, schlagen konnte. Danach war das Thema vom Tisch. Meine Oma, angef\u00fcllt mit einer tiefsitzenden Antipathie gegen den Onkel Wickerl, war stolz auf mich und machte mir \u00c4pfel im Schlafrock.<\/p>\n<p>Die Hierarchien in der Schachszene sind klar geregelt. \u00c4hnlichkeiten zum indischen Kastensystem sind ebenso zuf\u00e4llig wie frappant. Ein kurzer \u00dcberblick (die indischen Fachbegriffe werden zur besseren Orientierung jeweils in Klammer angegeben):<\/p>\n<p><strong>Zuschauer und Kiebitze (Unber\u00fchrbare):<\/strong> ich bin ein Zuschauer; einzige Aufgabe des Zuschauers ist es, allf\u00e4llig vorbeiziehenden Spazierg\u00e4ngern den Eindruck zu vermitteln, das Schachspiel sei insgesamt doch eh eine ganz liebe G\u2018schicht, bei der die Leut\u2018 gem\u00fctlich zusammenkommen und miteinander Spa\u00df haben. Da ich in meiner Rolle aber nicht reden darf, besteht keine Gefahr, dass dieser Irrtum jemals aufgekl\u00e4rt wird. Ganz anders der Kiebitz. Er unterscheidet sich vom Zuschauer durch die unerfreuliche Tatsache, dass er spricht. Vielmehr: er kommentiert. Von einem tiefsitzenden Glauben erf\u00fcllt, er verst\u00fcnde etwas vom Spiel, ist er \u00fcberzeugt, dass bereits seine blo\u00dfe Anwesenheit Gl\u00fcck und Freude in die Herzen der eigentlichen Spieler bringt. Der Kiebitz wird von allen anderen Kasten gehasst.<\/p>\n<p><strong>Wurzen (Bauern):<\/strong> die erste Kaste, die tats\u00e4chlichen Zugang zum Schachbrett erh\u00e4lt. Die Wurze zeichnet sich durch eine v\u00f6llige Abwesenheit von Ehrgeiz aus, sie spielt \u201ezum Spa\u00df\u201c, Niederlagen tut sie mit einem Achselzucken ab, und macht in der n\u00e4chsten Partie die exakt selben Fehler noch einmal. Wurzen bleiben gerne unter sich. Sie k\u00f6nnen es nicht leiden, von Au\u00dfenstehenden \u00fcber verschiedene barocke Regeln \u2013 etwas das Schlagen \u201een passant\u201c &#8211; belehrt zu werden, die dem Schachspiel eigen sind. Eine gro\u00dfe Schw\u00e4che der Wurze ist, dass sie immer wieder auf den Kiebitz h\u00f6rt, und sich danach wundert, wenn sie in der Partie \u00fcbel aufs Maul bekommt.<\/p>\n<p><strong>Spieler (F\u00fcrsten):<\/strong> die erste Stufe am Weg zur Erleuchtung; der wahre Spieler beherrscht die Schachregeln im Schlaf und verf\u00fcgt \u00fcber einen erweiterten Sprachschatz, der ihm hilft, sich von den Wurzen abzuheben (z.B. \u201eber\u00fchrt, gef\u00fchrt!\u201c, \u201eSpringer am Rand ist eine Schand\u201c, usw.). Die Zeichen seines Standes sind die eigene Schachgarnitur, die der Spieler allzeit mit sich f\u00fchrt, und eine Thermoskanne, gef\u00fcllt mit schwarzem Kaffee. Ziel des Spielers ist es, zu gewinnen, und zwar egal wie. Jeder Spieler sch\u00f6pft aus einem umfangreichen Fundus an Ausreden, falls wieder einmal eine Partie verloren geht (z.B. \u201edas Brett ist zu klein\u201c, \u201edie Sonne hat mich geblendet\u201c oder \u201emit so einem Muskelkater sollte ich gar nicht spielen\u201c). Gegen allf\u00e4llig \u00fcber seiner Stellung flatternde Kiebitze setzt sich der Spieler vehement zur Wehr: \u201eGeh Kiebitz, jetzt halt doch endlich deine depperte Gosch\u2018n!\u201c<\/p>\n<p><strong>Schachmeister (Priester, Gelehrter):<\/strong> der Schachmeister ist ein seltenes Tier; im Donaupark l\u00e4sst er sich kaum blicken, geschweige denn sieht man ihn dort seiner Passion nachgehen. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen der Schachmeister dann tats\u00e4chlich zugange ist, bildet sich sofort ein enger Kordon aus Anbetern und J\u00fcngern um das Schachbrett, die atemlos den kryptischen Wortspenden ihres Messias entgegenfiebern. So gleicht etwa ein gemurmeltes \u201eAh ja, Fischer gegen Spasski, Reykjavik 1972, vierte Partie\u201c dem Spenden eines heiligen Sakraments. Die Umstehenden sehen sich wissend an und nicken, jeder f\u00fchlt sich erleuchtet und keiner gibt zu, nicht die geringste Ahnung davon zu haben, was er eben geh\u00f6rt hat. Wurzen und Spieler berichten \u00fcbereinstimmend, wider besseren Wissens ausschlie\u00dflich schlechte Z\u00fcge zu produzieren, kaum dass der scheele Blick eines Schachmeisters auf ihr Brett f\u00e4llt. Selbst Kiebitze schweigen, sobald sie den Weg des Schachmeisters kreuzen. Andernfalls w\u00fcrden sie riskieren zu Staub zu zerfallen.<\/p>\n<p class=\"western\"><em>Fortsetzung folgt<\/em><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/04\/26\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-1\/\">Teil 1: Tischtennispensionisten<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/03\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-2\/\">Teil 2: Ein Hund brunzt<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/10\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-3\/\">Teil 3: Der Unber\u00fchrbare<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/17\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-4\/\">Teil 4: Ein Liebling sein<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/24\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-5\/\">Teil 5: Gefahr aus dem S\u00fcden<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/05\/29\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-6\/\">Teil 6: Die Ehre alter M\u00e4nner<\/a><\/p>\n<p class=\"western\"><a href=\"https:\/\/www.alsbachprinzessin.at\/zwickel\/2019\/06\/10\/ganz-egal-ob-schwarz-ob-weiss-7\/\">Teil 7: Das Slibowitzgambit<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Der Unber\u00fchrbare Eine Woche ist es her, dass ich den Tischtennispensionisten den R\u00fccken gekehrt habe und bei den Schachspielern herumlungere. Ich bin ein Fahnenfl\u00fcchtiger. 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