Weihnacht 1899

Aus: „Das interessante Blatt“, Nr. 51, 21.12.1899

Weihnacht 1899

Wieder flammen die Kerzlein auf den Weihnachtsbäumchen auf und wieder erklingt der Choral: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden!“

Und die frohe Botschaft „Christ ist geboren“ erfüllt die Herzen mit immer neuer Hoffnung auf Seligkeit und Glück, und das hohe Wunder der Menschwerdung Christi wird dankbaren Sinnes in inbrünstiger Andacht gefeiert. Dieses erhabene Fest der Christenheit ist zugleich das strahlendste Fest, ein Fest voll bezaubernder Innigkeit, denn jeder fühlt sich gedrängt, seine Freude auch den Mitmenschen mitzuteilen, Verwandte und Freunde durch Geschenke daran zu erinnern, dass die christliche Religion eine Religion der Liebe ist.

Der Christbaum, den die Kinder seit Wochen mit Sehnsucht erwarten, der Christbaum mit seinem glitzernden Schmucke, den strahlenden Kerzen und den Süßigkeiten, die an den Zweigen hängen und den Geschenken, die an seinem Fuße aufgestapelt liegen, ist für die Erwachsenen ein hehres Symbol – „—- und Friede den Menschen auf Erden“. Ob der Weihnachtsbaum eine ragende Tanne ist, deren Krone den stuckatierten Plafond in einem glänzenden, üppig eingerichteten Saal berührt, oder ob es nur ein ganz bescheidenes Bäumchen ist mit ein paar armseligen Kerzchen und einer Handvoll Nüsse und einigen Äpfeln, wie es die Armut spendet – gleich sind die hehren, beseligenden Empfindungen, die in den Herzen der gläubigen Menschen geweckt werden.

Über die Not und die Sorgen des Alltagslebens, über die ehrgeizigen Träume der Hochgestellten, über die bescheidenen Bestrebungen der Armen, über alle Leidenschaften und über alle Enttäuschungen erhebt sich in der Weihenacht, in der Nacht, die dem Gedächtnis der Geburt Christi im Stalle zu Bethlehem geweiht ist, über alle menschlichen Freuden und Qualen, hebt sich der Sinn empor in die reinen Höhen edler Gesinnung und Jeder und Jede neigt in Andacht und Demut das Haupt in der Stunde, da Gott Vater seinen einzig geliebten Sohn zur Erde sandte, die sündige Menschheit zu erlösen.

Mit besonderer Kraft rührt Weihnacht 1899 an die Empfindung; es ist die letzte Weihnacht in diesem Jahrhundert, und die Frage wird laut, in wieweit die Lehre des Gottessohnes von den Menschen in diesem Jahrhundert befolgt wurde und mit eindringlicher Macht, als höchste Weisung für das kommende Saeculum, tönt der Ruf durch alle Weltteile, über Land und Meer, in alle Städte und in die entlegensten Gehöfte, zu allen Glücklichen und zu allen von Elend Beladenen als beseligende Botschaft: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden!“.

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