Der Fremdscheißer

Es muss jetzt einmal ganz klar und in aller Öffentlichkeit ausgesprochen werden: O.W. Fleischer ist ein Parasit – ein Scheiß-Parasit. Kein Scheißparasit, sondern ein Scheiß-Parasit, Sie haben schon richtig gelesen. Der Kollege von den Stellenanzeigen sitzt einen Stock unter mir und fällt seit einigen Wochen durch rücksichtslosen Scheiß-Tourismus unangenehm auf. Soll heißen: Er kommt zum Scheißen regelmäßig und unrechtmäßig einen Stock höher und nimmt unsere Toiletten in Beschlag, ja ich möchte fast sagen: Er besetzt sie in einem feindlichen Akt, und das ohne Kriegserklärung. Und mit „unsere Toiletten“ meine ich auch „unsere Toiletten“ – nämlich jene Toiletten, die den Mitarbeitern im vierten Obergeschoß durch Gottes unermesslichen Ratschluss – quasi gleich einem unumstößlichen Naturgesetz – zugesprochen sind.

Lassen Sie mich die prekäre Situation unserer sanitären Anlagen in der Zentrale des „Hernalser Morgenpostillons“ kurz erläutern, damit Sie ein besseres Gefühl für meinen allumfassenden, O.W. Fleischer betreffenden Groll, bekommen.

Im Grunde lässt sich der Status Quo folgendermaßen recht anschaulich umschei…äh umreißen: Zu viele Mitarbeiter für zu wenige Toiletten. Punkt. Ein Faktum, mit dem wir seit Anbeginn der Welt beim „Hernalser Morgenpostillon“ konfrontiert sind. Gleichzeitig werden die Essensgutscheine erhöht. Das impliziert: „Mehr zum Fressen, aber gleichbleibend wenig Platz zum Scheißen“. Diese Logik soll ein Ottonormalredakteur einmal verstehen! Jedoch – es nimmt uns niemand ernst. Wer noch dazu die Qualität der in unserer Kantine gereichten Mittagsmenüs kennt, wird sich nicht wundern, dass um die Mittagszeit, kurz nach 10:30, wilde Revierkämpfe in den verfliesten Nebenräumen ausbrechen. Dieser stete Kampf um einen Scheiß-Slot ist zu einem regelrechten Krieg ausgeartet, der jedwede ansatzweise aufkeimende Kollegialität im Keim erstickt. Beim Platz ums Porzellan ist sich jeder selbst der Nächste.

Doch das ist nicht alles: Wäre die Lage nicht ohnehin schon dramatisch genug, wurde von der Geschäftsführung unseres Verlagshauses die Zusammenlegung kleinerer Büros in Großraumbüros angeordnet. Unter dem klingenden Slogan „Moderne Welt des Schreibens“ sind nun noch mehr Artikellegehennen auf engerem Raum zusammengepfercht, was die Toilettensituation noch einmal zu unseren Ungunsten verschärft.

Zurück nun zu meinem asozialen „Kollegen“ O.W. Fleischer. Ich verwende jetzt, während ich mich langsam in eine ihn betreffende Hasstirade schreibe, bewusst das Attribut „asozial“, weil es seine verkorkste Persönlichkeit, seinen miesen Ellenbogen-Charakter am besten beschreibt. Dieser Mensch hat nichts Gutes an sich, soviel kann ich sagen.

O.W. Fleischer kommt aus heiterem Himmel. Er taucht immer dann auf, wenn man sehnsüchtig seine Kaldaunen auswinden möchte, weil man den Tagesteller II schon wieder nicht vertragen hat. Er kommt immer dann über einen, wenn man mit wilden Bauchkrämpfen in seinem Drehstuhl vor dem elektrisch höhenverstellbaren Tisch verspreizt ist. Immer dann, wenn man nicht weiß, wie man die paar Meter zum Herrenklo überwindet – mit zusammengekniffenen Arschbacken, auf Zehenspitzen wie eine Ballerina tänzelnd, um die Contenance nicht zu verlieren. Da lurt man vorsichtig um die Ecke, hört auf das erlösende Geräusch des Papierspenders hinter den Klomauern, der besagt: Da hat endlich einer ausgeschissen, und „Jetzt bin aber ich dran!“. Ich stürme durch die Tür: ROT. „Na macht nichts, bissl halt ich es noch aus!“. Fünf Minuten später: „Aber jetzt…!“. Nein, jetzt auch nicht: ROT! Derart aufs Neue gedemütigt, zieht man alibihalber ein Papier aus dem Papierhandtuchspender, nur um allen zu signalisieren: „Aufs Klo? Wieso? Ich wollte nicht aufs Klo, ich brauche nur ein Papierhandtuch!“. Mit dem wische ich mir dann mal den Schweiß von der Stirn. Das nächste Mal: ROT. Und wieder ROT, ROT, ROT, ich stehe unaufhörlich vor verschlossener Türe.

„Man muss das wohl planmäßiger angehen!“, denke ich, und postiere mich unauffällig im Küchenbereich, die Klotüre immer im Blick. Verstohlen scanne ich meine Umgebung – damit mir jetzt ja niemand dreinpfuscht. Ich bin wie eine Drohne, der nichts entgeht. Im Gedärm rumort es schon bedenklich. Niemand da – der Papierspender geht: Einmal, zweimal, dreimal. Ein viertes Mal, ein Schnäuzen, das in jenes vierte Papiertuch geht, die Türe wird aufgerissen, ich sprinte los und kann man Glück kaum fassen, schon bin ich drei, zwei, einen Meter von der Türe entfernt, die doch nicht einmal richtig ins Schloss gefallen ist, da räumt mich ein Ellenbogen aus dem Weg: „Tschuldigung, ich muss…!“. Aus meinem verdutzten Angerührtsein heraus – einer Mischung aus Demütigung, Zorn, Hass und Verzweiflung – nehme ich nur noch den hochroten Kopf von O.W. Fleischer wahr. Es macht „Rumms“ und „Klack“, es wird ROT, ich höre das energische Klirren einer Gürtelschnalle, die auf Fliesen schlägt, dann nur noch einen erleichternden Seufzer hinter der Kabine des Herrenklos. Ich stehe da wie der Arsch vom Dienst.

In diesem Moment wird mir klar, was es mit dem Begriff: „Seine Notdurft verrichten“ auf sich hat: „Ich durft‘ in der Not nicht verrichten, weil der Tourist O.W. Fleischer stockwerksfremd scheißen geht!“.

Wut steigt mir den Wanst hoch und entlädt sich in wilden Hasstiraden (die ich mir allerdings nur denke) und roten Stressflecken im ganzen Gesicht.

„Geht’s alle scheißen!“ entfährt es mir. „Würd‘ ich ja gern“, maunzt irgendwer verschüchtert aus dem Großraumbüro….

Mehrere Wochen geht das so. O.W. Fleischer ist immer dann zur Stelle, wenn das Herrenklo gerade frei ist, und ich es dringend bräuchte. Nie ist es ein anderer Kollege, nie ist es jemand aus dem vierten Stockwerk. Immer ist es dieser gemeine O.W. Fleischer aus dem dritten Stock. Anstatt einer Entschuldigung sehe ich dann auch noch sein schafsdummes Gesicht, wenn er sich nach gefühlt fünfundvierzig Minuten endlich von MEINEM Klo schleicht und so tut, als wäre es das normalste von der Welt, hier bei uns am Stockwerk einzukehren.

In der Adventszeit macht plötzlich ein Gerücht die Runde: Der Chefredakteur, im wahrsten Sinne des Wortes angepisst, hat sich um teures Geld eine private, nur ihm zugängliche Luxustoilette im zwölften Stock einrichten lassen. Der CFO hat dafür ein Sonderbudget freigeschält. Angeblich geht sogar ein eigens installierter Lift direkt von seinem Büro (das in etwa die Hälfte unseres Großraumbüros misst, auf dem ich mit siebzig anderen Kollegen zusammengepfercht bin) in diese Räumlichkeiten.

In den Bierpausen schwelge ich mit meinen Kollegen vom vierten Stock in wahnhaften Fieberträumen:

„Da soll es den ganzen Tag Fahrstuhlmusik spielen“, sagt der fette Reimann.

 „Und Frotteehandtücher, die zweimal täglich gewechselt werden! Stellt euch das mal vor“, füge ich sehnsuchtsvoll hinzu.

„Toilettenpapier mit vier Lagen! Einmal dort oben mobile Working machen…“ sagt ein anderer Kollege, dessen Namen mir gerade nicht einfällt. Der Namenlose verdreht wollüstig die Augen.

Wir stöhnen vor Verzückung und lassen uns jeder noch ein „Villacher“ aus dem Alkomaten.

Vorne fällt die Eingangstüre wuchtig ins Schloss: O.W. Fleischer reitet schon wieder eine Attacke auf unsere Toilette…

Zwei Tage später spielt mir der Zufall in die Hände: Ich finde in der Tiefgarage einen kleinen Schlüssel, der mit „WC“ beschriftet ist. In mir steigt eine Ahnung hoch. Ich fahre in den zwölften Stock. Nach längerem Entlangtasten an den Trockenbauwänden finde ich die Fuge, ein leichter Fingerdruck gibt das kleine Schloss frei, zu dem der Schlüssel aus der Tiefgarage passt, und voilà, ich bin im Toilettenheiligtum des Chefredakteurs. Das Geheimklo des Chefs ist eine Wunderwelt moderner Sanitärtechnik, quasi das Disney-World des Toilettenconnaisseurs von Welt: Zarte, charmante Beleuchtung setzt die von weißem Alabaster und cremefarbenen Marmor geprägte Atmosphäre wohlig in Szene. Ein linder Duft von frischen Wiesenkräutern, Vanille und Brombeeren umspielt keck meine Nase. Ich stelle vergnüglich fest, dass die goldenen Wasserhähne sich harmonisch ins Gesamtbild fügen und keineswegs zu protzig wirken. Den DAB-Tuner auf den Klorollenhalterungen in jeder der fünf Kabinen ist ein gelungener Gag. Die eingebaute Klobrillenwaschanlage ist funktional und dient der Hygiene zugleich. Der 55“ OLED TV, an dem eine PS4 hängt, rundet den positiven Gesamteindruck ab. „Hier scheißt man wie Gott wie in Frankreich!“, entfährt es mir spontan.

Ich sperre die komplette Anlage von innen ab und habe nicht vor, diese heil’gen Hallen so schnell zu verlassen.

„Dieses Würschtl O.W. Fleischer, soll er doch aufs Proletenklo gehen. Peinlich!“, sage ich zu mir selbst und lache einmal diabolisch auf, weil ich es mir schuldig bin, und das längst mal fällig war.

Ein paar Minuten später hämmert ein aufgeregter Chefredakteur an die Außentüre:

„Verdammt nochmal, wer scheißt denn da auf meinem Klo?“, schreit er. Man möcht’ glauben, er erliegt gleich einem Schlaganfall, weil er sich so gar nicht mehr beruhigen kann.

„Oh weh!“, flüstere ich.

„Das hab‘ ich gehört, Fleischer! Oh weh, Fleischer! Für deppert brauchens mich nicht verkaufen!“, brüllt der Chefredakteur.

Und:

„Ich geh‘ jetzt runter zu Ihnen in den dritten Stock aufs WC. Weil Fremdscheißen kann ich schon lange! Aber Gnade Ihnen Gott, wenn Sie fertig sind. Sie können sich nachher gleich Ihre Papiere bei mir abholen!“.

O.W. Fleischer ist endlich im Arsch daheim – er hat fürs erste ausgeschissen. Die Klokriege im „Hernalser Morgenpostillon“ aber gehen ohne ihn munter weiter…

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