Auf mich

Feste feiert man ja bekanntlich feste, wie sie fallen. Der erste November ist mein Jahrestag: Vier Jahre schon lenke ich im Hintergrund, als illuminierte Reminiszenz an eine Eminenz, die Geschicke des Hernalser Morgenpostillons, weil mein Chef eh von nix eine Ahnung hat. Seien wir ehrlich zu mir selbst: Ohne mich hätte diese inkompetente Oberpfeife den Laden schon längst dichtmachen können, und würde seine unverdiente Frühpension in Thailand am Strand genießen, während ihm die Ladyboys beim Update seines Herzschrittmachers auf Windows Server 2016 große Augen machen.

Es ist Montag, der 31.10. Für meine große Party ist schon alles angerichtet: Lampions, Glitzerhütchen, Konfetti, Luftballons in den giftigsten Kaugummifarben und eine Kiste Pommery Brut Royal 1978. Als männlicher Ableger unserer Spezies bin ich naturgemäß Chaot, für das ungeübte Auge auf den ersten Blick unorganisiert, frage niemals nach dem Weg, auch wenn sich noch so viele Einheimische scheinbar hilfsbereit anbiedern, und rufe den Notarzt, wenn meine Nase rinnt und der Hals kratzt. Nichtsdestotrotz habe ich diesmal alles perfekt im Griff. Schließlich schmeiße ich diesen Scheißladen seit fast vier Jahren. Das gehört gefeiert.

Am 1. November ist in der Sozialzone alles bereit. Ich husche, direkt nachdem man mich aus der Bettelalm geschmissen hat und ich einer mich amtsbehandelnden Polizistin erfolglos schöne Augen gemacht habe, zur Sandwichbude mit den unaussprechlich guten Brötchen (die man aber eh Tritschesniewski ausspricht, zumindest meinte das mein Religionslehrer) um meine Bestellung für die fünfzig zu erwartenden verfressenen Mäuler (Reimann ist nicht eingeladen) abzuholen.

„Schade, dass die Tritschesniewski-Ferdln niemals daran gedacht haben, Käsekrainer-Hotdog als Geschmiere auf ihre Brötchen aufzubringen“, sinniere ich, als ich eilfertig die Redaktionsräume betrete, noch einmal letzte Begutachtungen an der Dekoration, dem roten Teppich und der Leiche von Johnny Cash, die ich extra für unser musikalisches Amusement aus den Vereinigten Staaten einfliegen ließ, vornehme.

„All set up!“, schreie ich inmitten der Sozialzone, wissend, mich wieder einmal selbst übertroffen zu haben.

Die Gäste können kommen.

Zumindest bestünde eine 30%ige Wahrscheinlichkeit auf Auftauchen eines Gastes, wenn nicht Feiertag wäre, und ich Einladungen verschickt hätte. Mit einem wunderschönen, schweinchenrosa Hütchen am sexy graumelierten Haar, liebkosend umschlungen von mir gewogenen Luftschlangen, fresse ich die unaussprechlichen Brötchen, saufe die Kiste Champagner aus und schreibe ein Memo an mich selbst: „Fünfjähriges am 2.11.2017. Auswärts! (Bettelalm?)“.

Ich schreibe noch schnell eine Glückwunschkarte auf meinen Namen (mit der linken Hand) und verstreue leere Flaschen und unaussprechliche Reste unaussprechlicher Brötchen im ganzen Eingangsbereich für den anbrechenden Arbeitstag – es soll niemand sagen können, wir hätten nicht anständig mein Jubiläum gefeiert! Wer nicht eingeladen war, wird schon wissen, warum ihm meine Gunst nicht hold war und darf das nächste Jahr darüber nachdenken.

Am 11.11. gehe ich dann mit meiner Laterne. Es ist kompliziert. Und wenn dieser Johnny Cash-Zombie im Quiet Room nicht endlich seine Schnauze hält, kaufe ich mir eine Andrea Berg CD – das bin ich mir wert. Ich bin ja schließlich nicht irgendwer … sondern schmeisse diese unaussprechlich jämmerliche Bude seit über vier, naja eigentlich schon seit fast fünf Jahren.

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