Der fette Reimann (I)

Erster Advent: Dröger Bereitschaftsdienst in der Redaktion. Eine Stimmung wie in einem Pflegeheim für invalide Wanderzirkusartisten. Das Ticken meiner original in China gefälschten Apple Watch stört mit frecher Regelmäßigkeit meine Schlafdummheit.

Nach drei heiß aufgekochten, äußerst belebenden Tassen Wodka, die ich aus moralischen Gründen mit etwas selbst gebrautem Turbopunsch auf einen halben Liter strecke und mit je zwei kleinen Stamperln Winterjägermeister hinunterspüle, um am nächsten Tag bei meinem Zahnarzttermin möglichst weihnachtlich rüberzukommen, räkle ich mich bemüht in meiner Arbeitshängematte und lausche beflissen der ohrenbetäubenden Stille, die mich umfängt. Die Zeit will und will nicht verrinnen: Alle dreißig Minuten stelle ich mit Schaudern fest, dass erst wieder zwei Minuten vergangen sind am langen Weg zum Montag, 8h morgens, wenn ich den Dienst abgebe.

Da schrillt, zum ersten Mal an diesem Vormittag, mein Outlook: Jemand hat sich erdreistet, mir zu schreiben. Ich zucke zusammen. Gleich ganz alert, kippe ich meinen trägen Leib in der Hängematte behutsam über die rechte Schulter ab und entsperre mein Notebook, das da unten irgendwo lauert. Verrückt und grün ist neune: Mail vom Chef. Was kann der Alte bloß wollen? Ich dachte, er würde schon Vanillekipferln mit seiner steinalten, beinahe frisch exhumierten Mutti im Altersheim schnabulieren, dazu an Eierlikör nippen und den immer aktuellen, niemals langweiligen Geschichten aus der Nachkriegszeit lauschen. Königgrätz interessiert mich aber gerade nicht, denn mir rutscht das Herz in die Hose, als ich die munteren Worte des Chefredakteurs – entgegen meiner Gewohnheit, nur kurz drüberzufliegen, bevor ich die Mail permanent lösche – en Detail zu studieren beginne:

Stolzgeschwellt und voll der Freude verkündet er dem Verteiler „LocalEditorsUnit1“, dass der fette Reimann, sein, wie er immer betont, „bester Mann im Stall“ und „verlorener Sohn“ per 1.12. heimkehrt in die heil’gen Hallen des „Hernalser Morgenpostillons“. Die Weihnachtsfeier, so der Chef weiter, müsse aus diesen Gründen, so bedauerlich das auch sei, auf Mai oder – spätestens – Oktober 2016 verschoben werden, da man ansonst die weitreichenden finanziellen Forderungen des fetten Reimann, den man unbedingt wieder an den Verlag binden müsse, nicht erfüllen könne. „Verdammt“, denke ich wütend, „doch kein besinnliches Besäufnis in Schloss Neuschwanstein“. Ich bin auf 180. Der fette Reimann hat – wie von mir erwartet – beim „Ottakringer Abendanzeiger“ Schiffbruch erlitten und kehrt reuig zurück.

Ich erfahre noch: Die Drehtür am Eingang der Redaktionsräume wird – für Reimann barrierefrei – gegen eine automatische Schiebetür ausgetauscht. Weiter: Der fette Reimann bringt potente Anzeigenkunden mit (u.a.: Gitti’s Nähstube, das Hernalser Bezirksmuseum, den Trafikanten Wallner, Zielpunkt) und wird dafür mit einer Führungsposition belohnt.

Nämlich mit meiner!?

Der Rest der Email ist ein einziges, unerträgliches Gefasel, das jedweder Grundlage entbehrt. Unverfroren haut mir der Chef Führungsinkompetenz um die Ohren und redet, was mir noch viel schleierhafter vorkommt, von „regelmäßigen Entgleisungen“, „fehlendem Teamgeist“, „schludriger Arbeitsmoral“ und einem Alkoholproblem, das mich für Führungsverantwortung untragbar gemacht hätte. Man brauche jetzt, gerade in diesen schwierigen Zeiten – die Prognosen verheißen eine Umsatzsteigerung von lediglich 12% – einen echten Teamplayer.

„Eine Frechheit!“, denke ich, „wer organisiert denn im Sommer die regelmäßigen Schweizerhaustermine auf Firmenkosten und das tägliche Team-Jour Fixe im Irish Pub?“

„Wer“, exaltiere ich mich weiter, „ja, wer zum Henker sorgt – auf Privatkosten – immer für eine volle Hausbar in der Sozialzone? Wer, so frage ich“, schreie ich nun laut heraus, „wer organisiert nach Dienstschluss die Whiskey-, Weinbrand-, Likör- und Schnapsverkostungen im großen Besprechungsraum? Wer ist hier kein Teamplayer??“.

Dass also von all dem keine Rede sein kann wird dieser Hans-Wurst noch rechtzeitig erfahren, wenn ich diese geradezu unhaltbaren Anschuldigungen beim von mir lancierten Betriebspunsch zugunsten der Anonymen Alkoholiker nächste Woche mit der Personalvertretung bespreche.

Ein Nachsatz, der mich verletzen soll: Die Katzenkolumne vom fetten Reimann sei immer besser gewesen, als die meine. (Diesen Vorwurf vergesse ich großmütig).

Und das angesprochene Alkoholproblem: Lächerlich zum Quadrat! Ich schenke mir noch ein Krügerl von dem Glühwodka ein und weiß, dass sich der fette Reimann warm anziehen muss. Denn diese Aktion bedeutet Krieg – bis aufs Messer … der soll nur kommen am Dienstag, der feine Herr!

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