Schulungsmaßnahmen

Frühmorgens um 11:11 bestellt mich der Chefredakteur in sein verrauchtes Kabuff, um mir völlig out of the blue in meinen davonschnurrenden Kater hinein zu eröffnen:
„Zwickel, die Wasserschädeln da oben im Konzern haben uns mehr Schulungsbudget genehmigt. Heißt im Klartext, dass ihr alle auf Schulung gehts. Wenn ich den Posten nicht zur Gänze verbrauch krieg ich nächstes Jahr weniger. Allein aus moralischen Gründen, wengam Prestige und weil ma denen da oben was z’Fleiß machen können, müssen wir die Marie hochkant verplempern“.

Schon beginne ich innerlich zu jubilieren ob der Möglichkeit, nach jahrelanger Verschwendung meines Lebens nun doch endlich etwas Sinnvolles – den Würstelstandentrepreneur I bei Humboldt – machen zu können, als der Chefredakteur mit Stentorstimme mein Luftschloss kollabieren lässt: „Diesen schwindligen Würschtelstandkurs, der seit 13 Jahren jedes Mal wieder nach einer Flasche Marillenbrand mitm Teamlead in Ihrem Mitarbeitergespräch vereinbart wird, den können Sie sich Ihnen allerdings aufzeichnen, dass ma uns da gleich richtig verstehen“.
Von meinen nächtlichen Feldstudien am Schweglerstadl erwähne ich aus taktischen Gründen nichts, entgegne stattdessen: „Wissens, Herr Chef, auf den bin ich eeeeh gar ned sooo heiß, da wär ich sogar persönlich beleidigt, wenn Sie mich zu dem hinschicken täten, das is ja nur was für absolute Volltrotteln“. Der übliche gewiefte psychologische Mechanismus, auf den ich all meine Hoffnungen baue – „Wenn ich scheinbar nicht will, schickt er mich aus Trotz hin, nur um mir eins auszuwischen“ – zieht dieses Mal nicht.

Der Chefredakteur nimmt mich ins Gebet: „Sie wissen eh, wir haben ein massives Qualitätsproblem beim Hernalser Morgenpostillon. Nur 88% sind ITIL-zertifiziert.“

„ITIL wos?“, nöle ich und stelle mich schafsdumm.

„Oida, wozu bezahl ich Sie eigentlich, wo haben Sie Ihren Redakteur gemacht – beim KPÖ Bezirkswisch in Wulkaprodersdorf? ITIL: International Tabloid Infrastructure Library. Das Management Framework im Boulevardblattwesen. Wissens scho: Prozesse, Funktionen, Rollen und der ganze Bullshit – wie man halt was mit wem und warum oder vielleicht managt oder zumindest so tut als ob“

„Und was kümmert mich das?“

„Vor zwei Jahren waren wir noch bei 90% Zertifizierungsrate – beim letzten Audit ist dann die bittere Wahrheit rausgekommen. Ich hab vom konzernoberen Quality Manager schon eine aufs Dach gekriegt. Also, es hilft nix, Sie und die Frau Pribil, Sie müssen sich Ihnen zertifizieren“

„Und wieso plötzlich nur noch 88%?“

„Najo Zwickel, der fette Reimann is ja gegangen.“

„Geh leck, der fette Reimann, der Blade. Wieder mal der Reimann, ich hätts mir denken können“. Unbändige Wut steigt in mir hoch. Dem werd ich nächsten Donnerstag im Café Susi aber sowas von den Marsch blasen, wenn er mir die von ihm geschriebene Katzenkolumne zusteckt, darauf kann er Gift nehmen!

„Aber was ich ned versteh, Chefchen: Wieso dann die Natalie und ich – wir zwei? Reicht ned eine?“

„Da fette Reimann zählt für zwei“

„Und wenn ich wirklich so gar nicht will?“, frage ich mit treuem Hundeblick.

„Dass Sie nimmer wollen ist mir eh klar. Aber ich will es mal so formulieren: Wenn man im Arbeits- oder, wie in Ihrem Falle, Berufsleben Stolpersteine identifiziert, mit denen man nicht zurechtkommt, müsste man sich von dieser, wie es scheint, unüberwindbare Hürden generierenden Lebensumgrenzung trennen – oder davon getrennt werden – proaktiv vom Management, das immer nur Ihr bestes will für Ihre private und berufliche Zukunft. Das wäre dann im Übrigen relativ zeitnah – und um es mit ITIL zu sagen: kosteneffizient und für alle beteiligten Seiten, also für meine, wertschöpfend“

Zwei Tage später sitze ich mit Kollegin Natalie zur Schulung in unserem Besprechungszimmer „Queens Club“. Unser ITIL Coach – ein echter Sonnenschein, smart, Zwirn: „Business casual“, im richtigen Leben Unternehmensberater, Zeitungsauslieferungsconsultant, Hundetrainer und Supernanny – konfrontiert uns zum ersten Mal mit der harten, prozessual designten Wirklichkeit des Zeitungsverlagswesens:

„Ok, ihr zwei, fangen wir zum gemütlichen Einstieg simpel an: Der Prozess“.

„Von Franz Kafka“, meint Natalie.

„Ein Gerichtsverfahren“, mutmaße ich.

„Ja, gut, schon ganz gut…“, sagt die Supernanny.

Dann blitzt die erste Powerpoint-Folie am Präsentationsschirm auf.

„Geh oida, siehst du das? Folie 1 von 773!“, schickt Natalie über den Firmenmessenger.

Ich schreibe zurück: „Naja, heftig für zwei Tage. Und nur Text, gor kane Büdaaaa“

„Das ist der erste Foliensatz von 4 – sollten wir bis heute Mittag locker schaffen. Morgen dann gegen 23h die Zertifizierungsprüfung“, sagt der Coach in meine nun aufkeimende Panikattacke hinein. „Aja störts wen, wenn wir morgen statt um 9 Uhr schon um 4h beginnen?“, fügt er noch hinzu, ehe mir die Sinne vollends schwinden.

„Sieht amal sehr theoretisch und trocken aus. Aber ist es gar nicht. Es ist echt totaaal praxisbezogen“, sagt der Coach.

„Duhuuuu, Coach, a Frage: Wie schaut das mit der Prüfung eigentlich aus?“, fragt Natalie, um ihm ein wenig die Fahrt zu nehmen.

„Naja, also es ist ein Multiple Choice Test. 280 Fragen, zum Durchkommen brauchts aber nur 276 richtige Antworten. Und echt gmiadliche 60 Minuten habts Zeit“

Natalie: „Da bin ich jetzt beruhigt“

Ich: „Muss man da nüchtern sein?“

Coach: „Würde ich niemandem empfehlen“

Um es an dieser Stelle klar zu sagen: Ich auch nicht.

Zwei Tage gehen Natalie und ich durch die Hölle, pauken bis uns das Hirn platzt. Wir bestehen beide und erhalten das Wohlwollen des Chefredakteurs dadurch zwar nicht zurück, aber er fasst diese Möglichkeit zumindest ins Auge. Natalie erreicht 279 Punkte, ich schaffe nur 277 richtige Antworten. Dafür ernte ich von Natalie ein höchst verdientes, geschmeidiges „Loooooser!“. Wir feiern ausgiebig in einer ganz tiefen Wiener Proletendisco. Das letzte, woran ich mich erinnern kann: Ich habe den Bierautomaten im Schwitzkasten und schreie ihm in sein vermeintliches Antlitz: „Heast, woooos is G’schissena, a Lokalrunde hab ich g’sagt! L-O-K-A-L-R-U-N-D-E! I bin jetzt ITIL-zertifiziert!“

Liebe Mitstreiter der schreibenden Zunft: Lassen Sie sich ITIL-zertifizieren. Es lohnt sich. Bis jetzt habe ich nur Vorteile, sowohl in beruflicher, als auch in privater Hinsicht erfahren. Man stelle sich vor: Drei Tage nach der Abschlussprüfung kam das ITIL-Welcome-Package: Eine aus indischem Teakholz gezimmerte, mit Samt ausgekleidete Schatulle, die folgendes enthielt:

• Kunstgoldverbrämte Manschettenknöpfe mit dem ITIL-Logo (Schwarze Druckerpresse auf blauem Grund); eine Anstecknadel in identischem Design
• Ein handgeschriebenes (Faksimile) Begrüßungsschreiben mit dem Titel „Welcome to the ITIL Brotherhood“ (Deckblatt) und dem 1000-seitigen Verhaltenskodex der Gemeinschaft
• Eine Mitgliedskarte im Scheckkartenformat (Bronze). Vorteile wohin man sieht, bei weltweit über 2 Partnern, z.B.: Zutritt in die Senator Lounge am Flughafen Mogadischu, freies WLAN in einem Coffee Shop in Shanghai; Zutritt zum geheimen 11. Stockwerk des Verlagsgebäudes (muss vom Portier noch freigeschaltet werden)
• Eine blaue Robe mit Kapuze (für uniformes Auftreten im Businessalltag)

Ja, lassen Sie sich zertifizieren. Ich bin nicht nur ein besserer Mensch, sondern auch ein besserer Mitarbeiter geworden. Bücken wir uns alle hoch. Weiterbildung ist alles. Darauf ein Bier.

Kunden die das lasen, haben auch gelesen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

css.php