Der Sommerpraktikant

Jedes Jahr, wenn wir beim Hernalser Morgenpostillon saft- und kraftlos ins Sommerloch stürzen, heißt das ganz automatisch: Die Zeit der Sommerpraktikanten ist gekommen. Wir schlagen uns dann wochenlang mit demotivierten, trägen, frechen und nichtsnutzigen Stoffeln herum, die uns mehr Arbeit machen, als sie uns abzunehmen vermögen. Machen wir uns nichts vor: Sommerpraktikanten sind das Geld nicht wert, das sie sowieso nur in geringem Maße verdienen. Da bekommt sogar meine wohlbekannte soziale Ader ein fettes Aneurysma.

Der mir zugeteilte Sommerpraktikant heißt Kevin, ist 21 Jahre alt, studiert Philosophie und hat mehr Metall im Gesicht als ein Altwarentandler jemals in seinem Leben verkaufen kann. In der Redaktion nennen wir ihn „Ferdl“, weil bei uns grundsätzlich alle Praktikanten so heißen.

„Das was der verdient versauf ich an einem Abend“, nölt Natalie gelangweilt, blättert die einschlägigen Kontaktanzeigen in einem Konkurrenzblatt durch, und während Joe Cockers „Summer in the City“ im Loop aus dem Radio grölt, wird uns klar: Der Kampf gegen diesen parasitären Taugenichts ist eröffnet. Allein schon wenn ich ihn mir so betrachte, ganz verstohlen zwischen meinem azurblauen Cocktail und dem Ventilator hindurch, angestrengt in meiner Arbeitshängematte über dies und jenes sinnierend, ist klar: Der Typ ist ein absoluter Owizara. Soviel steht fest.

Diese daseinsverneinend- lässige Haltung am Arbeitsplatz und generell eine Körpersprache die sagt: „Mia is ois wuascht“. Dabei stapelt sich in der Redaktion die Arbeit und wir kommen nicht mehr nach. Sie ist in dieser sommerlichen Unterbesetzung kaum zu bewältigen.

Drei Körbe Bügelwäsche – einer von mir und zwei vom Chefredakteur – warten dringlich darauf, am Bügelbrett in Facon gebracht zu werden. Bis jetzt hat dieser faule Ferdl gerade mal meine Hilfiger-Polos geschafft. Arbeitseinsatz: Fehlanzeige. Soviel steht fest.

Und dann kommt der fette Raimann vom Sport auch noch später, weil dieses Siebhirn wieder einmal seine Golfschläger zuhause vergessen hat und auf halbem Wege noch einmal umdrehen musste. „Na der wird Augen machen“, sage ich leise vor mich hin und denke an das grausam zugerichtete Putting-Green in der Sozialzone, um das sich eigentlich der Ferdl heute früh nach Dienstbeginn um 5:30 hätte kümmern sollen. Aber als ich um 10:30 die Redaktionsräumlichkeiten betreten hatte, war hier natürlich noch nichts passiert. Arbeitsmoral: Fehlanzeige. Soviel steht fest.

Natalie geht es, wie ich feststellen muss, auch nicht besser. Die Wochenendreportage über das Hernalser Trafikantensterben – ein heikles Thema, das sie unserem Ferdl aus reinem Großmut überlassen hatte („Der kleine soll halt auch was lernen, wenn er schon da ist“) – hat der Junior auch noch nicht fertig. Nicht einmal begonnen hat er damit, obwohl er seit Auftragserteilung schon eine Stunde Zeit gehabt hätte. Ehrgeiz: Nullnummer. Soviel steht fest.

„Du Zwickel, ich will ja nix sagen, aber wenn sich der nicht bald mal am Riemen reißt…“, flüstert mir Natalie zu. Sie ist ob dieses Desinteresses eines – wohlgemerkt freiwillig in unseren Diensten stehenden Praktikanten – so aufgewühlt, dass sie das Lackieren ihrer Zehennägel unterbricht und mir ankündigt, erst einmal eine Frustrunde auf der Wii zocken zu wollen. Da hat sie die Rechnung aber leider ohne den Ferdl gemacht: Der böse Bube hat vergessen, den Beamer im Outlook zu reservieren…

„Ja ich weiß Natalie, jetzt ist der Kerl schon den zweiten Tag da und weiß immer noch nicht wies läuft“

„Aber was ist das bloß für eine Arbeitseinstellung, in was für einer g’schissenen Zeit leben wir eigentlich?“. Natalie mixt sich noch einen Cocktail. Sie muss erst wieder runterkommen, was hier abgeht passt nicht in das Weltbild einer Vollblutjournalistin.

„Ich begreif das auch nicht ganz. Man kann da nichts machen. Drei Wochen müssen wir noch durchhalten“

„Das halt ich voll nicht aus mit dem Seppl. Schau, jetzt hat er auch noch Facebook offen! Na dem schick ich jetzt sofort eine g’schmalzene Message über den Messenger!“

„Ich geh auf Außendienst! Einer hier muss ja schließlich was arbeiten!“, und dann noch direkt an Ferdl gerichtet: „Wenn ich zurückkomm und die Wäsche ist nicht fertig…!“

Ich verbringe den Rest des Nachmittags mit angestrengten Recherchen im Kongressbad, kann aber keinen produktiven Gedanken fassen. Zu sehr ärgere ich mich über die Jugend von heute, die glaubt, gebratene Tauben fielen ihnen vom Himmel direkt in ihre gierigen Münder. Man reißt sich da täglich im Büro den Arsch auf – und wofür? Für nichts. Praktikanten sind charakterlos und zu nichts zu gebrauchen. Soviel steht fest.

Der Clou kommt aber noch: Als ich am Abend heimkomme, steht mein Auto ungewaschen vor der Tür. Von Kevin fehlt jede Spur. Eine telefonische Nachfrage ergibt, dass er es vorgezogen hat, den Wagen des Chefredakteurs zu waschen. Eine solche Missachtung der Bedürfnisse eines direkten Vorgesetzten muss Konsequenzen haben. „Morgen ist auch noch ein Tag, Freundchen“, denke ich und merke, dass ich ein sardonisches Lächeln aufgesetzt habe. Für die ihm noch verbliebene Zeit hat Ferdl einen VIP-Platz direkt in der Hölle gebucht. Soviel steht fest.

 

 

 

 

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